Ich will Wirklichkeit
Liebesbriefe an Rodi 1921-1925

Aufbau Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783351042509
Gebunden, 405 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Herausgegeben von Christiane Zehl Romero. Die literarische Sensation: die Liebesbriefe der jungen Anna Seghers - nach 100 Jahren erstmals veröffentlicht "Ich will Wirklichkeit ... und ich weiß außer uns nichts Wirkliches." Als Anna Seghers' Enkel, Jean Radvanyi, Familienunterlagen sortierte, stieß er auf eine Schachtel - und darin auf etwas völlig Unerwartetes: über 400 Briefe, die seine Großmutter an ihren späteren Mann geschrieben hat. Dieser Schatz wird jetzt erstmals zugänglich gemacht. Wir erleben die Studentin, Suchende, Liebende in einer Zeit, über die bisher kaum etwas bekannt ist, und erhalten erschütternde Einblicke in eine Phase der Neuorientierung, der zunehmenden Bedrängung durch die äußeren Zustände - und lernen sie zugleich als eine junge Frau voller Aufbruchsstimmung, Leidenschaft und großer Hoffnungen kennen. "Sei nicht ungehalten, dass ich Dich so mit der Post quäle, doch wenn ich ohne Nachricht bin, bin ich unfähig zu allem." Netty Reiling, 1921
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 18.12.2025
Erst 2021 hat ein Nachfahre dieses Briefkonvolut gefunden, jetzt kann sich Rezensent Paul Jandl gebannt in die Briefe von Anna Seghers an ihren späteren Ehemann László Radványi vertiefen: Sie hatten sich beim Studium in Heidelberg kennengelernt, Seghers' Eltern haben die Verbindungen zu dem brotlosen Philosophen zunächst nicht gebilligt. Es entfaltet sich in den Briefen eine "subtile Psychopathografie der Generationenkonflikte", aber auch ein Panorama der Liebe zwischen den beiden, so Jandl. Seghers zeige hier schon, was sie in späteren Romanen wie "Das siebte Kreuz" zu vollendeter Form bringe. Ihr gehe es darum, mit ihrem literarischen Schaffen eine weitere Ebene der Wirklichkeit freizulegen. Anna Seghers und László Radványi bleiben bis zu seinem Tod 1978 verheiratet, weiß Jandl noch.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 22.11.2025
Die hier rezensierende Schriftstellerin Annett Gröschner liest die von Christiane Zehl Romero und Jean Radványi herausgegebenen Liebesbriefe von Anna Seghers an ihren gleichaltrigen Freund László Radványi alias Rodi aus den Jahren 1921 bis 1925 mit Spannung. Was wohl über die aus nur wenigen Selbstzeugnissen bekannte Seghers zu erfahren ist? Gröschner erkennt die tiefe Verbundenheit der Briefpartner und Seghers' literarischen Ambitionen. Merkwürdig erscheinen ihr die Anredeweisen in den Briefen, wie Vater, Küken oder Hammelleben. Zwischen den Zeilen liest Gröschner über die Krisen der Zeit, offener über Familienplanung und das Einüben von Selbstständigkeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.11.2025
Der Rezensent Wilhelm von Sternburg beschreibt die nun zugänglich gewordenen frühen Briefe Anna Seghers' als seltenen Blick auf eine junge Frau, die "zweifelnd, leidend und willensstark" ihren Weg aus dem jüdisch-bürgerlichen Elternhaus sucht. Für ihn zeigen die Briefe nicht nur eine Liebende, sondern auch eine politisch tastende Intellektuelle, die zwischen kommunistischem Ethos und Partei schwankt und deren Eltern "äußerst beunruhigt wegen uns" sind, erfahren wir. Sternburg hebt hervor, wie sehr Seghers' späteres Werk - Flucht, Unterdrückung, Exil - biografisch unterfüttert ist und wie sehr die Partnerschaft mit Radványi von asymmetrischen Rollen geprägt war. Der Fund von 470 Briefen belege zugleich ein frühes, ungebrochenes Verhältnis zum Judentum und eine Partnerschaft, die trotz Distanz, Exil und politischer Brüche ein Leben lang trug, freut sich der Kritiker zuletzt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.11.2025
Rezensentin Elke Schlinsog lernt Anna Seghers durch deren wunderbar poetische Briefe an ihren späteren Ehemann László Radványi von einer ganz neuen Seite kennen. Wenig wusste man bisher über das Kennenlernen und die ersten Jahre des jungen Paares aus verschiedenen Welten, das sich während des Studiums in Heidelberg kennenlernte. Die "Liebesbriefe an Rodi" bringen nun Licht in dieses Dunkel. Seghers, damals noch Netty Reiling, zeigt sich hier so "verspielt" und so zärtlich, wie Schlinsog sie vorher noch nicht erlebt hat. Auch wird in den Briefen deutlich, wie tief die junge Frau aus wohlhabender Familie in der jüdischen Tradition verwurzelt war, lesen wir. Besonders berührt ist die Rezensentin allerdings davon, wie sich Seghers nach und nach von ihrer Familie emanzipiert, ihren bolschewistischen Freund verteidigt und sich für dessen Ideen zu interessieren beginnt. Doch nicht nur dieses erwachende politische Bewusstsein lässt sich hier nachvollziehen, sondern auch das Bewusstsein über die eigene Berufung zum Schreiben. "Ich will Wirklichkeit" liest sich somit als überraschendes, poetisches und rührendes Zeugnis eines Aufbruchs, so die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 06.11.2025
Eine literarische Sensation ersten Ranges, nennt Rezensent Volker Weidermann den Fund der hier editierten 470 Liebesbriefe. Geschrieben hat sie allesamt Netty Reiling, die später zu Anna Seghers wurde, Empfänger ist László Radványi, ihr späterer Ehemann, der den Namen Johann-Lorenz Schmidt annehmen wird. Als sie sich kennenlernen, sind beide erst 20 - die zwischen 1921 und 1925 entstandenen Briefe Nettys an László - seine Beiträge zur Korrespondenz sind nicht überliefert - zeugen davon, dass die Liebe zwischen beiden von Anfang an stark und auf Dauer aus ist, erkennt der Kritiker. Vor allem staunt er, dass Netty sich bereits hier, auch wenn sie noch nach Ausdrucksformen zu suchen scheint, als große Schriftstellerin zu erkennen gibt. Zugleich macht sich Netty in den Briefen an László einerseits oft klein, andererseits setzt sie sich auch ihren Eltern gegenüber, die László ablehnten, leidenschaftlich für ein gemeinsames Leben ein. Die Rollen, die sich die beiden in den Briefen zuweisen, wechseln, so Weidermann, der sich auch amüsiert über die Kosenamen, die Netty László gibt: Von "Schläulehund" bis "Schlangenhäuptling". Auch die Religion spielt eine wichtige Rolle in den Briefen, erfahren wir, ebenso wie der Kommunismus, dem sich beide im Laufe ihres Lebens verschreiben. Insgesamt liest der Rezensent diese Briefe als einen wundersamen Schlüssel zu Seghers Werk, aber auch als genuinen Ausdruck einer von Hoffnungen und Träumen geprägten jungen Liebe.