Klappentext

Aus dem Französischen von Thomas Laux. Sie sind ein junges, gewiss auch seltsames Paar, Pierre Changarnier und seine Freundin Violette. Changarnier lebt in einem schäbigen Hotelzimmer und ist arm, doch weiß er auch, daß in seinen vier Wänden nichts passieren wird, was seine Situation verändern könnte. Also macht er sich zusammen mit Violette auf, "dem Glück entgegenzugehen, da es nun mal nicht zu uns kommt." Ihr Streifzug durchs nächtliche verschneite Paris verläuft aber anders als gedacht. Als sich ein kleiner Mann an ihre Fersen heftet und Changarnier ihn nicht abschütteln kann, kommt es zu einem Gewaltausbruch. Der Mann fällt zu Boden, und Changarnier glaubt, ihn umgebracht zu haben...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.08.2010

Als echten Fund beklatscht Rezensentin Bettina Augustin in ihrer kurzen Kritik Emanuel Boves Erzählung "Schuld", die nun erstmals auf Deutsch erscheint, und sie lobt den Lilienfeld-Verlag nachdrücklich für diese schöne "(Wieder-)Entdeckung". Für eine Reihe des Verlegers Dominique Braga hatte Bove diese Fortschreibung von Dostojewskis "Schuld und Sühne" 1929 verfasst, und er lässt die Hauptfigur, die hier Changanier heißt, sich in "Phantasmagorien eines obsessiven Kinogängers" ergehen, so die Rezensentin fasziniert. Dieser imaginiert sich selbst als Filmschauspieler, der einen eingebildeten Mord gesteht und sich dabei die Regieanweisungen gleich mitgibt, erklärt Augustin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.08.2010

Rezensent Steffen Richter versucht in seiner Besprechung von Emmanuel Boves Roman "Schuld", der im Original bereits 1932 erschien, in einem literaturgeschichtlichen Kontext zu verorten. Nach Richter Meinung zeigt Bove sich bisweilen als "Kafkas Bruder im Geiste", auch eine Verwandtschaft zu Dostojewski stellt der Rezensent in Anbetracht der moralischen Ambivalenz des Protagonisten fest. Geradezu modellhaft kann man Richters zufolge an der Bove-typischen Hauptfigur Changarnier die "Disposition des modernen Subjekts" studieren: Er ist "gebeutelt von Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen" und steckt in einer tiefen geistigen wie finanziellen Krise. Geld lässt sich mit Boves Romanen hierzulande aber nicht groß verdienen, stellt der Rezensent fest, schon verschiedene Verlage haben sich daran versucht. Nur der Übersetzer Thomas Laux, dessen Arbeit der Rezensent in diesem Zusammenhang lobt, sorgt für Kontinuität.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2010

Zu entdecken ist dieser Autor hier in hochkonzentrierter Form, erklärt Anja Hirsch. Obgleich kein Geheimtipp mehr, verrät uns die Rezensentin noch einmal, was Emmanuel Bove ausmacht: Eine schnörkellose Sprache und der genaue Blick auf Einzelgänger und ihre Neurosen, auf Milieu und innere Verwüstungen. In diesem, wie Hirsch schreibt, von Thomas Laux "glasklar" übersetzten schmalen, dichten Roman geht es um persönliche Schuld und Sühne in der Kulisse des winterlichen Paris. Ein bisschen kleiner als bei Dostojewski, aber nicht minder verstörend und bizarr, befindet Hirsch.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.07.2010

Tobias Schwartz freut sich sehr über die erste (und gelungene) deutsche Übersetzung von Emmanuel Boves Dostojewski-Variation: ein Raskolnikoff-Konzentrat, und als solches aus seiner Sicht nicht weniger spannend als das Original. Denn Boves Antiheld Changarnier entstamme deutlich dem 20. Jahrhundert, sei eben auch ein Verwandter von Sartres Ich-Erzähler aus "Ekel" oder Kafkas verlorenen Figuren. Eine Szene des Buch erscheint dem Kritiker gar als Gegenentwurf zu Kafkas "Der Prozess". Der Kritiker ist auch beeindruckt von Boves knapper, auf das Wesentliche reduzierter Sprache, die nichtsdestotrotz plastische, ja Buster-Keaton-hafte Slapstickbilder zu produzieren versteht. Auch die bibliophile Ausgabe und das "instruktive" Nachwort erhalten lobende Erwähnungen.