Daniel Miller

Der Trost der Dinge

Fünfzehn Porträts aus dem London von heute
Cover: Der Trost der Dinge
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518126134
Kartoniert, 227 Seiten, 15,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Über die moderne Welt sind viele diagnostische Mythen im Umlauf: Sie sei homogenisiert, individualisiert, und die isolierten Individuen gäben sich hemmungslos dem Konsum hin. Der englische Anthropologe Daniel Miller hat diese Mythen hinterfragt genauer: Er hat die Bewohner einer Londoner Straße befragt. Und da die Menschen nun einmal nicht gerne über ihr Leben Auskunft geben, hat er mit ihnen über die Dinge in ihren Wohnungen gesprochen: über Simons 15000 Schallplatten, die für ihn alle emotionalen Schattierungen zum Ausdruck bringen; über den Laptop, auf dem Malcolm Unmengen von Briefen und Fotos speichert, um die Erinnerungskultur seiner Aborigines-Vorfahren aufrechtzuerhalten; über die billigen Spielfiguren aus dem Fast-food-Restaurant, mit denen Marina ihren Kindern ihre Liebe zeigt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.02.2011

Dass Daniel Millers Schriften zur Konsumkultur bisher nicht ihren Weg nach Deutschland gefunden haben, wundert Wolfgang Ullrich gar nicht. Das Land stehe fest im Zeichen der konsumkritischen Linie, die Wolfgang Fritz Haug mit seiner "Kritik der Warenästhetik" vorgegeben habe. Der - ebenso linke - Miller nimmt dagegen Konsumenten ernst, er hat besonders das Konsumverhalten der Ärmsten in London beobachtet und herausgefunden, dass sie beim Einkaufen oft an ihnen nahestehende Menschen denken. Damit deutete er das Einkaufen als einen "Akt sozialer Wärme", erklärt der Rezensent. Im "Trost der Dinge" nun porträtiert er verschiedene Menschen und ihre "Dingbeziehungen", die umso ausgeprägter seien, je weniger sie sozial verknüpft seien. Auch hier wertet Miller dies nicht negativ, sondern als Übung oder Kultivierung "sozialer Bindung". Mit dem Gewicht, das Miller den "Dingverhältnissen" gibt, sieht der Rezensent ihn durchaus in der Tradition von Balzac, Flaubert oder Stifter (allerdings nichts was die schriftstellerische Qualitäten betrifft). Nicht verstehen kann Ullrich, dass der Suhrkamp hier wieder nur eine Teilübersetzung vorlegt; die Erfahrungen mit Roland Barthes' "Mythen des Alltags" hätten ihn eines besseren belehren müssen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2010

Einen ambivalenten Eindruck haben Daniel Millers alltagsethnologischen Betrachtungen über die Dinge bei Michael Schefczyk hinterlassen. Dass die Porträts von Londonern in ihren Wohnungen ein "authentisches Bild der modernen Welt" darstellen, wagt er zu bezweifeln. Skeptisch sieht der Rezensent auch die These, die einzelnen Menschen in der Moderne könnten ihr Leben heute nur noch über Dinge und Versatzstücken ordnen und stabilisieren. Die Multikulturalisierungs- und Indiviualisierungsthesen des Soziologen scheinen ihm nicht besonders originell. Lesenswert findet er das Buch dennoch, weil Millers Fallbeschreibungen die Menschen als Individuen und nicht als Fall oder Beispiel einer Theorie zeigen und mit menschliche Wärme geschrieben sind.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.10.2010

Erhellend findet Rezensent Michael Rutschky diesen Band von Daniel Miller, der Auskunft gibt über die Lebensform des Konsumismus. Er würdigt den Anthropologen als Meister der "Thing Studies", einer Forschungsrichtung in den angloamerikanischen Kulturwissenschaften, die den Gebrauchswert von Dingen und den Umgang mit ihnen untersucht - jenseits der "Alternativen von Kritik und Affirmation". Der vorliegende Band bietet 15 Porträts von Londonern und ihren täglichen Gebrauch von Dingen. Deutlich wird seines Erachtens - eine Pointe von Millers Forschung -, dass der "Konsum, anders als die Kulturkritik es will, den Konsumenten nicht einsam macht". Die Dinge vergesellschafteten die Leute vielmehr. Für Rutschky zeigt sich auch, dass der Konsum, betrachtet man ihn so genau wie Miller, eine "hoch individualisierte Praxis" ist. Der Band liefere zudem einen erhellenden Eindruck von der Vielfalt und Komplexität des sozialen Leben in London. Ärgerlich findet Rutschky, dass der Verlag im der deutschen Ausgabe nur 15 der im Original 30 Studien bringt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.09.2010

Auch wenn es ja vielleicht nicht gleich um kosmologische Ordnungen geht in den fünfzehn  Porträts von Anwohnern einer Londoner Straße, entdeckt Ruth Fühner durch Daniel Millers soziologische Feldforschung doch so etwas wie Ordnungssysteme. Diese sind materieller Art und ersetzen laut Rezensentin das Zwischenmenschliche, kein wirklich neuer Befund zur Zeit, meint sie, ist aber dennoch angetan von der Lektüre. Auch, weil der Autor so etwas wie eine "Ehrenrettung" der stummen Dinge vornimmt: von der Briefmarke bis zum Laptop.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2010

Wahrlich tröstend ist diese Buch für Peter Geimer durch die sich einstellende Ahnung davon, dass niemand uninteressant ist. Es gilt bloß, genauer hinzuschauen. In seinen besten Momenten gelingt das dem Autor auch, erklärt uns Geimer, der den enthnologischen Blick auf Alltagsphänomene auf engstem Raum (hier einer Londoner Straße) für unterhaltsam und lehrreich hält. Staubwischen, eine Bierglassammlung, ein Hund, auch wenn es sich dabei nicht immer um Dinge handelt, wie Geimer kritisiert, soziologisch ist das fruchtbar, wenn auch nicht neu. Schade findet er, dass die "Dinge" bei Daniel Miller ihrer unheimlichen, widerspenstigen Seite beraubt werden. Roland Barthes etwa habe diese gesehen.
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