Lügen im Paradies
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498007249
Gebunden, 160 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Jeden Sommer ihrer Kindheit verbrachte Colombe in den Schweizer Bergen. Zusammen mit anderen Jugendlichen aus aller Welt wurde sie in die Obhut eines Ehepaars gegeben, das sich liebevoll und zugleich streng um die Kinderschar kümmerte: alle aus gutem Hause, alle aus kaputtem Elternhaus, so wie auch Colombe, deren jüdische Mutter, als sie klein war, sich in einem Kloster verstecken musste, und deren Vater, der Verfolgung gerade so entkommen, doch Zeit seines Lebens ein Flüchtender blieb. Dreißig Jahre braucht es, damit Colombe das Bild dieser Kindheitsidylle korrigiert. Sie reist in die Schweiz, trifft die Menschen von damals wieder und vor allem die beiden Kinder des Ehepaars, das sich um all die fremden Zöglinge so aufopferungsvoll kümmerte, die eigenen aber sträflich vernachlässigte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 23.01.2026
Rezensent Nico Bleutge lernt die Schattenseiten einer Kindheit im Chalet in den Schweizer Bergen kennen dank dieses autofiktionalen Buches der französischen Schriftstellerin Colombe Schneck. In ein solches wird die nach der Autorin benannte Erzählerin nämlich in ihrer Kindheit und Jugend von ihren stinkreichen Eltern zwei Monate im Jahr geschickt, genau wie viele andere Kinder aus wohlhabenden Familien. Die Erzählerin, die sich zunächst an reines Kindheitsglück in malerischer Umgebung zu erinnern meint, muss dreißig Jahre später bei einer Rückkehr, vor allem aber durch Recherchen und Austausch mit alten WeggefährtInnen erkennen: Ihre Erinnerung hat sie getäuscht. Denn die anderen erinnern sich sehr wohl an strenge Regeln, harte Strafen - etwa eine Stunde Knien im Flur - und kindliche Verletzungen, resümiert Bleutge. Genau darin erkennt der Kritiker die Stärken des Buches: Schneck zeigt das Zerplatzen von Illusionen ebenso wie deren Kraft, zudem macht sie die Privilegien der Erzählerin gegenüber den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Chalet-Besitzern deutlich. Ein paar "gewollte" Verallgemeinerungen zum Schluss verzeiht Bleutge gern.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 03.01.2026
Colombe Schnecks Art, autofiktional über das zu schreiben, was in einem Frauenleben oft ungesagt bleibt, erinnert Rezensentin Mara Delius an Größen des Genres wie Annie Ernaux oder Rachel Cusk. Aber in Schnecks neuem Buch macht die Kritikerin noch eine zusätzliche Ebene aus. Die Familie der Autorin stammt aus Litauen und Transsylvanien, ist jüdisch, spricht aber nicht über das schwere Erbe, Familienmitglieder im Holocaust verloren zu haben, erfahren wir. In ihrer Kindheit wird Colombe für die Ferien zu einer Schweizer Familie in die Berge geschickt, die sich um Kinder aus kaputten Familien kümmert - Jahrzehnte später reist sie zurück und findet heraus, dass eben diese Familie ihre eigenen Kinder misshandelt hat, so Delius. Gekonnt vermischt Schneck die Zeitebenen und liefert mit diesem Text einen Schlüssel für ihr restliches Werk, schließt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 30.12.2025
Rezensent Carsten Hueck ist angetan von diesem autofiktionalen, desillusionierenden Roman der französischen Autorin. Die der Autorin gleichende Ich-Erzählerin verbrachte viele Monate ihrer Kindheit bei einer wohlhabenden Gastfamilie in einem prunkvollen Schweizer Chalet, lässt uns Hueck wissen. Zusammen mit anderen Kindern, die wie sie aus reichen, aber dysfunktionalen Familien stammen, wurde das Chalet zu einer Mischung aus idyllischem Feriencamp und Ersatzfamiliensitz. Viele Jahre später nimmt die Ich-Erzählerin wieder Kontakt zu ihren Ferienbekanntschaften auf und hinterfragt ihre makellos scheinenden Erinnerungen, erfahren wir. Neben den plastisch und kraftvoll erzählten Episoden aus der Vergangenheit finden sich plötzlich auch Geschehnisse, die die Illusion der perfekten Schlosswelt brechen: Im Rückblick wird etwa die Organisationsfreude, mit der Gastvater Karl Ski-Übungen plante, zu einer tyrannischen Kontrollsucht. Solche Momente der Umkehrung liest Hueck als eindrückliche Befreiungsschläge und Reflexionen über die "Grenzen der Liebe".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2025
Ganz ungetrübt ist das Lesevergnügen von Rezensent Rainer Moritz nicht, gleichwohl hat er dieses Buch insgesamt gerne gelesen. Colombe Schneck wandelt laut Moritz auf den Spuren Annie Ernaux' und erzählt autofiktional von ihrem jüngeren Ich, das in den 1970ern alljährlich zwei Sommermonate in den Schweizer Bergen verbracht hatte. Diese Aufenthalte im Waadtländischen erinnert die Erzählerin zunächst als äußerst glücklich, die dortigen Gasteltern Karl und Anne-Marie wurden ihr zu wichtigen Bezugspersonen. Nun allerdings beginnt Erzählerin, die ebenfalls Colombe heißt, das vermeintliche Paradies zu hinterfragen, unter anderem, weil sie davon erfährt, wie unglücklich die eigenen Kinder der Gasteltern in ihren späteren Leben waren. Sie fragt sich Moritz zufolge, ob sie selbst etwas mit dem Unglück dieser anderen zu tun gehabt haben könnte, gleichzeitig beschäftigt sie sich auch mit anderen Lebenslügen, dem Verhältnis zu ihren Eltern und ihrer eigenen Ehe mit einem Alkoholiker. Eindeutig ist nichts in diesem Lügenwirrwar, stellt Moritz fest. Eine intelligente, vielschichtige Selbstbefragung hält er mit diesem von Claudia Steinitz gut übersetzten Buch in Händen, nur gelegentlich mangele es ihm, wie vielen autofiktionalen Werken, an Anschaulichkeit