Dan Tsalka

Tausend Herzen

Roman
Cover: Tausend Herzen
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart/München 2002
ISBN 9783421053824
Gebunden, 948 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Im Jahre 1919 läuft die Ruslan, die israelische Mayflower, mit dem Ziel Palästina aus dem Hafen von Odessa aus, an Bord Menschen aus ganz Europa. Unter ihnen Ezra Marinsky, ein Architekt, der auf Sand und Ruinen einen neuen Staat aufbauen helfen will...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2003

Zur Lektüre von Dan Tsalkas "voluminösen Roman" mit seinen über hundert verschiedenen Figuren brauche man "einen langen Atem, viel Zeit und ein gutes Gedächtnis", rät uns Sabine Doering. Doch die Mühe lohnt sich, verrät die Rezensentin weiter, entwerfe der Autor doch ein "buntes Mosaik des modernen Israels". Dem Verlag hingegen kreidet sie an, auf die nützliche Hilfe eines beigefügten Personenverzeichnisses verzichtet zu haben. Die von Tsalka behandelte geschichtliche Spanne reiche von den ersten Einwanderungswellen osteuropäischer Juden im Jahr 1919 bis hinein in die sechziger Jahre, erzählt Doering. Allerdings lasse Tsalkas "phantasievolles Erzählen" und seine "ausschweifende Ausführlichkeit" mitunter vergessen, dass sich die Figuren mit ihren Alltagsproblemen vor einem realen zeitgeschichtlichen Hintergrund bewegen. So führt die Rezensentin an, dass historische Gestalten wie Ben Gurion und Mosche Dajan allenfalls wie "flüchtige Schatten" auftreten. Auch vom Konflikt mit den Palästinensern hat sie "erstaunlich wenig" gelesen. Folglich werde der zionistische Gründungsmythos zu einer Geschichte großer und kleiner Heldentaten, die auf Doering wirkt wie "ein Märchen aus glücklicherer Vergangenheit".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.12.2002

Karl-Markus Gaus ist schon ziemlich beeindruckt, wie "kraftvoll" sich der israelische Autor an das "Gründungsepos" des Staates Israel macht. Der Rezensent beschreibt den Verlauf des Romans, der in vier Teile gegliedert ist, von der Ankunft des Schiffes "Ruslan" 1919 mit vor Pogromen geflüchteten Juden bis in die 60er Jahre, in denen für manche der zionistische Traum bereits Schaden erlitten hat. Er zeigt sich von der Romanform fasziniert, in der nur lose miteinander verbundenen Anekdoten über novellenartige Texte, "unzählige Kapitelchen" und einen vierten Teil, der für sich schon einen "veritablen Roman" abgegeben hätte, miteinander verknüpft sind. Gaus würdigt die "Fülle an Stoff" sowie die vielen geografischen und historischen Details, und er findet schon allein das Vorhaben ziemlich "kühn". Allerdings betont er, dass Tsalka einen völlig unpolitischen Roman geschrieben hat und es ihm in dem Buch um den "Zionismus als kulturelle, die Menschen ergreifende Idee" gegangen sei. Nur wenn Tsalka historische Gestalten wie den "Kriegshelden" Moshe Dajan auftauchen lässt, wirft ihm der Rezensent vor, beinahe "propagandistisch" zu werden. Dass Palästinenser so gut wie gar nicht vorkommen und die in der Geschichte auftauchenden Araber insgesamt recht "merkwürdig" charakterisiert werden, stört den Rezensenten auch nicht unerheblich. Als das "epochale Werk", als das man es gefeiert hat, will Gaus das Buch nicht anerkennen, aber er ist durchaus der Meinung, dass der Autor hier zumindest einen "großen Wurf" gewagt hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.06.2002

Der israelische Schriftsteller Dan Tsalka, 1936 in Warschau geboren und Überlebender des Holocaust, hat sich mit seinem bereits 1991 in Israel erschienenen Epos "Tausend Herzen" über die Ankunft des legendären Emigrantenschiffs "Ruslan" im Jahr 1919 in Jaffa und die damit beginnende Geschichte des Staates Israel viel vorgenommen, meint Tobias Krause. Was der Autor anstrebe - in der Tradition von Tolstoi und Puschkin ein literarisches Werk über komplexe und vielschichtige gesellschaftliche Entwicklungen zu kreieren - sei ihm aber leider, bedauert Krause, gründlich missraten. Zu viel habe Tsalka in diesen Roman gepackt, zu viele Personen, reale und fiktive, zu viele Geschichten, zu viele Details. Was den Leser da erwarte, sei über weite Strecken eine "nervenaufreibende" Langeweile. Der Autor sei einer, stöhnt der Rezensent, "Spektroskopie" verfallen, die den Wert des Buchs eher reduziere denn steigere. Krause gesteht zwar ein, dass sich zwischen langatmigen und redundanten Passagen ohne Tiefgang echte Perlen "hoher Erzählkunst" verbergen, doch die müsse der Leser ernsthaft aufstöbern wollen. Weniger wäre hier mehr gewesen, ist der Rezensent überzeugt, und auch eine etwas zeitgemäßere Sprache wäre dem Roman besser bekommen. "Tausend Herzen" sei ein "gigantisches Patchwork", das hier und da ob der Erzählkunst des Autors eine Gänsehaut verursacht, aber dem insgesamt die große Form und die literarische Tiefe fehlt, bedauert Krause.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.04.2002

Dan Tsalkas hat einen "monumentalen" Roman über die Geschichte Israels geschrieben, berichtet Ulrich Baron. Auf fast tausend Seiten schildert er die vielen Lebensgeschichten der Verfolgten, ihre Träume, Erwartungen und Enttäuschungen. Wenig lasse sich der Autor, der selbst 1936 mit seinen Eltern auf der Flucht vor den Nazis den Weg ins "heilige Land" antrat, dabei auf die politische Geschichte ein, so der Rezensent. So riesig der Textkorpus sei, so "komplex" seien aber auch seine Konstruktion und Vielfältigkeit geografischer, historischer und kultureller Aspekte der zionistischen Staatsgründung, von Abendland und Morgenland, sephardischer und aschkenasischer Juden, denkt Baron. Das Buch findet der Rezensent "epochal". Es handle von Menschen, die versuchten, sich ein Land zu schaffen, wobei "Tragisches" neben "Groteskem", Flucht und Gulag neben dem Versuch, mit Israel einen "biblischen Zoo" zu bauen, in dem Lamm und Wolf friedlich nebeneinander leben könnten, thematisiert würden, so Baron.
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