Christoph Hein

Frau Paula Trousseau

Roman
Cover: Frau Paula Trousseau
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783518418789
Gebunden, 537 Seiten, 22,80 EUR

Klappentext

"Ich wünschte, ich wäre nur irgendein Mädchen gewesen, nicht hübsch, nicht begabt und vor allem ohne Träume." Wie werden wir oder werden wir nicht zu dem Menschen, der wir geworden sind? So die elementare Frage in Christoph Heins Roman, der konsequent die Perspektive der Malerin Paula Trousseau einnimmt. Mal in ausgreifenden Situationsschilderungen, mal im Zeitrafferstil erzählt Hein von den Abenteuern der Selbstbehauptung einer Frau, deren Einstellung und Erlebnisse den Leser im Schwanken zwischen Sympathie und Ablehnung in ihren Bann ziehen. Wenn der Leser Paula Trousseau zum erstenmal begegnet, ist sie tot: Selbstmord in Frankreich, im Jahr 2000. Soviel erfährt er objektiv, was dann folgt, sind ihre Tagebuchaufzeichnungen, ihre Sicht der Welt, der Kunst, der Geschlechterverhältnisse, ihre Erlebnisse mit Männern und Frauen in ihrer Version: Wie sie sich, gegen Eltern und Ehemann, für das Kunststudium entscheidet um den Preis der Verhärtung gegen alle und alles.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.05.2007

In einer längeren Rezension gibt Rezensent Martin Lüdke viele Details aus der Handlung des Romans wieder, ohne recht identifizieren zu können, was ihn eigentlich so daran fasziniert. Eines ist immerhin spürbar: Die Rekonstitution der späten Jahre der DDR, der Handlungsmöglichkeiten einer Künstlerin in dieser Zeit, erscheint ihm als Rahmen der Erzählung ungeheuer präzis. Hein knüpfe hier an die Erzählung "Drachenblut" an, die eine ähnliche Konstruktion habe, aber nicht mit dieser Entwicklung, die der reifere Autor ihr hinzuzufügen wisse. Das Politische scheint indirekt gegenwärtig in diesem Roman einer Künstlerin, die es letztlich auf den Konflikt mit der DDR-Gesellschaft nicht ankommen lässt und dennoch am Ende ein suggestiv beschriebenes Meisterwerk malt. Nach der Wende endet das Künstlerinnenleben in Sinnlosigkeit. Lüdke scheint ergriffen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2007

Rezensent Martin Krumbholz ist beeindruckt von diesem neuen Roman des Autors Christoph Hein, er bezeichnet ihn als "bedeutende Kunst". Für ihn ist das Buch "ein monochromes Prosagemälde" in Schwarz, das aber erstaunlich lebhaft ist. Die Protagonistin schließt man als Leser ins Herz, obwohl - oder gerade weil - sie so viele Fehler macht. Das ist in den Augen der Rezensenten "ein beachtliches und bewundernswertes Kunststück" Heins. Lesen kann man " Frau Paula Trousseau" in Krumholz' Augen auf unterschiedliche Art und Weise, als Psychogramm einer von Enttäuschungen und narzisstischen Kränkungen verhärteten Frau ebenso wie als Abgesang "auf die DDR und ihr Kunst-Spießertum".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.05.2007

Meike Fessmann ist dem Autor dankbar für ein "mutiges" Buch, das ihr eine einfache Wahrheit ins Gedächtnis ruft: Biografien können verunglücken. Der Weg zu dieser Erkenntnis scheint nicht ganz leicht. Anfangs ist Fessmann irritiert angesichts der Kunstlosigkeit des Romans, der sie dennoch in Bann schlägt. Schließlich erkennt sie die distanzierte Haltung Christoph Heins und die Suggestion, es handle sich bei der Geschichte der Malerin Paula Trousseau um eine wahre Biografie, als Kunstgriff, der bei ihr den Impuls weckt, "diese Figur zu maßregeln". Ein "Akt der Selbsterkennung", staunt die Rezensentin, inszeniert "in berückender Schlichtheit".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.04.2007

Bitter enttäuscht zeigt sich Maja Rettig von Christoph Heins neuem Roman. Ihrer Ansicht nach stimmt hier rein gar nichts. Und natürlich beginnen die Probleme mit der Titelfigur Paula Trousseau, die weder in der Ich-Erzählung schlüssig werde noch in den eingeschalteten, von einem anderen Erzähler verfassten Episoden aus ihrer harten Kindheit in der DDR der fünfziger Jahren. "Frauenfeindlich" aufs Äußerste erscheint ihre Umwelt, vom Vater zum Ehemann - von beiden aber löst sie sich. Und obgleich sie bei der Scheidung ihr Kind verliert, leuchtet Rettig nicht recht ein, wo hier die von Hein offenkundig angestrebte Tragödie liegen soll. Schlichte handwerkliche Mängel kommen hinzu, die Dialoge kommen nicht auf den Punkt und insgesamt gilt: "Die ganze Erzählung hat keinen Rhythmus, keine Dramaturgie." Nein, die Rezensentin fragt sich geradezu fassungslos, wohin die von ihr einst geschätzten Qualitäten des Autors verschwunden sind.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007

Anfang und Ende gut, meint Jochen Hieber. Leider hat der Roman dazwischen 500 Seiten und die verdaut er nur schwer. Sein Interesse, das Christoph Hein zu Beginn zu wecken vermag, lässt rasch nach, weil das Erzählklima ins Eisige abkühlt. Dem Autor traut Hieber allerdings so viel zu, dass er Kalkül vermutet, den Wunsch der "Fallstudie eines unausweichlichen Unglücks" die passende Atmosphäre mitzugeben. Hilft aber nix. Hieber will das nicht lesen, nicht die "Rollenprosa" einer "absichtsvoll unsympathischen Frau" und auch nicht den "Bildungsroman einer innerlich Entwicklungslosen". Die "dokumentarisch interessanten" Ausschnitte aus dem Leben der DDR-Künstlerboheme dagegen schon. Nur sind das bloß wenige.
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