Bernard Williams

Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Ein genealogischer Versuch
Cover: Wahrheit und Wahrhaftigkeit
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518583692
Gebunden, 416 Seiten, 34,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Was bedeutet es, wahrhaftig zu sein? Welche Rolle spielt Wahrheit in unserem Leben? Was verlieren wir, wenn wir Wahrhaftigkeit als Wert zurückweisen? In seinem neuen Buch erkundet der englische Philosoph Bernard Williams den geschichtsträchtigen und zentralen Begriff der Wahrheit und zeigt uns, daß wir einerseits mehr, andererseits weniger von ihm erhoffen können, als wir uns vielleicht vorstellen wollen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.04.2004

Für Nietzsche war der "Dienst an der Wahrheit" "der härteste Dienst". Warum man das so sehen kann, zeichnet der im letzten Jahr verstorbene britische Philosoph Bernard Williams in seinem letzten Buch, "Wahrheit und Wahrhaftigkeit", nach, erklärt Uwe Justus Wenzel. Zu einer "Übung in intellektueller Selbstzerstörung" gerät die Wahrheitssuche dort, wo sie sich zwischen der Scylla von "Engagement für Wahrhaftigkeit" und der Charybdis eines "gegen die Idee der Wahrheit gerichteten Verdachts" aufreibt, referiert der Rezensent. "Analytisch und dennoch tiefsinnig" beschreibe Williams, wie der "Prozess des Zweifelns, der Kritik und Selbstkritik", der auch vor der Wahrheit nicht Halt macht, durch ein Zuviel an Wahrhaftigkeit die Wahrheit selbst in Gefahr bringe. Eine ebenso riskante wie sensible Unternehmung stellt die Suche nach Wahrheit also dar - doch offenbar auch eine unvermeidliche, denn Wenzel stimmt Williams darin zu, dass "Wahrheit für das Denken und das Leben unentbehrlich ist".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.02.2004

Martin Bauer sieht die letzte Festung der "Wahrheit" - der Idee, dass es etwas derartiges geben könne - von wissenschaftshistorisch argumentierenden Nihilisten umstellt, die sich alle auf Nietzsche beziehen. Doch im letzten Augenblick naht Rettung, in Gestalt eines einzelnen, aber gut gerüsteten Ritters. Denn die besondere Pointe von Bernard Williams' "minutiös argumentierenden und glasklar geschriebenen" Buches liege darin, dass er aus Nietzsches Philosophie eine "Genealogie der Wahrheit" herausschäle, die das Diktum, es gebe keine Tatsachen, sondern nur Interpretationen, aufhebe - "mit Nietzsche gegen Nietzsche". Ist denn, fragt Williams, "die von den Wahrheitsnihilisten empfohlene Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahrhaftigkeitsgebot mit unserem persönlichen, gesellschaftlichen und politischem Selbstverständnis vereinbar"? Die Antwort lautet nein: ohne Wahrheit keine individuelle Freiheit. Bauer ist zudem begeistert von der Art und Weise, wie Williams sie begründet, nämlich "facettenreich, phänomennah und elegant". Die Festung steht!
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.12.2003

Bernard Williams, der in diesem Jahr verstorbene analytische Philosoph, will sich nicht begnügen mit dem skepsissatten Pragmatismus prominenter Kollegen, insbesondere Richard Rortys, des Neopragmatikers schlechthin. Es ist alles Forschen, Wissenwollen und Denken auf Sand gebaut, so seine These, wenn es nicht das Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit zur Voraussetzung hat. Es geht also um ein "verlässliches Fundament", und zu erwerben ist es nur, wenn wir die Wahrheit als Wert für sich betrachten und zwar in doppelter Gestalt: als "Aufrichtigkeit" und als "Genauigkeit". Nur so haben wir die Kraft, dies Williams praktische Umsetzung seiner Thesen, falsche Autoritäten als "illegitim" zu entlarven. Ludger Heidbrink zeigt sich in seiner Rezension durchaus beeindruckt von diesem Vermächtnis des "humanistischen Aufklärers" Williams. Etwas anderes als die "Hoffnung" jedoch, dass die Wahrheit ihre Kraft in sich trägt, habe auch er bei aller Emphase nicht zu bieten. Und so bleibe die Wahrhaftigkeit ohne andere Gewähr als bei den Pragmatikern auch: etwas, worauf man hoffen, nichts, was man philosophisch garantieren kann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.11.2003

Bernhard Williams' Unterfangen, den Wahrheitsbegriff moralphilosophisch zu rehabilitieren, hat Rezensentin Käthe Trettin bei allem Wohlwollen, das sie Williams entgegen bringt, nicht wirklich überzeugt. Der Versuch des Oxforder Philosophen, den Wert der Wahrheit über die menschliche Gemeinschaft zu begründen und sich dabei einer Methode Nietzsches, der Genealogie, zu bedienen, erscheint ihr zwar interessant, aber letztlich missglückt. Die Entstehungs- und Abstammungsgeschichte der Wahrheit, die Williams erzählt, findet sie "nicht stimmig", weil einseitig positiv. Unklar ist ihr weiterhin, wie eine funktionalistische Wahrheitstheorie die Wahrheit als intrinsischen Wert begründen kann. Und schließlich erscheint ihr auch die polemische Intention von Williams' Anliegen in Gefahr, da er den Wert der Wahrheit letztlich aus ihrer Funktion für ein demokratisches Gemeinwesen begründet. Warum Williams sich überhaupt der Methode der Genealogie bedient, ist Trettin alles in allem schleierhaft, zumal sie seine Genealogie nur dem Namen nach für eine solche hält. Im Grunde sieht sie hier eine anthropologische These am Werk, wonach Menschen schlicht die Neigung haben, erstens zu einer richtigen Meinung zu gelangen und diese, zweitens, auch einander mitzuteilen.
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