Wie hat die Literatur auf die deutsche Wiedervereinigung reagiert? Seit drei Jahrzehnten beschäftigen sich Leserinnen und Leser, Feuilleton und Literaturwissenschaft mit dieser Frage, ohne dass bisher eine systematische Antwort versucht worden wäre. Pünktlich zum bevorstehenden 30. Jahrestag des Mauerfalls liegt sie jetzt vor. Borns Pionierarbeit ist die erste literaturgeschichtliche Gesamtdarstellung der Wendeliteratur. Sie zeigt, dass die Auseinandersetzung mit der deutschen Einheit das zentrale Thema für die deutsche Literatur in den 1990er Jahren war. Und sie weist zudem als Mentalitätsgeschichte akribisch und detailliert nach, dass es die Fremdheit zwischen Ost und West ist, die die Wendeliteratur "im Innersten zusammenhält". Die Arbeit bietet nicht nur Überblick und Orientierung, sondern schlägt gleichzeitig mit 74 Einzelanalysen einen Kanon vor.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2019
Steffen Martus überzeugt Arne Borns Literaturgeschichte der "inneren Fremdheit" mit "glasklaren" Befunden. Der "spröde" Ton und die pedantische Gliederung erleichtern dem Rezensenten den Überblick über Borns auf reichen Quellen basierende Analyse der erzählerischen Verarbeitung der Wendezeit in Ost und West. Wie damals Unkenntnis, Klischees und Stereotype das wechselseitige Bild bestimmen, das Autoren wie Ulrich Woelk, Peter Rühmkorf, Thomas Hettche und auf der anderen Seite Volker Braun, Heiner Müller, Christa Wolf sich machten, vermag der Autor Martus anhand von Essays und erzählender Literatur zu erläutern. Dass sich Born neben der Mentalitätsgeschichte auch für literarische Qualität interessiert, gefällt Martus.
Unbedingt lesenswert findet Rezensent Cornelius Wüllenkemper diese Literaturgeschichte der deutschen Einheit, denn Arne Born zeigt ihm darin, dass Literatur die Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern auch formt. Wüllenkemper kann hier nachlesen, dass Fremdheit die Literatur und das Empfinden nach der Wiedervereinigung in Ost und West prägten. Der seelenlose Westen, in dem nur Geld zählte, stand somit einem Osten gegenüber, der sich für revolutionär hielt, aber aus Duckmäusern und Opportunisten bestand. Wüllenkemper lernt aber auch, dass die anfänglich politisierte Literatur von Heiner Müller, Christa Wolf, Volker Braun, Günter Grass oder Thomas Hettche abgelöst wurde durch ein autobiografisches Schreiben, das persönliche Lebenswege beleuchtete. Am schönsten erscheint dem Rezensenten jedoch Borns Befund, dass es den allseits vermissten großen Wenderoman eigentlich doch gegeben hat: Nämlich als Dreiklang aus Ingo Schulze "Simple Storys", Jan Grohs "Colón" und Bernd Wagners "Paradies".
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