Dieter Bachmann

Grimsels Zeit

Roman
Cover: Grimsels Zeit
Berlin Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783827004635
Gebunden, 400 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

"Onkel, ick bin vastümmelt." Das kleine Mädchen aus Berlin hält einen verbundenen Finger hoch. Gisela, das Kriegskind aus Berlin, trägt an den Füßen Grimsels alte Schuhe: die Mutter hatte das abgetragene Paar zu den Verwandten geschickt. So kommt nach dem Krieg der Krieg in das verschonte Land, in die Stadt am Rheinknie, an jenes Dreiländereck, an dem man für die deutschen Nachbarn wenig übrig hat. Grimsel erfährt die Engnis der Familie, der er den Rückzug in die noch kleinere Welt seiner Mansarde entgegensetzt. Dann lernt er schwimmen und erlebt Momente des Glücks. Grimsel wird Drogerieausläufer und erfährt die Wonnen der Warenwelt. Für die Sehnsüchte nach dem Land Afrika gibt es das alljährliche Zooabonnement - und den Elefanten, der eine heftige Liebe stiftet mit einem Rüssel voll Dreck: Birgitta im Blümchenkleid. Jazz Time, die späten fünfziger Jahre: Grimsel hockt jetzt in den Jazzlokalen und wackelt mit dem Kopf. Dabei kommt ihm endlich die Mutter abhanden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.07.2003

Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung einer Jugend in Basel, erzählt Martin Wiegandt, endet aber als "erschöpfender" Versuch, die Schweiz der Nachkriegszeit "in der Totalen" darzustellen. Handlung hat der Rezensent in dem Buch wenig entdeckt, dafür aber eine endlose Aufzählung von Gegenständen aus den vierziger und fünfziger Jahren, wie zum Beispiel "Chypre-Fruity, Oryxantilopen, Zyliss-Zwiebelhackmaschinen" und anderes. Manches ist interessant, aber der Titelheld gewinnt in der Erzählung wenig Kontur, bedauert Wiegandt. "Lyrische" und "kraftvolle Worte findet der Autor nur für die drei "Intermezzi" in denen er von der Schweiz aus "in die Ferne schweift".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.12.2002

Rezensent Klaus Harpprecht hat in Dieter Bachmanns Roman gleich mehrere Dinge entdeckt, die so noch nie da waren. "So viel Schweiz war nie!", ruft er, und "so viel Basel war gewisslich nie". Bachmanns Roman, der in seinen Augen "eine Folge faszinierender Reportagen" sei, und vielleicht gar kein Roman, stelle ein "großes Zeitbild" dar, nämlich die Geschichte des jungen Schweizers Grimsel, der nach dem Krieg die - europäische - Welt entdeckt, und in dem Harpprecht "das junge Konterfei des Autors" vermutet. Grimsels Reise führt ihn von Basel nach Berlin - wo der Rezensent auf das Wiederauftauchen der Berliner Göre wartet, Grimsels nach Berlin zurückgekehrter Kinderliebe. Da er vergebens wartet, kann für den Rezensenten das Fazit nur lauten: "Das ist also doch kein Roman." Was er aber keineswegs als Armutszeugnis auffasst, denn es sei "ein Buch der oft virtuosen Formulierung, der schönen Sätze, manchmal auch der entgleisten Poesie, einer im ganzen hohen Stilkunst. "Und das, so Harpprecht, "ist viel".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.10.2002

Wider sein anfängliches Gebaren sei "Grimsels Zeit" kein Erinnerungsbuch, keine fiktive Biographie, behauptet Samuel Moser. Erzählt wird nämlich zunächst die Geschichte von Grimsel, der nicht wächst. Wenn er auch nicht wächst, so wird er dennoch älter, bis zum achtzehnten Lebensjahr begleitet ihn der Roman munter durch die Zeitgeschichte. Nachkriegszeit, 50er-Jahre-Schnulzen, erste Amouren, alles locker und manchmal fast zu ausführlich berichtet, meint Moser. Dann bricht der Roman ab, lässt den Helden einfach auf dem Bahnhof in Paris stehen, was den Rezensenten zu der Annahme führt, es ginge dem Autor um die Frage der möglichen Kontinuität einer Person. Aber "zwischen Bachmanns Zeit und Grimsels Zeit gibt es keine Kontinuität", stellt Moser fest, stattdessen verhalten sich die Zeiten seiner Meinung nach komplementär zueinander. Gerade aber der Bruch und die Auslassungen, durch drei kleine Intermezzi auf dem Bahnhof angedeutet, überzeugen Moser letztendlich von dem Buch, das immer dann am besten sei, wenn sich der Erzähler selber aus dem Spiel nimmt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2002

Was die Rezensentin Pia Reinacher zunächst in zarte Fragen hüllt, erweist sich als vernichtende Kritik an diesem Roman. Die Geschichte um Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden der Hauptfigur Grimsel in der Schweizer Nachkriegszeit bietet zwar, wie sie einräumt, einen enormen "Materialaufwand" und ist, was die Fakten angeht, genau recherchiert. Doch fragt sich Reinacher, ob sich daraus "gute Literatur" machen lässt. Zudem stört sie die "platte" Realistik des Romans, der sie an die siebziger und achtziger Jahre erinnert. Ist das nicht etwas veraltet, fragt sie zurückhaltend, und hat damit schon die Antwort geliefert. Eine weitere gravierende "Klippe" sieht die Rezensentin in dem ständig erhobenen Zeigefinger, mit dem der Autor alles "zu Tode redet". Was Bachmann völlig abgeht, ist die Kunst des Verschweigens und der Andeutung, so Reinacher nun schon ziemlich genervt. Dazu kommen noch "psychologische Erklärungsschnipsel", die von der Rezensentin als "überflüssig" gerügt werden. Dieser Schweizer Autor "fühlt", sondern "denkt", erklärt die Rezensentin, weshalb das Buch auf sie auch nicht "authentisch" wirkt.
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