Die Schlafenden
Roman

Piper Verlag, München 2024
ISBN
9783492072694
Gebunden, 256 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt. In der Familie taten immer alle das Gleiche, sobald es um Désiré ging. Der Vater und der Großvater hüllten sich in Schweigen. Die Mutter unterbrach ihre knappen Kommentare stets mit demselben Spruch: "Das ist schon alles sehr traurig." So beschlagnahmte jeder auf seine Weise die Wahrheit - doch die ganze Wahrheit bestand darin, dass Onkel Désiré 1983 aus seinem südfranzösischen Dorf nach Amsterdam abhaute, dem Heroin verfiel und die konservative Metzgerfamilie in Verzweiflung stürzte."Die Schlafenden" erzählt von einer Epoche des Chaos in der französischen Provinz, von der Heroinepidemie und einer grassierenden neuen Krankheit namens AIDS, von Scham und Trauer einer Familie, die einmal zu den angesehensten ihres Dorfes zählte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.06.2024
Ist das überhaupt noch ein Roman, fragt sich Rezensent Gustav Seibt angesichts Anthony Passerons Buch, das der autofiktionalen Literatur zuzurechnen ist. Wobei in diesem Fall nicht der Autor, sondern dessen Onkel Désiré im Zentrum steht, der zu den ersten Opfern der Aids-Pandemie zählt. Ort der Handlung ist, erfahren wir, eine französische Kleinstadt, das Personal rekrutiert sich hauptsächlich aus einer Metzgerfamilie. Passeron schließt an klassische französische Provinzromane an, beschreibt Seibt, aber landet bei einer Form der Geschichtsschreibung, die die Familienchronik mit dem Kampf gegen AIDS verschränkt. Auch mentalitätsgeschichtlich ist das interessant, so der Rezensent, etwa wenn die teils skurrilen Heilungsversuche von Désirés Verwandtschaft thematisiert werden. Ein trauriges Buch ist das, stellt der insgesamt ziemlich beeindruckte Rezensent klar, aber gleichzeitig enthält es Spurenelemente der Komik, die es in große und wichtige Kunst verwandeln.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 31.05.2024
Rezensentin Sigrid Brinkmann lässt Anthony Passerons Debütroman über die Ausbreitung des HI-Virus in den 1980er Jahren beeindruckt zurück, tief berührt und aufgeklärt - eine seltene Mischung. Passeron gelingt dies, indem er nicht nur die Geschichte einer familiären Tragödie erzählt, sondern diese eng verknüpft mit der HIV-Forschungsgeschichte sowie der Erfahrung der "kollektiven Erschütterung". Und Passeron spricht aus eigener Erfahrung: Sein Onkel, seine Tante und deren zehnjährige Tochter - sie alle starben am HI-Virus. Wie er als Junge, wie seine Großmutter und andere Angehörige darauf reagierten, die Scham, das Unverständnis, die Ohnmacht seiner Familie - auch davon handelt "Die Schlafenden", lesen wir. Sein Roman ist damit nicht nur ein Denkmal für jene Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, deren unnachgiebige Forschung für die Bekämpfung der Krankheit den Durchbruch brachte, sondern auch ein Denkmal für die Verstorbenen, ein Denkmal für das "namenlose, kaum verstandene Leiden", und eine Versöhnung mit seiner Familie, so die bewegte Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2024
Rezensentin Barbara von Machui zeigt sich beeindruckt von Anthony Passerons Debütroman "Die Schlafenden". Der junge französische Autor legt damit eine als Requiem und späte Aufarbeitung intendierte Auseinandersetzung mit der AIDS-Epidemie vor. Kunstvoll, urteilt von Machui, verbindet er zwei Erzählstränge: den als Familiengeheimnis verschwiegenen Tod seines heroinsüchtigen Onkels und dessen Familie und die Bemühungen französischer und amerikanischer Forscher:innen, die zu spät kommen für die Erkrankten, die ausgegrenzt und stigmatisiert starben. Dabei orientiert sich der Autor am autofiktionalen Schreiben Annie Ernaux', auf deren Roman "Das Ereignis" er sich explizit bezieht. Der Rezensentin zufolge gelingt es ihm, in einem klaren, ohne Pathos auskommenden Ton zu erzählen und dabei Sympathie für seine Figuren zu wecken. Ein zurecht preisgekrönter, fulminanter Debütroman, der von Claudia Marquardt ins Deutsche übersetzt wurde.