Eine Maturaklasse im Frühjahr 1989 in Prag: die letzten Prüfungen sind bestanden, die Klassenmitglieder bereiten sich auf ihr Studium vor. Als Absolventen des elitäten Wilhelm Pieck Gymnasiums ist ihr Leben im tschechischen Sozialismus programmiert. Doch dann kommt die Wende. Alte Regeln werden obsolet, dafür eröffnen sich neue Chancen. Barbara Toth hat die Maturanten von einst besucht. In ihren Porträts zeichnet sie das Bild einer Generation, die wie keine andere den Puls der Geschichte gespürt hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.02.2005
Barbara Thots Buch ist für den Rezensenten Karl-Markus Gauß mehr als ein "soziales Dokument". Die 25 Porträts von ehemaligen Schülern des tschechischen Wilhelm-Pieck-Gymnasiums haben seiner Meinung nach den Titel "literarisches Zeugnis" verdient. Die österreichische Journalistin befragte die ehemalige sozialistische Elite nach ihren Hoffnungen, Enttäuschungen und Erinnerungen und verfolgt die verschlungensten Lebensläufe. Vorgestellt werden beispielsweise der atheistische Wissenschaftler, der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sein Leben als Pfarrer der evangelischen Kirche weihte oder der ehemalige "Rabauke", der heute friedlich als Aussteiger auf dem Land lebt. Mit "Anklage und Urteil" hält sich Thot dabei zurück, stellt der Kritiker erfreut fest. Obwohl ihre Sympathien offensichtlich den "Scheiternden und Suchenden" gilt, denunziert sie selbst jene nicht, "die sich gar protzig als Sieger einer neuen Ära gebärden".
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