Barbara Honigmann

Ein Kapitel aus meinem Leben

Roman
Cover: Ein Kapitel aus meinem Leben
Carl Hanser Verlag, München - Wien 2004
ISBN 9783446205314
Gebunden, 142 Seiten, 15,90 EUR

Klappentext

Mit der Geschichte ihrer eigenen Mutter erzählt Barbara Honigmann nüchtern, poetisch und bewegend das unglaubliche Leben einer außergewöhnlichen Frau im Europa der Kriege und Diktaturen. "Ein Kapitel aus meinem Leben", so nannte ihre Mutter Lizzy mit betontem understatement das heikelste Kapitel dieses ungewöhnlichen Lebens: ihre Ehe mit dem weltberühmten "Meisterspion" Kim Philby, der als sowjetischer Agent in England arbeitete und später in die Sowjetunion flüchtete.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.12.2004

Barbara Honigmann schreibt an ihrer eigenen Familiensaga weiter, frohlockt Rezensent Volker Breidecker und stellt die neue Facette ebendieser Saga vor. In "Ein Kapitel aus meinem Leben" greife Honigmann eine rätselhafte Episode aus dem Leben ihrer Mutter auf - die kurze Ehe mit dem britischen Meisterspion und Doppelagenten Kim Philby - und spinne aus ihrer Annäherung daran eine Art Doppelporträt von Mutter und Tochter. Dass es dabei glücklicherweise nicht zur - im Titel anklingenden - glatten Identifikation kommt, so Breidecker, liegt daran, dass der Erzählung die unwiderrufliche Erkenntnis der Getrenntheit zugrundeliegt. Die Schilderung der "verwandlungstollen" Mutter (die ständig an neuen Orten neu anfing und außerstande war, sich an ihre natürliche Haarfarbe zu erinnern) bleibe rätselhaft und melde keinen Anspruch auf Wahrheit an, es sei denn auf die Art von Wahrheit, wie die Autorin sie von ihrer Mutter gelernt hat: "die hohe Kunst, 'so nah wie möglich an der Wahrheit' zu lügen". So entspinne sich gleichsam aus der Figur der Mutter und aus der Art, mit der die Tochter sie schildert, die Erkenntnis: "Alle starren Auffassungen von Identität" sind "Lug und Trug". Von ganz besonderem Charme ist dabei Honigmanns Sprache, in der der Rezensent ein Überbleibsel der privaten DDR-Salonkultur vermutet: eine "unerhörte Sprache, die so wirkt, als sei sie nicht geschrieben, sondern gesprochen", ein "lebendiges, unaufdringlich hervorquellendes Parlieren im entspannten, umgänglichen Plauderton".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.2004

Susanne Mayer hat sich von Barbara Honigmanns neuem Buch umgarnen lassen. Es geht darin um die Mutter der Autorin, die Gefährtin des berüchtigten Doppelagenten Kim Philby. Aber einen Doku-Krimi oder Spionagethriller hat die Rezensentin dabei nicht in Händen gehalten, auch kein echtes Porträt der Mutter Honigmanns. Vielmehr werde der Leser "mit tastenden Erzählbewegungen", mit Spekulationen und Unsicherheiten "in einen Raum gelockt, in dem die Gestalt der Mutter gleich einem Vexierbild aufblitzt, um sofort wieder zu verschwinden". Honigmanns Kapitel aus ihrer Familiengeschichte ist im Tonfall nüchterner Alltäglichkeit verfasst und offenbart zeitweilig eine "maximal schmerzhafte Distanz" zwischen Mutter und Tochter, findet Mayer. Dass die Erzählerin ihrer verschwiegenen, alle politischen Verstrickungen herunterspielenden Mutter nicht richtig habhaft wird (oder werden möchte) und auch keine spektakulären Geheimnisse enthüllt, macht für die Rezensentin die eigentümliche Qualität des kleinen Bandes aus. Als letztes Geheimnis enthüllt sich weder eine Heldin noch ein Geheimdienstskandal, sondern eine geheimnisvoll schillernde Erzählhaltung, resümiert die erfreute Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.10.2004

Ein diffiziles, irritierendes Werk hat Thomas Kraft in Barbara Honigmanns "Ein Kapitel aus meinem Leben" vorgefunden. Die Autorin versucht sich an der Beschreibung des Lebens ihrer Mutter, einer Frau, die wusste, wie man lebt - unter anderem in Wien, London, Paris und Berlin - und allen Eindeutigkeiten und Festschreibungen immer aus dem Wege ging, und das mit gutem Grund: denn einer ihrer drei Ehemänner war der Meisterspion Kim Philby. So muss Honigmann ihr ganzes schriftstellerisches Können aufbieten, um die Mutter, diese sich immer Entziehende, zu vergegenwärtigen, sie muss den historischen Kontext beschwören, die Weltgeschichte mit der Privatanekdote verknüpfen und die Andeutung mit dem Manifesten, um daraus das Gewebe ihres Textes zu machen. Auch der Rezension eignet noch etwas vom sich Entziehen der Mutter an, eine gewisse Vagheit, Unheimlichkeit, und hinter all den Hinweisen und Andeutungen, die der Rezensent gibt, spürt man etwas von der Faszination, die von dem Buch auf ihn ausging, von der eigenartigen, halb irrealen, poetischen Kraft, die er in dem Text spürte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2004

Angerührt und beeindruckt ist Rezensentin Sibylle Birrer von Barbara Honigmanns literarisch-autobiografischem Mutterporträt "Ein Kapitel aus meinem Leben". Konsequent verzichtet die Autorin auf Dokumente und Archivalien, um sich nur mit den Mitteln der Poesie dem Lebensgeheimnis ihrer Mutter anzunähern - die möglicherweise, als Ex-Gattin des Meisterspions Kim Philby, eine zentrale Rolle im Wahnsinn des globalen Wettrüstens gespielt hat. Indem Honigmann mit dichterischem Feinsinn den Paradoxien jener Vergangenheit nachspürt, so die Rezensentin, zeichnet sie nicht nur "ein berührendes und unterhaltsames Porträt einer eigenwilligen Frau", sondern bietet darüber hinaus auch ein Abbild der Epoche, die geprägt war von "Auflösung, politischer Neukonstitution und desillusionierender Realitätsfindung".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2004

Auch mit diesem Buch, erklärt Rezensent Jörg Magenau, setzt Barbara Honigmann ihre um die Mutter kreisende Familienrecherche fort. Lizzy Kohlmann wurde als Kind einer bürgerlichen, jüdischen Familie in Wien geboren, durchquerte während des Krieges halb Europa, wurde überzeugte Kommunistin und Ehefrau des britischen Doppelagenten Kim Philby, der kurz vor seiner Enttarnung 1964 in die Sowjetunion flüchtete. Während sich Honigmann in früheren Büchern der Wiederentdeckung ihres von der Mutter abgelegten Judentums widmete (für Magenau durchaus auch im "unangenehm eifrigen Ton der frisch Bekehrten"), ist es nun ein anderer Gegensatz zwischen Mutter und Tochter, der in den Vordergrund rückt: Der zwischen der Verschwiegenheit einer in die Konspiration eingeweihten Frau und der "nach Öffentlichkeit strebenden" Schriftstellerin.
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