Colson Whitehead

Die Intuitionistin

Roman
Cover: Die Intuitionistin
Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN 9783446261839
Gebunden, 272 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Colson Whiteheads Debütroman über die erste schwarze Fahrstuhlinspekteurin New Yorks. Unter den Prüfern der Aufzüge ist ein Richtungsstreit entbrannt. Es gibt zwei Flügel: die Empiristen, die jede Schraube kontrollieren, und die Intuitionisten, die einen Fahrstuhl betreten und dessen Funktionstüchtigkeit intuitiv erspüren. Zu ihnen gehört auch Lila. Ihre Erfolgsquote ist die höchste, bis ein von ihr abgenommener Fahrstuhl im freien Fall abstürzt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2025

Rezensent Wolfgang Schneider wundert sich, dass Aufzüge als "Metapher für Auf- und Abstiege" in so wenigen Romanen eine tragende Rolle spielen; einer davon ist Colson Whiteheads Debütroman, der jetzt nach einem Vierteljahrhundert auch auf Deutsch erscheint. In der Welt der Fahrstuhl-Experten haben sich zwei Lager aufgetan, die eher technisch orientierten "Empiristen" und die "Intuitionisten", die sich ihrem Objekt eher gefühlsbetont widmen, zu letzteren gehört auch die Protagonistin Lila, die erste schwarze Frau in der Branche, erfahren wir. Ihre Karriere soll sabotiert werden, weshalb Lila in der mafiösen Fahrstuhlbranchen recherchiert. Außerdem kommt noch eine "Blackbox" des intuitionistischen Fahrstuhltheorektikers James Fulton ins Spiel, die uns direkt in den Himmel führen soll. Whitehead spielt Schneider zufolge mit Elementen des Noir, doch seine bestimmenden Themen sind Rassismus und soziale Fortschrittsgedanken. Für den Kritiker ein vielschichtiges, originelles Werk, das durch einige Stilblüten nur wenig von seiner Kraft verliert, wie er resümiert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.12.2024

Schön, dass es diesen frühen Roman Colson Whiteheads nun in einer deutschen Neuausgabe gibt, findet Rezensent Daniel Haas. Das 2000 erschienene Buch lässt einen, unter anderem freilich nur, mit anderen Augen auf Fahrstühle blicken, erklärt Haas. Es geht nämlich, im Stil neuerer Science-Fiction-Literatur, um eine Fahrstuhlinspektorin, die der Gruppe der Intuitionisten angehört. Diese fühlen sich in die Technik ein, statt sie, wie ihre Gegner, die Empiriker, technokratisch zu analysieren. Jedenfalls gerät die Heldin namens Lila Mae zwischen die Fronten eines Machtkampfes. Mae hat als Schwarze gelernt, möglichst unauffällig zu sein, und die Handlung öffnet sich dann auch bald auf Themen wie Rassismus und weibliche Emanzipation, erläutert Haas. Ralph Ellisons Klassiker "Invisible Man" schwingt immer wieder mit in diesem Buch, meint der Rezensent, den insbesondere die Beschreibungen Whiteheads von sozialen Verhältnissen oder einer vom Kapitalismus geprägten Architektur beeindrucken. Ein abgründiges Highlight der jüngeren Literaturgeschichte, lobt Haas.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 24.08.2024

Rezensent Ulrich Rüdenauer freut sich, Colson Whiteheads Debütroman nun endlich neu entdecken zu können: Die Protagonistin Lila Mae ist Fahrstuhlinspektorin in den 1940er- oder 50er-Jahren und sie ist die erste Schwarze, die diesen Job ausführt. In einer Metropole, die Rüdenauer an New York erinnert, stehen sich zwei verfeindete Fahrstuhlinspektionsfirmen gegenüber und möglicherweise ist ein Unglück auf diesen Clinch zurückzuführen, sodass sich die  Protagonistin in einem ziemlich spannenden, verschworenen Krimi  wiederfindet. Ein Roman, der das Verhältnis "zwischen den races" so raffiniert und spannungsreich auslotet wie kaum ein zweiter, resümiert der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 23.08.2024

Diesen Autor müsse man fortan beachten, sagte John Updike bereits 1999 voraus, kurz nach Erscheinen von Colson Whiteheads Debütroman über die Fahrstuhlinspekteurin Lila Mae Watson. Recht hatte er damit, weiß Rezensent Joachim Scholl. Wie Updike zu diesem Urteil kam, können wir nun nachvollziehen anhand einer überarbeiteten Übersetzung von eben diesem "sensationellen" Erstling. Angelegt ist der Roman als Krimi, vordergründig zumindest. Und schon die Krimihandlung allein würde zu einem absolut lesenswerten Roman gereichen, findet Scholl: In der Gilde der Fahrstuhlinspekteure stehen sich die Empiristen und die Intuitionisten gegenüber. Lila Mae, die erste schwarze Fahrstuhlinspekteurin, ist eine der letzteren, eine Anhängerin der Lehren James Fultons. Als dieser ums Leben kommt - ein Mord? - und ein von Lila Mae inspizierter Fahrstuhl abstürzt, begibt sie sich selbst auf die Spuren des Verstorbenen, lesen wir. Doch "Die Intuitionistin" ist nicht nur ein verzüglicher Krimi, sondern auch eine überaus geschickt konstruierte, "souverän erzählte" Parabel über Rassismus und den sozialen Auf- und Abstieg, so der hingerissene Rezensent.