Christian Lehnert

Auf Moränen

Gedichte
Cover: Auf Moränen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783518419540
Gebunden, 126 Seiten, 16,80 EUR

Klappentext

"Wie ein Buchstabe, / aufgerissenes Auge, nicht von dem Buch wissen kann, / das ihn enthält, / kann ich nicht lesen, wo ich bin." Sie stellen sich den Fragen nach der eigenen Existenz: der Bausoldat, der sich in der monotonen Plackerei auf Rügen zwischen "Gleichschritt" und "Normzeit" abhanden zu kommen droht; der Anpassungsvirtuose Erich Mielke, für den das Wort Ich ein "bloßes Stochern im Dunkel" ist; oder Apostel Paulus, der auf das Komme vertraut und das Hier und Jetzt als Zwischenzustand begreift. Auf Moränen erklingen diese Stimmen, unter ihnen ein Berg von Erlebnissen und Geschichte, Gedankengeröll, das sich übereinanderschiebt. Christian Lehnert spürt in seinen Gedichtzyklen tastend, drängend den Identitätsfragen nach, wie sie vom Urchristentum bis in die Gegenwart reflektiert werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2008

Für Rezensent Hermann Kurzke gehört Christian Lehnert zu der Handvoll guter Lyriker überhaupt. Allerdings fällt Kurzkes Argumentation dazu nicht allzu üppig aus. Die hübschen Kiesel im "Sprachschutt" des abgeschmolzenen Ostblocks, die er in den Texten entdeckt, können es allein nicht sein. Vielleicht die gottlose Einsamkeit, die der Autor in "traumatischen Bildern" vermittelt. Kurzke stößt auf sie unter anderem in den Gedichten aus Lehnerts Zeit als Bausoldat in Prora, als Möwen dem Autor die besseren Gesprächspartner waren. Wie die Lüge des politischen Systems sich in der Sprache manifestiert, scheinen die Gedichte mit ihrer "antiidyllischen" Sprache ebenfalls gut zu transportieren.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.04.2008

Christian Lehnerts lyrisches Werk hat bislang nicht die Beachtung gefunden, die es verdient, meint Peer Trilcke. Der 1969 in Dresden geborene Lyriker arbeitet hauptberuflich als Pastor, weshalb er vor allem als "religiöser Dichter" wahrgenommen wird, ein Etikett, das, wenn auch nicht unzutreffend, keineswegs ausreicht, wie der Rezensent betont. Denn der Lyriker zeigt sich in seinen Gedichten nicht als Prediger in poetischem Gewand, seine Verse entpuppen sich vielmehr als "Abwege" und sind mitunter "merkwürdig heillos", wie Trilcke interessiert feststellt. Neben Lehnerts lyrischem Ich taucht auch immer wieder das Ich als anderer in diesen Texten auf, das sich als gespalten erlebt, so der Rezensent weiter. Auch die Geschichte der DDR legt eine Spur in diesen Gedichten und der Autor schlüpft schon mal in die Rolle eines DDR-Bausoldaten oder in die von Erich Mielke, wie der Rezensent feststellt. Auch wenn Trilcke die Texte, in denen der Autor Mielke zu Wort kommen lässt, formal nicht überzeugen, so betont er dennoch, dass mit Lehnert ein "heillos moderner" Dichter zu entdecken ist, der dabei trotzdem die "poetische Kraft" religiöser Sprache zu nutzen vermag.