Claudio Magris

Blindlings

Roman
Cover: Blindlings
Carl Hanser Verlag, München 2007
ISBN 9783446208254
Gebunden, 414 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. Claudio Magris erzählt vom Untergang der Illusionen: Da ist zum einen der Abenteurer Jorgensen, der am königlichen Hof in Dänemark aufwächst und Jahre später in jene Stadt deportiert wird, die er selber gegründet hat - Hobart Town in Tasmanien. Und zum anderen der Italiener Cippico: Er hat den politischen Kampf in Australien und den spanischen Bürgerkrieg mitgemacht, hat Dachau überlebt und wurde schließlich unter Tito eingesperrt auf der Todesinsel Goli Otoko. Beide Helden, obwohl in unterschiedlichen Jahrhunderten geboren, haben für ihre Ideale gekämpft, beide sind von den Ideologen ihrer Zeit betrogen worden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.2008

Beeindruckend, aber auch ein wenig zwiespältig scheint Pia Reinacher dieser Roman von Claudio Magris. Sie bewundert die komplexe, musikalisch komponierte Erzählstruktur des Werks, den Reichtum an starken mythologischen Bildern und den unbändigen Strom der Sprache. Im Mittelpunkt sieht sie einen Mann mit gespaltenem Bewusstsein, der in einer psychiatrischen Klinik in Triest seine ausufernde, abenteuerliche Lebensgeschichte berichtet, immer getrieben von der Suche nach der eigenen Identität. In diesem Erzählschwall spiegeln sich für Reinacher Schrecken und Schönheit, Wirrnis und Erleuchtung des europäischen Jahrhunderts. "Unerwartet" wachsen dem Leser in ihren Augen "Einsichten" zu. Allerdings tut ihr der Autor mit den zahllosen Anspielungen aus Mythologie, Literatur- und Menschheitsgeschichte zu viel des Guten. So fühlt sie sich bisweilen überfahren von der "Überfülle an geballtem Wissen".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.11.2007

Als ausgesprochen heilsam hat Rezensentin Kristina Maidt-Zinke die Lektüre dieses Romans empfunden, obwohl es sich aus ihrer Sicht um "ein gewaltiges Lamento", einen "gnadenlosen Abgesang" auf das 20. Jahrhundert handelt. Schauplatz ist Maidt-Zinke zufolge eine psychiatrische Anstalt an der Peripherie von Triest, wo ein Patient seinem Arzt "wie im Delirium" seine Lebensgeschichte auf Band spricht. Im Verlauf dieses hoffnungsvernichtenden Monologs rechne er mit allen Utopien ab. Am Ende sei er verschwunden und nur noch das Tonband da. Wir erfahren, dass der Held mit dem sprechenden Namen Salvatore Cogoi an allen revolutionären Fronten des 20. Jahrhunderts gekämpft und gelitten hat - Spanischer Bürgerkrieg, Weltkrieg, Konzentrationslager und Titos Gefängnisinsel. Daher ziehe sich auch das Grauen der verschiedenen Todeslager der ideologischen Systeme wie eine Blutspur durch die Suada dieses Heimatlosen, dessen Ich von der "Flutwelle der epochalen Schrecken" zerstört worden sei. Trotz der geschilderten Verheerungen muss das Buch von großer Schönheit sein, woran der Rezensentin zufolge im Deutschen auch die Übersetzerin einen beachtlichen Anteil hat. Und beeindruckende Frauengestaltten, an denen Claudio Magris die Klagewelle immer wieder brechen lasse.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2007

Den Roman "Blindlings" preist Steffen Richter begeistert als wohl bisher bestes Werk von Claudio Magris. In dem Bericht, den Salvatore Cippio seinem Psychiater in einer geschlossenen Anstalt bei Triest von seinem Leben gibt, versammeln sich die Schrecken des 20. Jahrhunderts; der italienische Kommunist Cippio erzählt von Dachau, wo er als Partisan von den Nazis inhaftiert wurde und von der Gefängnisinsel Goli Otok, wo er unter Tito von den eigenen Genossen eingesperrt wurde, dazwischen mischen sich Wahnvorstellungen, in denen Cippio sich mit Jorgen Jorgensen verwechselt, einem dänischen Dichter, der 1803 in Tasmanien eine britische Strafkolonie gründete und drei Wochen lang König von Island war, fasst der Rezensent den komplexen Stoff zusammen. Für Richter bietet der Roman so etwas wie die "Summa" aus dem bisherigen Werk des Autors. Tief beeindruckt ist der Rezensent von Magris' Fähigkeit, seinen umfangreichen Stoff zu bewältigen und trotz der zahlreichen Abschweifungen, in denen sich der Autor ergeht, seiner Geschichte einen überzeugenden Rhythmus zu geben. Am Ende lobt er noch die Übersetzerin Ragni Maria Gschwend, an die dieser Roman hohe Ansprüche gestellt habe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2007

Weniger wäre hier mehr gewesen, meint Lothar Müller zu diesem aus der Spur laufenden Zeitroman von Claudio Magris. Was der Autor an Historischem aufnimmt (die jugoslawische Strafinsel Goli Otok zum Beispiel), um die Irrwege der italienischen Linken zu verarbeiten, erscheint dem Rezensenten im "monströsen Monolog" der Erzählerfigur erst authentisch uneins, bald jedoch zu sehr der Privatmythologie des Autors folgend, als dass er sich an einen roten Faden halten könnte. Magris' "Leidenschaft für die Literatur des Meeres" katapultiert den Text für Müllers Begriffe etwas übers schöne Ziel eines "europäischen Gesamtromans" hinaus.
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