Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung
Eine Anthologie ukrainischer Literatur des Ersten Weltkriegs

Arco Verlag, Wuppertal 2025
ISBN
9783965870307
Kartoniert, 544 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Kati Brunner, Claudia Dathe, Beatrix Kersten, Alexander Kratochvil und Lydia Nagel. Die Ukraine, am Rande Europas, ist für viele noch ein unbekanntes Land. Ihre Literatur ist ein Wegweiser zu einem besseren Verständnis ihrer Geschichte und Gegenwart. Ukraine - das heißt übersetzt: "Land an den Grenzen". Dessen Reichtum lag auch im oft friedlichen Miteinander verschiedener Ethnien, an der Lage zwischen Osten und Westen. Diese brachte viele fruchtbare, aber auch furchtbare Begegnungen mit den Nachbarn mit sich. Wie sehr das Land im Ersten Weltkrieg aus "Feldern und Schlachtfeldern" bestand, ist im "Westen" wenig bekannt. Es gab aber ukrainische Autoren, die zu Augenzeugen jener Jahre zwischen "Grauen und verborgener Hoffnung" wurden. Das Grauen, das war der Krieg. Die Hoffnung, das war 1919 die kurze Aussicht auf eine unabhängige Ukraine. Diesen Traum machte die sowjetischen Besetzung zunichte. Darüber zu lesen ist bei Mykola Chwylovyj, wo der Wahnsinn zum Muttermord führt bei Jurij Janowskyj gipfelt der apokalyptische Ritt durch die Steppe in einem Massaker. Walerijan Pidmohylnyj erzählt von der Anarchistenrevolution um Nestor Machno. Wasyl Stefanyk und Jurij Lypa nehmen uns mit ins Hinterland zu Kleinstädtern, Bauern, Kindern, mit all ihren Hoffnungen. Den beklemmenden Eindruck von Wirren und Chaos vermittelt die expressionistische Lyrik von Leonid Zymnyj, Iwan Kruschelnyzkyj und Mychajlo Lebedynez Maik Johansens Gedichte zeigen Gewalt und Visionen einer nachrevolutionären Zukunft, die von Mychajlo Semenko spiegeln Fronterlebnisse in Wladiwostok. Was viele dieser Autoren unter sowjetischer Herrschaft erwartete, ist nicht minder tragisch. Die meisten von ihnen wurden auch ihrer Sprache wegen zum Schweigen gebracht oder unter Stalin ermordet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2025
Rezensentin Judith Leister liest eine Anthologie ukrainischer Literatur zum Ersten Weltkrieg, die eine Zeit abbildet, als die Ukraine gerade mitten in ihrer Nationenbildung begriffen war. Die Dnister-Front 1915 wird vom Dichter und Soldaten Osip Makowei als Ort beschrieben, an dem die Schluchten nicht nur Kriegsort sind, sondern auch eine gute Akustik für das Flötenspiel bereitstellen, Olha Kobiljanska fängt das Grauen des Krieges mit ihrer "gesprengten Syntax" für Leister erschreckend genau ein. Die Zerrissenheit der ukrainischen Gesellschaft ist in den Texten ebenso Thema wie die innerfamiliären Konfliktlinien, die in einer Geschichte von Juri Janowski dafür sorgen, dass verfeindeten Brüdern die Köpfe "wie Melonen vom Hals fliegen", schildert die Kritikerin, die von der Anthologie sehr beeindruckt ist, sich jedoch zusätzlich noch jüdische Stimmen gewünscht hätte. Auch eine zweite Zusammenstellung von Oswald Burghardt, der als Teil der Kiewer "Neoklassiker" die staatliche Verfolgung in den 1930er Jahren überlebt hatte, überzeugt durch ihre Anschlussfähigkeit an die resteuropäische Moderne. Zwei Bände, die Leister im Angesicht der jüngsten Geschichte des Landes noch bedeutender erscheinen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 21.06.2025
Dass der Erste Weltkrieg 1918 vorbei war, hat der Ukraine zu dieser Zeit nur bedingt Erleichterung verschafft, lernt Kritiker Christian Thomas aus dieser Anthologie über die ukrainische Literatur dieser Periode, ein Bürgerkrieg hat sich nahezu nahtlos angeschlossen, was aber in Mitteleuropa kaum zur Kenntnis genommen wurde. Die "geballte Zeugenschaft" in diesem Band sollte dem entgegenwirken, hofft Thomas, Mykola Chwyljowyi berichtet in einem "enthemmten Bewusstseinsstrom", wie ein Polizist für den Sozialismus die eigene Mutter hinrichtet, Walerjan Pidmohylnyj entzaubert den verklärten Anarchisten Machno. Die Hoffnung zu finden, die im Titel genannt wird, tut sich der Rezensent in einigen Texten schwer, erschütternd ist es, wie Osyp Turjanskyj davon schreibt, wie der bedrohliche Gedanke näherrückt, dass es bei zunehmender Kälte irgendwann Menschenopfer braucht, um die wärmenden Feuer am Laufen zu halten. Eine eindrucksvolle Zusammenstellung, die erschreckende Bezüge zu heute aufweist, schließt Thomas.