Botho Strauß

Das Schattengetuschel

Cover: Das Schattengetuschel
Hanser Berlin, Berlin 2024
ISBN 9783446281196
Gebunden, 240 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Ein alter Dichter wartet voller Sehnsucht auf die Ankunft seines Sohnes. Er wartet vergeblich, "vor dem Einschlafen noch der schwerste aller Menschenseufzer: 'Und ich hatte mich so auf dich gefreut!'" - "Das Schattengetuschel" folgt Vereinzelten und Paaren, leuchtet Idyllenrisse aus und thematisiert die Korrumpierbarkeit des Menschen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2024

Als ein für die Gegenwartsliteratur durchaus typisches Alterswerk beschreibt Rezensent Christian Metz dieses Buch, was sich unter anderem darin niederschlägt, dass Botho Strauß hier vor allem der kleinen Form zugetan ist. Miniaturen rund um Themen wie Abschiednehmen und das Lebensende versammelt der Band, lernen wir von von Metz, das beginnt bereits mit der Eröffnungserzählung über einen Vater, der auf seinen Sohn wartet. Stark findet der Rezensent Strauß' Fähigkeiten, in der Beschreibung von Personen Typisierung und genaue Beobachtung miteinander zu vereinen. Metz geht auf einige Beispiele dieser Kunst näher ein und stellt fest, dass die Aphorismensammlung, mit der das Buch schließt, in der Reduktion aufs Kleine noch weiter geht und schließlich bei prägnanten Einzelsätzen ankommt. Ein schönes Buch ist das, schließt die Rezension, weil man es auf einer beliebigen Seite aufschlagen kann, und stets aufs Neue in den Lesefluss kommt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.11.2024

Rezensent Ijoma Mangold widmet Botho Strauß' neuem Buch eine überschwängliche Besprechung: Eine "Poetik der Nano-Moralistik" mit feinsinnigen Figuren, findet der Kritiker hier vor. Auf eine einfache Botschaft lässt sich Strauß' Text nicht reduzieren, deshalb zitiert der Mangold lieber Stellen, die er für besonders gelungen hält, da geht es beispielsweise in poetischer Sprache um eine Frau, die eine schlaflose Nacht verbringt in ihrer Erinnerung kramend "nach einem Selbstporträt, das sie in guter Haltung zeigte". Nicht nur diese literarische Miniatur ist klug aufgebaut und überraschend. Vor allem gefällt Mangold, wie sich der Autor für das scheinbar Nebensächliche interessiert und den Leser auf gedankliche Streifzüge schickt, die am Ende auch Erkenntnisse über das eigene Selbst generieren. Auch mythologische Einsprengsel und die Verweise, die der Autor auf seine eigene umstrittene Figur macht, finden das Lob des Kritikers. Einzigartig und nobelpreiswürdig, schließt er.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 02.11.2024

Rezensentin Marianna Lieder bescheinigt dem bald 80-jährigen Botho Strauß Zeitgenossenschaft. Das ist doch mal was. Einer wie Strauß kann gar nicht anders, scheint Lieder zu meinen, auch wenn ihr mancher Satz in diesen neuen literarisch-essayistischen Prosaskizzen des Meisters aus der Uckermark übers Zwischenmenschliche, Hermetische, über Identitätspolitik, den Bergfink, den Feminismus und die Rechtschreibreform eher unzeitgemäß erscheint und sauer aufstößt. Dass Strauß fast reuevoll auf frühere reaktionäre Ausfälle zurückblickt, scheint Lieder milde zu stimmen. Sogar "grandios" erscheint ihr, wie der Autor diese Selbsterkundungen als "Selbstverfremdungs-Drama" inszeniert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.10.2024

Rezensent Thomas Steinfeld ist sich nicht sicher, wie ernst er die Misanthropie und Weltabgewandtheit nehmen soll, die sich in Botho Strauß' neuem Buch artikuliert. Die ihrerseits nicht leicht zu entschlüsselnde Rezension steigt mit dem Ende des Buches ein, in dem es um einen alten Theatermann geht, der sich noch einmal ins Theater schleicht, aber bald herausgeworfen wird. Daran anschließend überlegt sich Steinfeld, ob wir in dieser Szene den Autor und den Theatermann in eins setzen können, oder ob es sich um eine inszenierte Szene handelt. Jedenfalls arbeitet Strauß, argumentiert Steinfeld, auch in den hier versammelten Prosatexten viel mit den Werkzeugen des Dramatikers, und wenn einige dieser Prosaskizzen nicht überzeugen, dann ist diese Enttäuschung möglicherweise Teil des Dargestellten. Lesen wir hier ein Manifest des Missvergnügens, das nach einem Trost verlangt, der möglicherweise nicht mehr gespendet werden kann oder werden wir bei der Lektüre Zeuge eines ästhetischen Spiels? Der Rezensent lässt die Frage am Ende offen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 22.10.2024

Nicht allzu angetan arbeitet sich Rezensent Helmut Böttiger durch Botho Strauß' neues Buch. Dessen erster Teil aus Prosaminiaturen besteht, die, erfahren wir, oft szenisch gebaut sind und sich, in die Realität teils überschreitenden Szenen, um Begehrensformen drehen, die psychologisch auseinandergenommen werden. Da geht es zum Beispiel, beschreibt Böttiger, um eine Busfahrt, die ein Mann mit seiner Frau, seiner Geliebten und einer weiteren Frau unternimmt, und die plötzlich eine absurde Wendung hin zum Mythischen nimmt. Schicksalsgöttinnen walten hier, meint der Rezensent, stilistisch geht es altmodisch zu, Strauß schließt offensichtlich an die deutsche Romantik an, zu der er sich nicht nur ästhetisch, sondern auch politisch hingezogen fühlt. Teils darf man Selbstironie vermuten in diesem Buch, findet Böttiger, aber insgesamt scheint Strauß die Sache, allem Theaterhaft-spielerischem zum Trotz, doch etwas zu ernst zu nehmen. Vor allem, wenn er sich im zweiten Teil des Buches politischen und poetologischen Fragen zuwendet, möchte Böttiger ihm nicht mehr folgen. Der deutscheste aller Deutschen will Strauß hier sein, beschreibt der Rezensent, er schimpft auf Gendersprache und - auffällig häufig - über Veganismus. Rudolf Borchardts ultradeutscher Pathos steht hier bisweilen Pate, und insgesamt macht das Buch auf Böttiger einen im schlechten Sinne antiquierten Eindruck.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 22.10.2024

Rezensent Jörg Magenau weiß, dass Botho Strauß schon lange nicht mehr erzählt. Dass der Autor in diesem Band nurmehr Elementarteilchen tanzen lässt, wundert ihn nicht. Auch wenn das Buch mit seinen Beobachtungen, Gedanken, Notizen und Kürzestgeschichten also insofern eine Zumutung darstellt, ist es für Magenau doch auch interessant. Erkennbar geht es für Magenau um Paarbeziehungen, Sprache, Fremdheit, Schreiben - alles aus Sicht des konservativen Kulturkritikers. Wie Strauß beobachtet, genau, psychologisch raffiniert, sprachskeptisch, das scheint dem Rezensenten konsequent und trotz allem lesenswert.

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