Aus dem Französischen von Gustav Roßler. Mit einem Nachwort von Hennigs Schmidgen. Basierend auf zahlreichen Interviews, technischen Berichten und Dokumentationen spürt Bruno Latour dem gescheiterten Großprojekt eines modularen Nahverkehrssystems nach. Latour analysiert dieses Scheitern in Form eines literarisch anspruchsvollen Hybrids aus Kriminalroman und Wissenschafts- bzw. Technikforschung. Die verschiedenen Akteure dieser Geschichte eines hochkomplexen Mensch-Ding-Systems - Menschen, Schaltpläne, Motoren, Prototypen, Schienensysteme etc. - werden dabei in einer Weise gleichberechtigt berücksichtigt, die für das Verständnis der Akteur-Netzwerk-Analyse von exemplarischem Wert ist. Die Schriftenreihe Historische Wissensforschung eröffnet mit der ersten deutschen Übersetzung dieses Klassikers ihre Rubrik "Unter dem Radar", in deren Rahmen vergessene oder schwer zugängliche Arbeiten der Wissenssoziologie und -geschichte vorgelegt und historisch kontextualisiert werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2018
Aramis steht für "Agencement en Rames Automatisées de Modules Indépendants en Stations", weiß der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner und liest Bruno Latours im französischen Original bereits vor 25 Jahren erschienenes Buch über das Scheitern des französischen Transrapid-Projekts mit Gewinn. Zum einen hat Latour mit dieser "romanartigen Collage" aus Dokumenten, Reflexionen, Interview-Auszügen und fiktiven Gesprächen eine kluge Form gefunden, versichert der Kritiker. Vor allem aber liest er interessiert, wie der Soziologe und Philosoph die teleologische Sichtweise eines von vornherein zum Scheitern verurteilten Projekts aushebelt und nachweist, dass stattdessen verschiedene Faktoren und Akteure für das Scheitern verantwortlich waren. Dass Latour bisweilen selbst den Überblick bei seinem einundzwanzig Gründe zählenden Netzwerk zu verlieren scheint, geht für den Rezensenten in Ordnung. Und dass sich entgegen Latours Absicht doch ein paar Kernfaktoren ausmachen lassen, die das Scheitern von Aramis begründeten, macht das Buch für Hagner nicht minder lesenswert.
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