Patrice Bollon

Cioran, der Ketzer

Cover: Cioran, der Ketzer
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783518416747
Gebunden, 362 Seiten, 24,80 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Ferdinand Leopold. Spätestens seit dem Tod des Autors 1995 droht die Auseinandersetzung mit den antisemitischen und hitlerfreundlichen Äußerungen des jungen Cioran diejenige mit dem Werk zu überschatten. Patrice Bollons biografischer Essay über den "Ketzer" setzt an genau diesem Punkt ein. Statt Ciorans Jugendblindheit abzudrängen, zeigt Bollon, in welcher kulturellen und politischen Landschaft die frühen Artikel sowie jene verhängnisvolle Schrift über die "Verklärung Rumäniens" entstanden und wie Cioran sich in einer lebenslangen Auseinandersetzung mit eben diesem Irrtum von den "blutigen Possen" der Utopie und von jedem Glauben zu befreien suchte - und so zu dem wurde, der er schließlich war: ein Meister der Klarheit, der Eleganz und der Gelassenheit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.04.2008

Markus Bauer stellt zwei neue Biografien Emil Ciorans vor, die beide sein Wohlwollen finden: Patrice Bollon untersucht die Wirkung des in Rumänien geborenen und später nach Frankreich exilierten Schriftstellers und Denkers vor allem im Kontext der französischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg und spricht ihm hier die Stellung eines "dekonstruktivistischen 'maitre penseur'" zu. Eingebunden in den zeitgeschichtlichen Hintergrund zeichnet der französische Autor Cioran als einen sich dem Literaturbetrieb verweigernden "Häretiker", dessen spartanische Lebensverhältnisse legendär waren, so der von diesem Porträt recht angetan wirkende Bauer.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2006

Eine Verteidigungsschrift sei diese Biografie, aber zugleich eine, die die inkriminierte Zeit des frühen Emile Cioran umfänglich aufklärt, lobt Rezensent Karl-Markus Gauss. Patrice Bollon schließe sich weitgehend der Autointerpretation Ciorans an, der sein französisch geschriebenes Werk ab 1947 als eine lebenslange "Selbstheilung" verstanden wissen wollte. Der interessantere Teil der Biografie ist für den Rezensenten gleichwohl derjenige, der sich mit der Zeit vor der vermeintlichen Läuterung befasst. Beispielsweise habe Cioran vier Jahre nach seiner legendären Hetzschrift "Die Verklärung Rumäniens" immer noch die gleichen inhumanen Anschauungen vertreten, als sie 1940 auf den Straßen von Bukarest schon längst blutig umgesetzt wurden. Der Heilungstheorie von Patrice Bollons Biografie gegenüber gibt sich der Rezensent skeptisch, eher sieht er in der Wandlung von einem fanatischen Hetzer zu einem fanatischen Ketzer eine schlecht kaschierte Lebenslüge. "Faszinierend" am späten Cioran sei ohnehin nicht der Inhalt seiner Schriften, sondern deren Stil. Und dort, wo spannende Gedanken auftauchten, so der Rezensent, würden sie weniger durch Denken als durch die rhetorischen Stilmittel wie Paradoxien generiert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.09.2006

Überaus lobend beurteilt Hans-Jürgen Heinrichs diese Biografie des Schriftstellers und Philosophen E.M. Cioran. die Patrice Bollon nun vorgelegt hat. Er würdigt die kundige, umsichtige und geduldige Art, in der sich Bollon dem pessimistischen Schriftsteller annähert. Besonders gelungen scheint ihm die "feinfühlige" Verschränkung von Leben und Werk, die Bollan immer wieder herstellt. Spürbar ist für Heinrichs auch die Freude Bollans, Cioran noch persönlich gekannt zu haben. Besonders aufschlussreich findet er die Einschätzung Ciorans als einen "begnadeten Plauderer", der trotz seines pessimistischen, wenn auch ironisch gebrochenen Denkens, überaus lebensfroh wirken konnte. Zustimmen kann Heinrichs auch Bollons Charakterisierung, Cioran sei immer in Widerstreit mit sich selbst gewesen und habe diesen Widerstreit zur Grundlage seines Denkens und des Daseins überhaupt erhoben.
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