Christa Hempel-Küter

Germanistik zwischen 1925 und 1955

Studien zur Welt der Wissenschaft am Beispiel von Hans Pyritz
Cover: Germanistik zwischen 1925 und 1955
Akademie Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783050034720
Gebunden, 350 Seiten, 50,11 EUR

Klappentext

Entgegen bisherigen Forschungsansätzen, die soziale und politische Einflussfaktoren auf die Wissenschaft ausklammern oder die Forschung allein auf diese konzentrieren, legt Christa Hempel-Küter hier eine Arbeit vor, in der Fragen der Bedingungen der Wissenschaft am Beispiel der Hochschulgermanistik mit sozialgeschichtlich inspirierten Beobachtungen verbunden werden. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die wissenschaftliche Biografie des Germanisten Hans Pyritz, die vom Studium am Berliner Germanischen Seminar bis hin zum Ordinariat am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg verfolgt wird. An diesem Beispiel werden Einblicke in die Geschichte der Germanistik im Untersuchungszeitraum gewonnen. Konzeptionelle Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Umfeld politischer Zäsuren werden beispielhaft an Pyritz? Lebensthema "Goethe" aufgedeckt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.02.2001

"Gewaltsamer als die 68er waren die, gegen die sie revoltierten." Zu diesem Schluss kommt der Rezensent Jochen Hörisch nach der Lektüre der beiden Abhandlungen über die Germanistik zwischen 1925 und 1955 und die der siebziger Jahre. Christa Hempel-Küters Buch zeigt, welche vom Nationalsozialismus geprägten Germanisten tonangebend für die Nachkriegszeit waren - auf der einen Seite. Der Sammelband von Silvio Vietta und Dirk Kemper hingegen führt dem Leser vor Augen, um wie viel Neues die Germanistik der siebziger Jahre die Wissenschaft bereichert hat, resümiert der Rezensent.
1) Christa Hempel-Küter: "Germanistik zwischen 1925 und 1955"
Die Autorin hat jede Menge aufschlussreicher Dokumente über den Germanisten Hans Pyritz zusammengetragen, lobt der Rezensent. Das Ergebnis ist erschreckend. Ohne Vorbehalte konnte der Wissenschaftler, der während des Nationalsozialismus Karriere machte und Goethes Werk im Sinne der NS-Ideologie interpretierte, seine Laufbahn in der Nachkriegszeit fortsetzen, berichtet Hörisch. Kein Einzelfall - "heilig nüchtern und vergleichend" erwähnt Hempel-Küter weitere Biografien von Germanisten, die genauso wie Pyritz ungestraft und -gescholten der deutschen Wissenschaft erhalten blieben. Allerdings habe die Autorin einige wichtige Germanisten wie Peter Szondi, Richard Alewyn, Arthur Henkel oder Max Kommerell unterschlagen oder nur am Rande berücksichtigt, kritisiert Hörisch. Deren Werke würden nämlich zeigen, dass es auch schon vor den siebziger Jahren Literaturwissenschaftler gab, die eine ideologiefreie und innovative Germanistik betrieben hatten.
2) Silvio/Kemper (Hrsg.): "Germanistik der siebziger Jahre"
Der Band, in dem die Herausgeber die Beiträge eines 1998 veranstalteten Symposiums an der Universität Hildesheim zusammengetragen haben, ist sehr spannend zu lesen, meint Hörisch. Selbst wenn man den Vorträgen und den ihnen angeschlossenen Diskussionen nicht bis zur letzten Zeile folgt - eines werde sehr deutlich: Nie war die Germanistik so produktiv, innovativ, reflektiert und theoretisch ambitioniert wie in den siebziger Jahren. Dass die wissenschaftliche Disziplin heute so krisengeschüttelt ist, kann man den Wissenschaftlern von 68 keinesfalls vorwerfen, behauptet Hörisch. Vielmehr - darin seien sich auch sämtliche Teilnehmer des Symposiums einig - trügen Ambivalenz und Unübersichtlichkeit in allen Lebensbereichen dazu bei, das Interesse an der Literaturwissenschaft zu schmälern.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2000

Uwe Japp hätte doch gerne in diesem Buch gelesen, wieso Hans Pyritz es nicht gelungen ist, seine geplante Goethe-Monografie (die sein Lebenswerk werden sollte) fertig zu stellen. Doch dieser Frage sieht er zu seinem Bedauern in dem vorliegenden Band nicht ausreichend nachgegangen. Was die "Welt der Wissenschaft" (siehe Untertitel) betrifft, so merkt der Rezensent an, dass dieser Aspekt hier selbstverständlich nicht umfassend abgehandelt, sondern vielmehr der "institutionelle Rahmen abgesteckt" wird, in dem die eigentliche Untersuchung der Autorin angesiedelt ist. Japp merkt an, dass Hempel-Küter in ihrer Arbeit die Trennung der einzelnen Bereiche der Germanistik in "institutionelle Fachgeschichte, Personengeschichte und konzeptionelle Wissenschaftsgeschichte" beklagt, jedoch selbst über "Vorschläge" nicht hinauskommt. Stattdessen werde in dem Band eine "auf das Wissenschaftssystem und die Fachgeschichte hin perspektivierte Personengeschichte" geboten. Eine "Kollektivbiografie der Hochschulgermanisten während der NS-Zeit" kann so nicht entstehen, bemerkt Japp. Stattdessen werden Biografien eher lexikalisch erfasst. Dass es auch eine dritte Möglichkeit jenseits von "Einzelfallstudie und Lexikoneintrag" gibt, habe Frank-Rutger Hausmann in seiner Studie "Deutsche Romanistik im Dritten Reich" beispielhaft gezeigt. Damit kann sich die vorliegende Arbeit seiner Ansicht nach nicht messen.
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