Monika Zeiner

Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre

Roman
Cover: Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre
dtv, München 2024
ISBN 9783423284240
Gebunden, 672 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

"Vielleicht müsste die Geschichte bei den Kindern beginnen."Nach langer Zeit kehrt Nikolas Finck, ein Schulmöbelfabrikantensohn, in sein Elternhaus bei Nürnberg zurück. Aus dem Wochenende wird ein Jahr. Einquartiert in der Dachkammer der Villa Sternbald, taucht er in die Vergangenheit der Familie hinab und beginnt zu erzählen: von seiner Kindheit und der ersten Liebe, von der Erfindung der Columba-Schulbank, dem traurigen Insektenforscher Jean und der glasflügligen Edith. Während im Haus eine Ausstellung übers "Klassenzimmer im Wandel der Zeit" vorbereitet wird, stört er das Treiben. Wie früher verfolgt der selbsternannte Aerophonautiker und Schnurologe eigene Pläne - um das Dunkle in der Familiengeschichte ans Licht zu bringen, vor allem aber zur Verteidigung der Kindheit seiner Neffen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.01.2025

Hymnisch bespricht Rezensent Helmut Böttiger den zweiten Roman von Monika Zeiner, die 2013 mit "Die Ordnung der Sterne über Como" sehr erfolgreich debütierte, über die ansonsten aber nicht allzu viel bekannt ist. So viel aber ist für Böttiger auch nach Lektüre dieses Buches klar: Zeiner ist eine Meisterin. Einen "großen Epochenroman" hält er hier in den Händen, der zwar stilistisch durchaus auf die "Buddenbrooks" anspielt, aber doch einen sehr eigenen Ton findet - und darüber hinaus durch beachtliche Gegenwärtigkeit besticht, so der hingerissene Rezensent. In einem "raffinierten" Mix aus "Melancholie und Ironie" erzählt Zeiner von der nach wie vor florierenden Schulmöbelfabrikanten-Dynastie Finck, man trifft sich in der titelgebenden "Villa Sternbald" in der fränkischen Provinz zum 103. Geburtstag von Großvater Henry. Eine Vielzahl kurioser Figuren aus allen Generationen begegnen dem Kritiker, der beispielsweise Bekanntschaft macht mit dem untauglichen Nikolas, Drehbuchautor für obskure Serien, oder dessen Urgroßvater Jean, der eine bizarre Vorliebe für Insekten pflegte. Natürlich spielt auch das Paktieren der Familie im Nationalsozialismus eine Rolle, vor allem aber ist es die musikalische Komposition des Romans, die Böttiger beeindruckt: Allein wie Zeiner Richard-Wagner-Motive mit Discofox konfrontiert, zeugt für den Rezensenten von "großer satirischer Verve".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 03.12.2024

Rezensent Helmut Böttiger ist sehr angetan von Monika Zeiners Geschichte der fränkischen Unternehmerfamilie Finck, die im Duktus eines Thomas-Mann-Romans daherkommt, aber sich für den Rezensenten sehr schnell als  eigentlich zeitgenössischer Künstlerroman entpuppt: Das beweisen ihm die doch sehr andere Ironie der Autorin wie auch die Unzuverlässigkeit des Erzählers. Sehr ungewöhnlich, lobt Böttiger. Vielleicht liegts daran, dass die Autorin in ihrem anderen Leben Sängerin in einer - ironischen, versteht sich - Italo-Pop-Band ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2024

Dass das Vergangene und das Zukünftige immer schon in die Gegenwart eingeschrieben sind, wusste schon Kirchenvater Augustinus, Rezensent Oliver Jungen kann es jetzt noch einmal in Monika Zeiners Roman über eine Schulmöbel herstellende Familiendynastie erfahren. Der Protagonist Nikolas ist dabei so etwas wie das schwarze Schaf der Familie, das, angesichts der Schuld, die die Familie während des Nationalsozialismus auf sich geladen hat, zwischen Renitenz und Zugehörigkeitsgefühlen schwankt, so der Kritiker. Die 125 Jahre währende Familiengeschichte erinnert ihn an Thomas Mann, der "Zauberberg" wird sogar mehrfach explizit benannt. Und das führt ihn zum großen Problem des Romans: Es ist dem Kritiker einfach zu viel der intertextuellen Bezüge und philosophischen Exkurse, die von Luther bis Foucault führen, dafür entwickeln sich auch die Figuren nicht. Wenn man darüber aber hinwegsehen kann, legt er die Lektüre ans Herz.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.10.2024

