Jerome Charyn

Der schwarze Schwan

Eine Erinnerung an die Bronx
Cover: Der schwarze Schwan
Alexander Fest Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783828601529
Gebunden, 192 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Eike Schoenfeld. Ein Junge geht statt zur Schule ins Kino und stolpert Hals über Kopf in die New Yorker Unterwelt: eine dreifache Liebeserklärung - an die Mutter, an die Traumwelt des Films und an die Bronx der vierziger Jahre.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.02.2003

Seit den großen Gangsterfilmen der dreißiger und vierziger Jahre hätten sich Fiktion und Realität in einen produktiven Wettstreit begeben, meint Rolf-Bernhard Essig. Die Mafiosi fühlten sich geschmeichelt, wenn sie sich auf der Leinwand sahen, so dass niemand mehr hätte sagen können, wer wen imitierte: der Film die Realität oder die Gangster den Film? Essig stellt einen Autor vor, der in seinem quasiautobiographischen Roman noch einen Schritt darüber hinausgeht. Charyn berichtet von seiner Karriere bei der Mafia, die als Elfjähriger im Kino beginnt, weil der Junge seine von der Leinwand gespeisten Erwartungen direkt auf sein Umfeld projiziert und bestätigt findet. Die sorgfältige Stilisierung des Kriminalgenres wie auch der eigenen Existenz zieht sich durch den ganzen Roman, meint Essig, wobei Charyn den realistischen Anspruch nie aufgeben und seine Geschichte sogar mit Fotos abstützen würde. Nebenbei erfahre man viel über die Bronx. Charyns Kunstsprache läuft schnell Gefahr, bei einer Übersetzung gestelzt zu wirken, merkt Essig an; dafür habe Eike Schönfeld den heiter-melancholischen Grundton des Buches wunderbar getroffen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.07.2002

Carsten Hueck erkennt in diesem autobiografischen Roman eine große Hommage an das Kino, dem der Autor von Kindesbeinen an verfallen war. Die Figuren könnten allesamt dem Film der 40er und 50er Jahre entsprungen sein, meint der Rezensent, der in den knappen Dialogen, der rauen Sprache und den klassischen Gesten eine Mischung aus Melodram, Abenteuerfilm und Film noir vorfindet. Die dem Roman beigegebenen Fotos, authentische Familienfotos Charyns, zeigen eigentlich eine ganz normale Familie, meint Hueck. Er sieht gerade darin die Eigenart und das Talent des amerikanischen Autors, dass er aus der "grauen Normalität" eine "bunte, witzig-rasante und rührende Bilderfolge" fertigen kann, in der alle Protagonisten zu "Stars" werden.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.06.2002

Jerome Charyns autobiografische Texte sind "etwas vom Schönsten, was die neuere amerikanische Literatur hervorgebracht hat", ruft Elke von Radetzky begeistert. In den zwei autobiografischen Bänden "Die dunkle Schöne aus Weißrussland" und "Der dunkle Schwan", die übrigens ungemein gut übersetzt seien, gelange die Selbstschöpfung, die Erinnerung und träumerische Freiheit verbindet, zur "Vollendung", schwärmt Radetzky. Charyn erzählt von seiner schulschwänzerischen Kindheit, von seiner Entdeckung der Sprache als etwas, dessen Regeln es zu brechen gelte, und vom Leben in der Bronx. Seine Stärke, so die Rezensentin, ist die Bildhaftigkeit seiner Sprache, die nicht zur bloßen Metapher gerinne, sondern gelebte "poetische Wirklichkeit" sei. Psychologisierende Innenschau fehle völlig und sei auch gar nicht vonnöten, da Charyns Erzählen von der Intensität des Erlebten erfüllt sei. Charyn gelingt, so die Rezensentin glücklich, der Balance-Akt zwischen "lakonischem Bericht und hämmernden Bildern", zwischen "grellem Comic und zarter Episode" in einer "rasanten, komischen flackernden Erzählung".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.06.2002

Nach "Die dunkle Schöne aus Weißrussland" legt Jerome Charyn nun eine Fortsetzung seiner "Erinnerungen an die Bronx" vor, wie "Der schwarze Schwan" im Untertitel heißt, so Ulrich Baron. Mittlerweile schreibt man das Jahr 1949, Jerome - tatsächlich als Kind jüdischer Einwanderer 1937 in der Bronx geboren - hat sich zum "Problemkind" entwickelt, wie man heute sagen würde: er treibt sich mit den falschen Leuten rum, arbeitet als Geldeintreiber für einen Gangsterboss und frönt seiner Leidenschaft fürs Kino, so dass sich die Grenzen zwischen Kino und Wirklichkeit, Phantasie und Erinnerung leicht verwischen. Eben das stört den Rezensenten, der viele Geschichten aufgebauscht findet und meint, präzisere Erinnerung hätten der Erzählung gut getan. Stattdessen gingen dem Ich-Erzähler häufig die Zügel durch, und er lasse seine Phantasie wild über die Kinoleinwand schweifen, auf der sich die Ängste dieses nach innen gekehrten Jungen abzeichneten. Ein bisschen viel Melodram, findet Baron.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2002

Irgendwo zwischen Fiktion und dem Blick zurück auf die eigene Kindheit in der Bronx siedelt Rezensent Peter Körte diesen Krimi von Jerome Charyn an. Der Autor führt damit eine Serie fort, die er mit seinem Buch "Die dunkle Schöne aus Weißrussland" begonnen hat. Angereichert ist diese autobiografisch inspirierte Geschichte mit einer Bilderwelt, die man aus dem Kino kennt, und aus diesen "Fäden von Fiktion und Fakten" entsteht in den Augen des Rezensenten ein "verzaubertes Gewebe", das auf jeden Fall mehr ist als ein "Memoirenband". Körte beschreibt es vielmehr schwärmerisch als "schön-trauriges kleines Buch" und scheint viel Freude an der Lektüre gehabt zu haben.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.03.2002

Die zwei sind eins. Fiktion und Wirklichkeit sind bei diesem Autor offenbar schwer auseinander zu halten. Robert Brack jedenfalls liest Jerome Charyns Erinnerungsbuch "Der schwarze Schwan" (erschienen bei Alexander Fest) und den Krimiroman "Abrechnung in Little Odessa" (Rotbuch Verlag) wie zwei Teile ein und derselben Geschichte. Die durchaus bestehenden stilistischen Unterschiede fallen kaum ins Gewicht, wenn hier wie dort die Fakten nicht allzu ernst genommen werden. In beiden Bücher stößt Brack auf einen Reigen miteinander in Beziehung stehender Personen, die "große Politik" machen und dabei als Einzelne verloren, dem Moloch New York ausgeliefert bleiben. Die "poetische Kraft", die der Autor aufbringt, um diese Verlorenheit zu schildern, hat dem Rezensenten imponiert.
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