Eduardo Belgrano Rawson

Schiffbruch der Sterne

Roman
Cover: Schiffbruch der Sterne
C. H. Beck Verlag, München 2001
ISBN 9783406471254
Gebunden, 216 Seiten, 19,50 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. Vor der chilenischen Küste treibt eine Schaluppe mit einem halbverdursteten Passagier. Er ist der einzige Überlebende eines spektakulären Schiffbruchs: Ein alter Schoner war ursprünglich im Süden Argentiniens aufgebrochen, um eine der schwierigsten Schiffsrouten der Welt zu befahren: die Umsegelung von Kap Hoorn. Wir befinden uns in den Dreißiger Jahren, und eigentlich gibt es längst keinen Grund mehr, diese Strecke auf dem Südmeer ohne Motor zu befahren. Trotzdem hat Kapitän Cenizo, ein alter wettergegerbter Seebär, die gefährliche anachronistische Fahrt gewagt, die er und seine kleine Besatzung, zu der auch Cenizos Frau Dolores gehört, teuer bezahlen müssen. Vor ihnen liegt der Kampf auf Leben und Tod gegen die wütenden, eiskalten Wogen und die Furcht vor den Elementen, denen die Mannschaft hilflos ausgeliefert ist - wer wird am Ende gewinnen?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2002

Rezensent Hanno Zickgraf zeigt sich begeistert von dem nach 22 Jahren endlich auch auf deutsch vorliegenden "fulminanten Kurzroman" des argentinischen Schriftstellers und Journalisten Eduardo Belgrano Rawson. Wie Zickgraf ausführt, lässt Belgrano jeden belletristischen Eskapismus weit hinter sich. Mittels geschickter Genrezitate aus Abenteuerromanen könne er zum einen seine nationalpathetischen Vorläufer parodieren, zum anderen sich dem Zugriff der Zensur entziehen: Belgrano tarnt, so Zickgraf, sein "Geschichts- und Existenzdrama" als "hochspannenden Schiffbruchsroman" in der Linie Melvilles oder als Hochsee-Zweikampfdrama in der Nachfolge Hemingways. In den Schifffahrts-, Staatsschiff- und Schiffsbruchmetaphern des Romans erblickt Zickgraf eine "zeitgenössische Allegorie für das Unbehagen in der Kultur", in diversen Anspielungen wie zum Beispiel in den Namen von Protagonisten und Schiffen erkennt er eine "genuin lateinamerikanische beziehungsweise argentinische Deutung" von Despotismus und Barbarei. Vor allem die Figur des Kapitäns hat es Zickgraf angetan: als einziger überlebt er die von ihm hervorgerufene Katastrophe, die er makaber genießt, für die er zugleich jede Verantwortung und Schuld ablehnt. "Vielleicht", vermutet Zickgraf, "wollte Belgrano ja nahelegen, dass man einen solchen posttraumatischen Nihilismus als die Feuerprobe für den Erfolgstypus des Jahrhunderts der Extreme anzusehen hat."
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.08.2001

Recht spannend findet Kersten Knipp Eduardo Belgrano Rawsons Seefahrerroman, nicht zuletzt weil er eine realistische Schilderung des Matrosenlebens bietet. Rawson hat eine Parabel über einen alten Seemann, einen "hoffnungslosen Romantiker, der seine Liebe zu veralteter Technik teuer bezahlen muss" geschrieben. Aber warum der Autor Ende der 1970er Jahre (das Buch wurde erst jetzt vom Spanischen ins Deutsche übersetzt) einen solchen Roman geschrieben hat, der eher zur regionalistische Literatur des Jahrhundertanfangs passt, ist der Rezensentin auch nicht ganz klar. So spekuliert sie, dass des Autoren Motivation am besten vor dem Hintergrund der argentinischen Militärdiktatur zu verstehen ist: "Angesichts ihres zentralistisch gesteuerten Terrors schienen die Naturgewalten an der Peripherie zwar ebenfalls unbarmherzig, aber längst nicht so niederträchtig wie die, die man damals im Namen der Zivilisation beging."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.05.2001

Das Buch ist 20 Jahre alt, preist die Taten der Seemänner und ist in der Heimat des Autors mehrfach preisgekrönt. Nicht gerade blumig, wie Hans-Jürgen Schmitt uns hier einen Unbekannten vorzustellen versucht. Aber das Buch ist genauso: "untheatralisch, unpathetisch", wortkarg vielleicht, wie die vom Rezensenten erwähnten Einworttitel der Kapitel neben dem "Unabänderlichen, Unausweichlichen des Geschehens", das sie signalisieren, weiter vermuten lassen. Behutsam gewählt jedenfalls sei die Sprache, meint Schmitt, der sich am Ende doch noch hinreißen lässt - vom "Tempowechsel zwischen realistischen Bildsequenzen und nuancierten poetischen Stimmungslagen" und zu einem Satz wie: "Über das Toben des Meeres hinweg hört man den Herzschlag der Figuren bis zum letzten Atemzug." Das hätten wir ihm gar nicht zugetraut. Dem Schmitt, dem Buch.
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