Anna Mitgutsch

Familienfest

Roman
Cover: Familienfest
Luchterhand Literaturverlag, München 2003
ISBN 9783630871486
Gebunden, 416 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Bei den traditionellen Festen der Leondouris ist Edna Gastgeberin und Mittelpunkt. Sie hält die weitläufige Familie zusammen. In ihrem Haus am vornehmen Beacon Hill, an der zum Seder gedeckten Tafel, erzählt sie Geschichten aus dem Leben der Vorfahren, die als Familienbesitz in den Jüngeren fortleben sollen. Ednas Erinnerungen reichen Jahrhunderte zurück, so weit, daß Familiengeschichte und jüdische Geschichte zu verschmelzen scheinen. Mittelpunkt ihrer Geschichten sind ihr Vater Joseph, der einst von der Levante nach Amerika gelangte, der Onkel, der stellvertretend für einen Politiker im Gefängnis saß, die bittere Armut, in der die Familie jahrzehntelang im jüdischen Viertel von Boston lebte, und der märchenhafte Aufstieg, der einigen gelang.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2003

Anna Mitgutschs Roman über eine jüdische Familien in den USA hat Rezensent Egon Schwarz außerordentlich gut gefallen. Die Anzahl der Protagonisten stellt den Leser zwar anfangs auf die Probe: ständig müsse man sich an der dem Roman vorangestellten genealogischen Tafel vergewissern, in welchem Verhältnis die über dreißig Personen zueinander stehen. Doch zur Freude von Schwarz wird die Geschichte dann bald "furchtbar lebendig". Insgesamt liest er den Roman als Geschichte einer Auflösung: in dem Maße, wie die Generationen voranschritten, verflüchtige sich die Orthodoxie immer mehr, die religiösen Gebräuche trivialisierten sich, das jüdische Wissen werde karger, der Familienzusammenhalt lockere sich, schwinde. Dabei werde der Leser Zeuge eines "Kampfes um die Erinnerung", hält Schwarz fest. Ein wenig fühlt er sich an Sylvia Tennenbaums Roman "The streets of yesterday" erinnert, dem Mitgutschs Roman allerdings durch seinen Stil, seine "verhaltene Melancholie", seine "lyrischen Passagen", seine Stimmungsbilder und Landschaftsbeschreibungen, kurz: durch seine literarische Qualitäten überlegen ist. Was Mitgutschs Roman vollends auszeichne, so der Rezensent abschließend, sei "die authentische jüdische Thematik, die ohne Holocaust und Antisemitismus auskommt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

"Endlich" ein Roman, in dem sich Leichtigkeit, Unterhaltung und Tiefgang vereinen, jubelt Werner Jung bei der Besprechung dieses Buchs, das von drei Generationen einer jüdisch-amerikanischen Familie erzählt. Der Rezensent freut sich über ein "geradezu unprätentiös-altbackenes", sehr "gelungenes Beispiel" für das Genre der Familiensaga, wobei ihm besonders gefällt, dass die Autorin trotz aller Nachdenklichkeit nicht "gründelt". Der Roman erzählt in drei Teilen von der alten Edna, ihrem Großneffen Marvin und ihrer Großnichte Alina. In der verzweigten Familiengeschichte geht es immer wieder um jüdische Identität in der amerikanischen Gesellschaft, erklärt Jung. Insbesondere der zweite Teil, in dem aus der Perspektive Marvins erzählt wird, ist für den Rezensenten eine der "beeindruckendsten Schilderungen" von amerikanischer "Alltagstristesse" zwischen Resignation und Ausbruchsfantasien. Jung preist das Buch als "wunderbaren Roman", der nicht nur jüdisches Leben in Amerika, sondern gleichzeitig "Erinnerung" und ihre "Erzählbarkeit" thematisiere.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.09.2003

Eine "ausufernde Sehnsuchts-Saga und Cinemascope einer versunkenen Zeit" erblickt Rezensent Paul Jandl in Anna Mitgutschs Roman "Familienfest", der die Geschichte einer amerikanisch-jüdischen Familie Leondouri über drei Generationen verfolgt und dabei vom Schwinden der Religion und des jüdischen Ritus in der amerikanischen Einheitskultur erzählt. Das geht zum Bedauern Jandls nicht immer ohne "schlichte Wahrheiten" und den "Kitsch der Nostalgie". Zudem bleiben zahlreiche Figuren - Mitgutschs Familiengenealogie umfasst gut dreißig Namen - nach Ansicht Jandls "blass": "Holzschnittartig erfüllen sie die ihnen zugedachten Funktionen". Doch neben den kritischen Tönen, findet Jandl auch lobende. Wie Mitgutsch zum Beispiel die amerikanische Gesellschaft an den subtilen Verschiebungen des Alltags beschreibt, findet er außerordentlich "gelungen". Und ihre "atmosphärische Schilderung" der Vorstädte, Reihenhausghettos und Villengegenden spiegle die Veränderungen genau und weit besser wider als das ausufernd große Personal des Romans.