Das spurlose Verschwinden ihrer jüngeren Schwester Dilhan und die Trennung von ihrer großen Liebe Rahel haben der Installationskünstlerin Nadia den Boden unter den Füßen weggezogen. Zwar schafft sie es, den Verlust Dilhans zu einem in aller Welt gefeierten Ausstellungsprojekt zu verarbeiten, doch der Trost, den das Publikum in dem interaktiven Kunstwerk findet, kommt bei Nadia selbst nicht an. Ihr innerer Aufruhr bleibt, der Jetset im Zeichen der Kunst ist mehr Flucht als Therapie. Als sie die Installation erstmals in ihrer Heimatstadt Hamburg präsentieren soll, zählt Nadia darauf, dass ihre jahrelang eingeübten Schutz- und Fluchtmechanismen sie auch diesmal vor aufrüttelnden Konfrontationen bewahren. Doch hier, wo die Traumata ihren Ursprung haben, ist die Vergangenheit unerwartet lebendig -- und die Erinnerung stärker als die Verdrängung. In "Nadia" erzählt Can Mayaoglu in über das Weiterleben nach dem Knacks. Ihre Titelheldin kreist mal trotzig, mal verzweifelt um die zwei großen Leerstellen ihres Lebens. Statt sich jedoch zweckorientierter Mittel der Traumabewältigung zu bedienen, lernt Nadia Schritt für Schritt zu begreifen, dass der Schmerz zu einem Teil ihrer Identität geworden ist - eine Erkenntnis, die nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Lesenden neue Horizonte öffnet.
Loben kann Rezensentin Julia Schröder die Debütantin Can Mayaoglu immerhin für deren durchaus hohen Anspruch, das Genre des Künstlerromans neu zu interpretieren. Und wenn man ihrer harschen Kritik denn unbedingt noch eine kleine Portion Anerkennung abringen möchte, so vielleicht für die Breite der Palette an erlesenen Orten, Musikerinnen, Künstlerinnen, Büchern und Zitaten, die in "Nadia" Platz finden - oder eben keinen Platz finden. Denn dieser Roman, so Schröder, scheint ihr zu vollgestopft mit erzählerischem Tand: Schon die Figuren sind derart reichlich ausgestattet mit originellen Eigenschaften, dass man unter lauter Charakter den Menschen kaum erkennt. Die Dialoge sind "länglich", ermüdend und ein wenig larmoyant; die Bilder oft herzzerreißend schief, und die Stilbrüche unfreiwillig komisch. "Gut gemeint, schlecht geschrieben", lautet das vernichtende Urteil der Rezensentin.
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