Beate Söntgen

Sehen ist alles

Wilhelm Leibl und die Wahrnehmung des Realismus
Cover: Sehen ist alles
Wilhelm Fink Verlag, München 2000
ISBN 9783770534333
Broschiert, 196 Seiten, 29,65 EUR

Klappentext

Realistische Malerei gilt als Kunst, deren Abbildcharakter evident ist ? eine Annahme, die das Werk Wilhelm Leibls nahezu widerstandslos zu bestätigen scheint. Doch wird in seiner Malerei auch ein zentrales Problem der Kunst des 19. Jahrhunderts sichtbar, von dem der Realismus mit der ihm zugeschriebenen Abbildfunktion unbelastet zu sein schien: die Lesbarkeit bildlicher Zeichen. Leibls Bilder setzen, gegen Narration und Lesbarkeit, das Sichtbare als das »Wirkliche«. Die detailgetreue Malweise stellt nahezu greifbar Gegenstände vor Augen, deren Faktizität indes durch neue Erkenntnisse der Optik und der Wahrnehmungspsychologie bedroht ist. Realistische Malerei erhält die Funktion, das verstörende Potential zu entkräften, das der Auflösung gesicherter Subjektpositionen und des Objektstatus der wahrgenommenen Welt innewohnt. Leibls Malerei konstituiert, was sie abzubilden scheint: eine festgefügte und gerahmte Ordnung der Wirklichkeit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.10.2000

Mit einer Anekdote über den Maler Wilhelm Leibl und seinen "unbarmherzigen" Umgang mit den ihm Modell sitzenden Menschen beginnt Valeska von Rosen ihre Besprechung. Entscheidend an der vorliegenden Studie des angeblichen Leibl?schen "Realismus" ist dann jedoch die Herausarbeitung der "Realitätskonzeptionen", die sich durch "Erwartungshorizont und Sehgewohnheiten der Zeitgenossen" ergaben. An Leibls Bildern und ihrer Rezeption zeigt Söntgen auf, so die Rezensentin, dass oftmals gewisse "Stilisierungen" der behaupteten "Authentizität" zuwiderlaufen bzw. sie als einer "allegorischen Ebene" zugehörig ausweisen. Diese ist jedoch nicht ideologisch oder politisch unterlegt wie bei Gustav Courbet; vielmehr ist der "Realismus" Leibls einer, der sich neben seiner "handwerklichen Sorgfalt" dem "Ethos der Aufrichtigkeit" verpflichtet sah. Was als "realistisch" verstanden wird, so gibt die Rezensentin das Resultat der Studie wieder, ist nur "die tröstliche Gewissheit gemalter Wahrheit".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2000

Auf die allgemeine Verunsicherung der Wahrnehmung, zu der neuere naturwissenschaftliche Erkenntnisse seit Beginn des 19. Jahrhunderts beitrugen, reagierten die Künstler mit einer eigenen Wirklichkeitskonzeption - der Begriff "Realismus" sei ein "irreführendes Etikett" gewesen, fasst Barbara Basting die These von Söntgens Dissertation zusammen. Im Mittelpunkt ihrer exemplarischen Untersuchung steht das Bild "Drei Frauen in der Kirche" von Wilhelm Leibl. Der Leipziger Maler, zitiert Basting die Autorin, hätte eine "spezifische Rhetorik der genauen Aufzeichnung" entwickelt, die einerseits der genauen Beschreibung verpflichtet war, sich aber andererseits vom "Primat des Sujets" gegenüber dem Stil verabschiedete. Söntgen reagiere damit auf eine These des amerikanischen Kunsthistorikers Jonathan Crary, demzufolge erst der Impressionismus auf die Infragestellung gewohnter Sichtweisen reagiert hätte. Basting lobt die gründliche Arbeit der Autorin, verweist auf einige nicht konsequent behandelte Nebenthemen - Bezüge zur Fotografie oder zum Nationalismus - und tadelt zuguterletzt den Verlag, der sich zu nicht mehr als einigen Schwarzweißreproduktionen aufraffen konnte.
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