Joseph Zoderer

Der Schmerz der Gewöhnung

Roman
Cover: Der Schmerz der Gewöhnung
Carl Hanser Verlag, München 2002
ISBN 9783446201378
Gebunden, 290 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Ein Mann geht auf seine letzte Reise: Der aus Südtirol stammende Jul bricht auf nach Sizilien, um dort vielleicht das zu finden, was ihn seit dem Tod der Tochter Natalie von seiner Frau Mara und dem gemeinsamen Leben trennt, das von einem Land zwischen zwei Kulturen und Sprachen bestimmt wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.2002

"Früher schrieb Peter Handke so gute Sätze und Bücher wie noch immer Joseph Zoderer." Heinz Ludwig Arnold schämt sich keiner großen Vergleiche und weiß den Ritterschlag auch glaubwürdig zu belegen. Er lobt die "sinnliche Kompaktheit", die "unmittelbare Glaubwürdigkeit" und die "klingenden Melodien" von Zoderers Prosa, die in "Schmerz der Gewöhnung" ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht habe. Die Geschichte um den krebskranken Jul, der sich seit dem Tod der gemeinsamen Tochter Natalie immer weiter von seiner Frau Mara entfernt hat und nun auf seine letzte Reise geht, ist für den Rezensenten Zoderers "ehrgeizigstes und bestes Buch". Das zentrale Thema von Zoderers Schaffen, das Problem der ethnischen Fremdheit zwischen Italienern und Südtirolern, wird hier in einem "komplexen Geflecht" individueller und genereller Konflikte behandelt. "Eindrücklich" schildere der Autor den Prozess, wie Jul langsam die eigenen Vorurteile gegenüber seiner sizilianischen Frau und deren Familie entdeckt und nicht unterdrücken kann. Arnold würdigt die Art und Weise, mit der der Autor Schicht um Schicht die Erfahrungen eines Lebens freilegt, als "kunstvolle Sektion". Ein Buch über das Unverständnis des Fremden, eine Epidemie, die immer wieder ausbricht, in allen Teilen der Welt, aus uns selbst heraus.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.07.2002

Dieser Roman ist "eine Summe von Zoderers Romanen", schreibt der Rezensent Hans-Peter Kunisch. Verwandte Figuren, verwandte Szenen, doch allen voran das Thema der Tiroler "famosa Heimat". Kurz umreißt der Rezensent die Handlung: Jul, ein deutschsprachiger Südtiroler, heiratet Mara, eine Italienerin, doch ihre gemeinsame Tochter stirbt und das Leben erstarrt. Die zunehmende Selbstentfremdung bringt Jul dazu, sich auf die Spuren der Vergangenheit, vor allem des italienischen Faschismus zu begeben. Man könnte meinen, so Kunisch, dass "der Fall Südtirol" im Zuge der Ereignisse auf dem Balkan an Brisanz verloren habe und ein "vergleichsweise harmloser, beinahe schon historischer Streit" sei. Doch Zoderers Darstellung bringe auch "regionenübergreifende Probleme zwischen Nationalitäten zur Sprache". Er zeigt, wie sich "die Geschichte im Privaten ablagert", lobt Kunisch, und das in einer sehr "geduldigen" und "genauen" Annäherung.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

Geradezu schwärmerisch feiert Christian Thomas die Melancholie dieses Romans, in dem der Südtiroler Autor wieder einmal das Thema der Entfremdun und einer "nicht allein lebensweltlichen, sondern auch transzendentalen Heimatlosigkeit aufgreife. Ein Journalist reist von Südtirol nach Agrigent, um den Unfalltod seiner Tochter zu verkraften und wird sich dabei auch der Fremdheit zu seiner Frau bewusst, mit der er einst das politische Engagement geteilt habe - so lautet in Thomas' Resümee die triste Fabel des Romans. Dabei hebt der Rezensent allerdings die Sanftheit von Zoderers Prosa hervor, die es "mit dem Verbinden der Satzglieder sachte meint" und Perspektivwechsel sowie verschiedene Erzählerstimmen locker einstreut. Auch historische Reminiszenzen werden eingestreut, etwa die Abkunft des Protagonisten von "Optanten", die als Südtiroler einst für Hitler und gegen Mussolini stimmten, oder die faschistische Vergangenheit des sizilianischen Schwiegervaters. Ob es am Ende die Perspektive einer Rettung oder Versöhnung gibt, lässt der Rezensent offen: So bleibt die Spannung bis zur letzten Sekunde erhalten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.03.2002

Mit Interesse hat die Rezensentin Beatrice von Matt diesen Roman von Joseph Zoderer gelesen, in dem es um die unterschwelligen Spannungen in der südtirolisches Gesellschaft geht. Der Protagonist ist der deutschsprachige Jul, und davon, wie der Erzähler dessen "krisenhafte Fremdheitserfahrung in ein bildhaft novellistisches Geschehen übersetzt" ist die Rezensentin sehr angetan. Ihr einziger Kritikpunkt ist, dass es dem Autor manchmal an Distanz zu seiner Hauptfigur fehlt, und die Schwachstellen des Buches verortet sie auch genau dort, wo "der Autor die eigene Vergangenheit zu leichthin und fast lieblos ausbeutet". Ansonsten ist von Matt aber begeistert von dieser sehr konkreten Erzählung und von der "bohrenden Zwiespältigkeit" ihres Protagonisten.
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