Klappentext

Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Als Kind ist er ein glühender Sozialist im Superheldenkostüm. Und auch später solidarisiert er - der Wand an Wand mit einem militärischen Folterer wohnt - sich heroisch mit den Schwachen und Verfolgten, und dabei weint er gern und viel. Doch als er Jahre später den Putsch gegen Allende im Fernsehen verfolgt, versiegen ihm plötzlich die Tränen. Und verwirrt hält er eine bitterböse Rückschau auf die kuriosen Stationen seiner politischen Prägung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2010

Als Buch gegen die langjährige Verklärung Lateinamerikas durch die europäische Linke begreift Kersten Knipp diesen Roman des Argentiniers Alan Pauls. Die Entzauberung gelingt Pauls mit dem Blick auf einen jungen, introvertierten Argentinier (ein "argentinischer Hamlet") Mitte der 70er Jahre, große Worte halten die revolutionäre Sache in Gang, aber etwas ist faul. So gesehen scheint der Text Knipp auch als Kommentar zu Pauls Roman "Die Vergangenheit", der während der Militärdiktatur spielt und auf ihn ähnlich intimistisch wirkt wie "Die Geschichte der Tränen", für Knipp eher eine Chronik des Unterlassenen, nicht der Revolution.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.09.2010

Karin Ceballos Betancur schätzt Alan Pauls' Roman "Geschichte der Tränen", nach ihren Informationen Auftakt zu einer Trilogie zur Geschichte der argentinischen Diktatur. Ein mit den Mitteln der Belletristik arbeitendes Geschichtsbuch, eine weitere Variante der Erzählungen über den Terror sieht die Rezensentin aber nicht in dem Werk. Sie hebt hervor, dass Pauls die Zeit der Diktatur selbst, 1976 bis 1983, nicht erzählt, sondern sich auf das Vorher und das Nachher beschränkt, also nicht den Tumor der Diktatur angeht, sondern die "Metastasen im umgebenden Gewebe" untersucht. Im Mittelpunkt sieht sie die Geschichte eines politisch frühreifen Kindes, das sich nach der Trennung seiner Eltern emotional verliert. Der Stil des Autors, seine langen, verschränkten Sätze, spiegeln für Betancur das fehlende Innenleben des Jungen, der für seine Empfindsamkeit bekannt ist, die er aber seltsamer Weise beim Ansehen von Fernsehbildern über den Putsch in Chile verliert. Als Zugang zur Geschichte des argentinischen Diktatur schätzt die Rezensentin den Roman als "voraussetzungsvoll, manchmal auch mühsam, aber in jedem Fall lohnend".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2010

Weniger Entwicklungsroman, mehr Selbstabrechnung erkennt Ingeborg Harms in diesem Roman des Argentiniers Alan Pauls. Und weniger magischen Realismus, mehr Barock. Oder läuft das aufs Gleiche hinaus? Harms ist sich nicht so sicher, denn der allegorischen Auflösung, auf die das Buch, wie sie findet, atemlos wie die Prosa Peter Weiss' und dann wieder stoisch wie Gertrude Steins Texte zusteuert, traut sie nicht über den Weg. Zu tief die Verstörung in der biografisch geerdeten Geschichte, zu beständig der Oberton eines Fauchens, der der Rezensentin nicht aus den Ohren geht.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.08.2010

Cristina Nord liebt die Nuancen in diesem kleinen Roman von Alan Pauls. Wie der Autor in seiner Nachzeichnung einer Kindheit im Buenos Aires der 60er und 70er Jahre die Melancholie der Tatenlosigkeit angesichts der Machenschaften des Regimes Videla und der revolutionären Gegenkräfte spürbar macht, findet sie schlicht großartig. Dass der Leser mit der Geschichte Argentiniens ein bisschen vertraut sein sollte, weil Pauls die bruchstückhafte Wahrnehmung des Kindes so vollkommen übernimmt, lässt Nord uns wissen. Und wie gut die Umsetzung der kindlichen Perspektive, einer Bewusstseinsbildung, in Sprache im Buch gelingt. So gut, dass Nord noch die leisesten Regungen des Denkens und Fühlens vermittelt werden.