Christoph Türcke

Vom Kainszeichen zum genetischen Code

Kritische Theorie der Schrift
Cover: Vom Kainszeichen zum genetischen Code
C. H. Beck Verlag, Müchen 2005
ISBN 9783406534720
Gebunden, 247 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Schrift hat roh begonnen: als Einschnitt in menschliche Körper oder, biblisch gesprochen, als Kainszeichen. Ihr Entstehungszusammenhang ist das archaische Menschenopfer. Schrift auf Stein, Ton, Holz ist im Vergleich dazu bereits profan; sie hat sich durch einen vieltausendjährigen Emanzipationsprozess von ihrem kultischen Ursprung entfernt. Gegenwärtig erleben wir, wie dieser profanen Schrift unter dem wachsenden Einfluss der audio-visuellen Medien das Rückgrat bricht. Doch die Schrift verschwindet nicht. Vom Branding und Hypertext über die Grammatologie bis zum genetischen Code zelebriert unsere Gegenwart Schrift als sozialen, kulturellen und biologischen Sinn; beschwört sie als etwas Höheres, dem wir uns zu unterwerfen haben. Diese Vergötzung der Schrift rettet die Schrift nicht, macht sie vielmehr zum Fetisch. Fundamentalistisch klammert sie sich an das, was gerade wegbricht. In Anlehnung an Horkheimer und Adorno könnte man sagen: Schrift ist dem Kult entsprungen und schlägt in Schriftkult zurück. Deshalb hat Christoph Türcke seine Untersuchung Kritische Theorie der Schrift genannt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2006

Manuela Lenzen ist von dieser "kritischen Theorie der Schrift" des Philosophen Christoph Türcke, die die Entstehung des Geschriebenen von ihren Ursprüngen bis in die Gegenwart untersucht, sehr beeindruckt. Der Autor fasst Schrift als "Anthropologicum" auf, das tief in "körperlichen, magischen, heiligen Zusammenhängen" gründet, und macht als deren Ursprung die Abkehr vom "Menschenopfer" aus. Die Rezensentin ist vom "Schwung" und der "Intensität" Türckes begeistert und würde sich am liebsten vom Autor Schritt für Schritt durch die Schriftgeschichte führen lassen, weshalb sie zunächst etwas enttäuscht ist, dass Türcke schon wenige Seiten nach seinen Ausführungen zur Antike beim Hypertext landet. Doch lässt sich Lenzen vom "gewagten Brückenschlag" in die Gegenwart überzeugen und folgt dem Autor interessiert, wenn er anhand der Theorien Deleuzes und Derridas die "Verwirrung um den Status der Schrift im Zeitalter des Hypertexts" aufzeigt. Auch die Ausführungen zu "Firmenlogos als Identitätsstifter", bei der die Schrift Fetischcharakter annimmt, findet die Rezensentin sehr fesselnd und sie preist Türcke für seine "schwindelerregenden Bögen". Lenzen findet zwar nicht "jeden Gedankengang" des Philosophen "nachvollziehbar", nichtsdestotrotz lässt sie sich von dessen "brillanten Stil" durch das Buch führen und hat es am Ende nur "mit Bedauern" zugeschlagen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.12.2005

Begeistert zeigt sich Johan Schloemann von Christoph Türckes "Kritischer Theorie der Schrift". Der Kritik des Autors am Schriftkult von Schrifttheoretikern wie Gilles Deleuze oder Jacques Derrida, an Genforschern und ihren Propheten, die von den "Buchstaben" der genetischen "Information" trunken seien, und auch an Informations- und Mediengurus mit ihrer Hypertext-Begeisterung kann Schloemann nur beipflichten. Geradezu "fulminant" erscheint ihm die Diagnose des Autors, die gerade in einer der Situation der Gefährdung durch ein Übermaß an bewegten Bildern und sprunghafter Aufmerksamkeit erfolgte Absolutsetzung der in Schrift sei nicht ihre Rettung, sondern mache sie zum Fetisch. Eine Diagnose, die Schloemann durch viele originelle Gedanken und Beobachtungen unterfüttert sieht. Bewunderung äußert er zudem für Türckes Theorie über den Ursprung der Schrift aus dem Sakralen und ihre weitere Geschichte. Deren "verstörende Kraft und anthropologische Wucht" macht die Lektüre des Buches für Schloemann zu einem "beeindruckenden Erlebnis".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005

Mit dem Computer sahen Kritiker das Ende der "alten" Schriftkultur gekommen, eine Einschätzung, die nach Ansicht von Hans-Volkmar Findeisen heute niemand mehr teilt. Vielmehr stimmt er Christoph Türcke zu, der eine "Renaissance der Schriftlichkeit", ja einen "modernen Schriftkult" diagnostiziert. Fasziniert folgt er Türckes Ausführungen über die jahrtausendelange Entwicklung der Schrift bis in die postmodernistische Gegenwart. Im Kainszeichen sehe der Autor die ikonografische Wurzel der Schrift, die sich in einen vieltausendjährigen Prozess zu einem Medium der Reflexion, einem Mittel der Distanz, einem kulturellen Hilfsmittel entwickelt habe. Auf einer Vielzahl von Feldern, von den Biowissenschaften über die Philosophie, die Kunst- und Medientheorie bis hin zu Film und Werbung analysiere Türcke die postmoderne Einstellung zur Schrift und zeige auf, dass Schrift, ihres Sinns beraubt, heute ihre Bedeutung als Offenbarungsmedium verliert, um zur Botschaft ihrer selbst, zum Reiz, zum Werbeimpuls zu werden. "Schrift ist dem Kult entsprungen und schlägt in Schriftkult zurück", wie Findeisen resümierend die zentrale These Türckes zitiert.