Denis Johnson

Engel

Roman
Cover: Engel
Alexander Fest Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783828601673
Gebunden, 239 Seiten, 19,89 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Auf der Flucht vor ihrem ungetreuen Ehemann lernt die junge Jamie an Bord eines Greyhound-Busses den charmanten Ganoven Bill kennen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine ziellose Reise entlang der Abgründe von Elend und Gewalt...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.03.2002

In diesem Roman wird der Leser vergeblich nach mit Flügeln ausgestatteten, lieblichen Wesen suchen, die man beim Blick auf den Romantitel erwarten könnte. Johnsons "Engel" sind im Gegenteil eher unheimliche Boten, deren Botschaft "Fürchtet euch!" lauten könnte, meint Rezensent Thomas Hermann. Johnsons Helden, die bereits zu Beginn der Romanhandlung am unteren Rand der Gesellschaft stehen, scheinen bei ihrem sozialen Abstieg keine Katastrophe auszulassen. Dass es sich bei dieser Geschichte dennoch um "ein literarisches Erlebnis" handelt, liegt an der sprachlich formalen Umsetzung, erläutert Hermann, wobei er ausdrücklich die Leistung der Übersetzerin hervorhebt. Realistisch-derbe Dialoge sind hier mit differenzierten Beschreibungen innerer Zustände verschmolzen worden, lobt er. Sehr gelungen findet er auch Johnsons "Arrangement von Begleitmotiven, die die Handlung kontrastieren und variieren". Schließlich entnimmt Hermann dem Roman auch eine Kritik an der amerikanischen Justiz mit ihrem "willkürlich mörderischen Apparat", der den kleinen, am Ende geläuterten Mörder wider Willen gnadenlos hinrichtet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.12.2001

Ziemlich beeindruckt zeigt sich Bruno Preisendörfer von Denis Johnsons literarischem Schaffen. Das gilt auch für seinen kurzen Roman 'Engel' von 1983, in dem nach Preisendörfer das, was Johnsons Bücher ausmacht, das "schaurige Fest der Sprache", bereits "in Konzentratform" vorhanden ist. Nach Ansicht des Rezensenten kommt man gar nicht umhin, "gepeinigt vom Echo der aberwitzigen Mischung aus Lebenslust und Daseinsschmerz" zurückzubleiben. Beeindruckt ist der Rezensent vor allem von der Sprache, die trotz ihrer Knappheit den Protagonisten eine "philosophische Tiefendimension" verschafft und der gewählten Erzählperspektive, die immer aus der Sicht der gerade handelnden Person erzählt. Deren drogeninduzierte Weltsicht führt nach Preisendörfer dazu, dass die beschriebene Welt "meistens irgendwie schief in den Angeln" hängt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001

Bereits vor achtzehn Jahren ist der erste Roman von Denis Johnson mit dem Titel "Engel" erschienen, jetzt erst liegt er als deutsche Übersetzung vor, weiß Thomas Steinfeld, und dass dies zwar spät, aber nicht zu spät ist, erläutert er in seiner umfangreichen Rezension, die der Aufmacher der SZ-Buchmessenbeilage ist. Das Buch, findet er, offenbart das zweite Gesicht der Vereinigten Staaten, das "unter dem glücklichen Antlitz der Freiheit, des Reichtums und des Rechts eines jeden Menschen, über sein Leben selbst zu verfügen", vor allem von Europa aus immer schon schwer zu erkennen gewesen sei. Die Menschen, von denen erzählt wird, seien allesamt Getriebene, wobei keiner zu sagen wüsste, wovon, erklärt Steinfeld. Ihm fällt auf, dass Johnson auffällig oft über Sippen, Clans und Stämme schreibt, so auch in dem in diesem Jahr in den USA erschienenen Band "Seek", einer Sammlung von Reportagen "von den Rändern Amerikas". Beide Bücher haben Steinfeld erkennen lassen, dass dieses Land "unendlich groß" und gleichzeitig "unendlich klein" ist: "Jeder einzelne ist ein Auserwählter, und auf keinen kommt es an." Alle Menschen hier seien in der Vorhölle zuhause, die Entscheidung darüber, wo ein Lebensweg endet, sei vom Zufall bestimmt, erklärt er. "Engel", so Steinfeld, ende mit einer Epiphanie, in der das Unverständnis darüber zum Ausdruck komme, dass dieses Elend alles gewesen sein soll, was der Mensch vom Leben hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2001

Schwer beeindruckt ist Georg M. Oswald von Denis Johnsons Gesamtwerk, und diese Begeisterung gilt auch seinem gerade neu erschienenen Roman "Engel". Oswald freut sich, dass der Alexander Fest Verlag Johnsons - vorher bei verschiedenen deutschen Verlagen verstreutes - Werk endlich auf angemessene Weise verlegt. Besonders begeistert ist er von der Sprache des Autors, die bei den Erkundigungen der dunklen Seiten der menschlichen Seele so kraftvoll sei, dass er "den Leser bisweilen fürchten lässt, den Boden unter den Füßen zu verlieren". So kommt das Lesen seiner Ansicht nach "einer literarischen Mutprobe" gleich. Oswald erzählt recht detailliert, worum es in dem Roman geht, sorgt sich aber auch gleich, dass diese Zusammenfassung "wie ein überdrehtes Gangster-Roadmovie klingen mag". Von diesem Genre sei Johnson jedoch weit entfernt. Eher kann man durch die Lektüre seiner Bücher "düstere Erkenntnisse gewinnen", verspricht Oswald.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001

Martin Lüdke kann es gar nicht verstehen, dass der amerikanische Autor erst mit seinem dritten Roman in Deutschland Erfolg hatte und legt den Lesern nachdrücklich sein Romandebüt ans Herz. Der Rezensent ist schon durch den Anfang des Buches von dessen "eigentümlicher Intensität" völlig gefangen genommen, in dem, wie für den Autor auch in seinen späteren Romanen typisch, die "Nachtgestalten" der amerikanischen Gesellschaft auftreten. Dabei spielt Moral, stellt Lüdke fest, in der Beschreibung und Beurteilung der Handlungsmotive der Personen gar keine Rolle, da sie sich bereits jenseits jeglicher Moral bewegen. Zum Schluss bekennt der Rezensent, dass er dieses Buch schon mehrfach nachkaufen musste: weil er es in missionarischem Eifer ständig verleiht und nicht mehr zurück bekommt.
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