E.M. Cioran

Über Frankreich

Cover: Über Frankreich
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421468
Gebunden, 104 Seiten, 17,80 EUR

Klappentext

Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. Überraschend tauchte kürzlich im Nachlass E. M. Ciorans ein Essay auf, den er 1941 in Frankreich noch in rumänischer Sprache schrieb: Über Frankreich.
"Ich glaube nicht, daß ich die Franzosen lieben würde, wenn sie im Verlauf ihrer Geschichte nicht einen derartigen ennui entwickelt hätten. Es ist aber kein unabsehbarer ennui, sondern ein ennui der Klarheit. Es ist die Mattigkeit, die sich einstellt, wenn man einmal kapiert hat, wie es läuft. Während bei den Deutschen Banalitäten als ordentlicher Stoff für Unterhaltungen durchgehen, ziehen Franzosen eine ansehnliche Lüge jeder dürftig formulierten Wahrheit vor."
Damit beginnt "Über Frankreich". Indem der Rumäne über Frankreich, Frankreichs Kultur, Geschichte und Dekadenz schreibt, entwirft er zugleich ein ganz persönliches Programm, nämlich das der eigenen förmlichen Domestizierung. "Über Frankreich", noch gespickt mit Ausbrüchen vitalistischen Elans, gesuchten Reflexionen, falschem Tiefsinn in Nietzsches Manier, ist auch ein Essay über Dekadenz und die Bedingungen einer Renaissance, derjenigen Ciorans.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.06.2010

Mit diesem, aus dem Nachlass publizierten "anschwellenden Bocksgesang" aus dem Jahr 1941 wird für den Rezensenten Adam Soboczynski auch E. M. Ciorans nachfolgendes Werk noch einmal in ein neues, markantes Licht getaucht. Der Kritiker sieht darin nämlich Ciorans Wende zu einem Aphoristiker der Verneinung höchst pointiert markiert und (wenn auch ironisch) auch die frühe Faszination für den Faschismus des in den 30er Jahren in Deutschland lebenden Autors noch einmal aufflackern und sich verwandeln. Als Kernfragen der Schrift beschreibt der Kritiker, was als erneuernde Kraft für eine Kultur besser sei: "barbarisches Aufbäumen einer Zivilisation", wie es die Deutschen vormachten, oder französische Zivilität? In der Folge der Argumentation sieht der Kritiker den französisch schreibenden Rumänen in seinem Text aus dem Jahr der Besetzung Frankreichs sich zunächst fast auf die deutsche Seite schlagen, um dann doch noch einen scharfen Haken zu schlagen: Nach all den Fanatismen, so Cioran, könne Europa vielleicht doch etwas verführerischen Weltschmerz und "blutarme Demokratie" vertragen. Der Kritiker hat nur wenig Sympathie für die Trauer, die in dieser Erkenntnis mitschwingt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.05.2010

Ciorans Studie zur französischen Dekadenz liest Rezensent Martin Meyer durchaus auch als Selbstporträt desjenigen, der seiner Sturm-und-Drang-Zeit schließlich in Paris eine Form, einen Stil gab. Vor allem aber erscheint ihm der frühe, teils ausgreifende, teils aphoristische Text Ciorans als eine Art Doppelbildnis der Dekadenz: Als Ausdruck der Erschöpfung einerseits, als Haltung des Geschmacks, der Diskretion und der Ironie andererseits. Lob und Tadel also. Und Ausnahmen, wie das Zeitalter der Kathedralen oder Napoleon, lässt Cioran auch gelten. Dass der Text als wildes Ding aus Geschichtsphilosophie, Anthropologie und Literaturbetrachtung daherkommt, geht für Meyer in Ordnung. Schließlich stößt er beim Lesen immer wieder auf triftige Einsichten.
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