Mehr Lob geht kaum, als das, was Rezensentin Hannah Lühmann über Monika Zeiner - Romanautorin und Musikerin -  und deren zweiten Roman ausschüttet. So "cool", so "lässig", und trotzdem "berührend", so "spannend", so "fein" und "witzig" zeigt sich die deutsche Gegenwartsliteratur nur selten, findet die Rezensentin. Und Monika Zeiner braucht nicht mal viel Plot, um Lühmann zu packen und zu begeistern. Der vierzigjährige Niki, Sohn eines erfolgreichen Schulmöbelfabrikanten, kehrt anlässlich des Geburtstags seines Großvaters zurück in sein Elternhaus, die Villa Sternbald. Dort beginnt er, immer tiefer einzutauchen in die Welt der Vergangenheit. Am Ende bleibt er ein ganzes Jahr statt weniger Tage. Nikis charmant kindliche Perspektive, die vielen schreiend komischen Familienanekdoten, die fein ausgearbeiteten Paradoxien dieser Familiengeschichte, und die Nonchalance, mit der Zeiner ihre literarischen Bezüge herstellt - eine Prise Kafka hier, ein bisschen Thomas Mann, Proust und Sebald dort - das alles und mehr macht diesen Roman so grandios - eine Neuerfindung des Erinnerungsromans, so die begeisterte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.09.2024

Man meint, die Geschichte bereits zu kennen, die Monika Zeiner in ihrem neuen Roman erzählt, meint Rezensent Rainer Moritz, und doch gelingt es der Autorin, ihr neue Facetten abzugewinnen. Das umfangreiche Buch erzählt, lernen wir, von einer fränkischen Unternehmerdynastie. Seinen Ausgangspunkt nimmt es, wenn eines ihrer Mitglieder, Nikolas Finck, nach Jahrzehnten wieder zur Familie zurückkehrt - Nikolas ist, erläutert Moritz nach der Lektüre, ein Außenseiter der Familie und jetzt macht er sich daran, ihre oft unrühmliche Geschichte aufzurollen. Die führt zurück ins 19. Jahrhundert, erzählt Moritz nach, als der Grundstein gelegt wird für eine Schulmöbelfabrik. Im Folgenden hängen die Fincks stets ihr Fähnchen in den Wind, unter anderem auch dann, wenn sie im Dritten Reich bei der Enteignung jüdischen Besitzes mitmischen. Das alles meint man bereits zur Genüge zu kennen, gesteht Moritz ein, aber Zeiner gelingt es doch, diese Geschichte mithilfe starker motivischer Stränge zu neuem Leben zu erwecken, etwa wenn Tropenhelme, die berüchtigte Odenwaldschule oder auch diverse literarische Verweise in der Erzählung auftauchen. Ein Buch, das zeigt, dass manche Geschichten eben doch noch nicht auserzählt sind, urteilt der beeindruckte Rezensent abschließend.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 16.09.2024

Im Jubiläumsjahr des "Zauberbergs" fühlt sich Rezensent Jan Drees in Monika Zeiners neuem Roman stark an Thomas Mann erinnert: Hier steht eine Nürnberger Unternehmer-Familie im Zentrum, besonders deren Nachkomme Nikolas, der anlässlich des Geburtstags des Großvaters zurück in die imposante Familienvilla kommt. Über einen Zeitraum von 125 Jahren hinweg springt Zeiner assoziativ durch die Zeit, widmet sich dem Aufbau des Familienimperiums, aber auch der wenig ruhmreichen Zeit zwischen 1933 und 1945 und streut dabei allerhand Anspielungen nicht nur auf Thomas Mann, sondern auch auf Hannah Arendt und Michel Foucault ein, so Drees. Er sieht in dem Roman über eine Schulmöbelfabrikantenfamilie auch ein großes Panorama der deutschen Geschichte, schließt er.

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