Andreas Beyer
Cellini
Ein Leben im Furor

Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783803137463
Gebunden, 224 Seiten, 30,00 EUR
ISBN 9783803137463
Gebunden, 224 Seiten, 30,00 EUR
Klappentext
Mit 60 s/w-Abbildungen. Die Kunstgeschichte zeigte sich vom Leben des Benvenuto Cellini, dem überragenden Skulpteur der Renaissance, gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen: Er war Mörder, Dieb, gewalttätiger Liebhaber aller Geschlechter, sowohl Diener als auch Herausforderer von Päpsten und Fürsten, ingeniöser Künstler. In genau diesen Rollen schildert er sich in seinem legendären Lebensbericht, der "Vita", deren besonders verstörende Stellen in späteren Ausgaben und Übersetzungen oft ausgelassen oder abgeschwächt wurden. Sicherheitshalber hat man sein Buch zur Fiktion oder zu purer Selbststilisierung erklärt. Andreas Beyer zeigt in seiner unverschämten Neuvorstellung des Lebens und Werks Cellinis entlang der "Vita", dass die inkriminierten Passagen über das Leibliche, Geschlechtliche und sinnliche Transgressionen nicht nur verteufelt hohen Unterhaltungswert besitzen, sondern vor allem Authentizität beanspruchen dürfen. Erst dadurch wird das Profil des daseinssüchtigen Menschen Cellini wahrhaftig sichtbar: ein Künstler, der das Leben in all seinen Möglichkeiten und Facetten mit aller Gewalt an sich riss und dabei sämtliche Grenzen der Existenz sprengte.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2025
Rezensent Benjamin Paul findet es gut, dass uns Andreas Beyer mit seiner Studie Cellini aus einem anderen Blickwinkel zeigt. Obgleich Beyers populärwissenschaftlich Leben und Werk des Künstlers miteinander kurzschließt, eröffnet sein Ansatz dem Leser laut Paul die Sicht auf Cellinis "Übertragungsleistungen" und die dahinter steckenden Gefühle wie Frauenhass und Eifersucht, aber auch die homoerotische Liebe. Das ist laut Paul "spritzig" geschrieben und unterhält den Leser, regt ihn aber auch an zu Überlegungen über den Einfluss von MeToo und Schwulenbewegung auf neue Perspektiven in der Kunstwissenschaft und anderswo.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 03.02.2025
Ist dieses Buch zu distanzlos seinem Gegenstand, dem Leben und Werk Benvenuto Cellinis gegenüber? So fragt sich Rezensent Arno Orzessek. Und antwortet am Ende klar mit: nein. Dabei hat das Leben Cellinis es in sich, rekonstruiert er entlang der Lektüre, zumindest, wenn man die Autobiographie des Künstlers, in der dieser von zahlreichen oft nicht einvernehmlichen Geschlechtsakten und auch von drei selbst begangenen Morden sowie von seinem Stuhlgang berichtet, beim Wort nimmt. Was Andreas Beyer, stellt Orzessek klar, in seinem Cellini-Buch nicht unbedingt tut, vielmehr beschreibt er die Autobiographie Cellinis mit Verweis auf die Werner-Herzog'sche ekstatische Wahrheit und verweist darauf, dass für den Künstler sein eigener Körper und sein schöpferisches Werk nicht voneinander zu trennen sind. Tatsächlich erkläre Beyer das Leben Cellinis zu dessen zentralem Kunstwerk - wobei auch die Bildhauerei und Schmiedearbeiten des Italieners kenntnisreich beschrieben würden. Keine einfache Lektüre ergibt das im Ergebnis, gesteht der Rezensent ein, aber es lohnt sich, weil das Buch sich schwierigen Fragen stellt.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.11.2024
Gegen Cellini wirkt der Marquis de Sade wie ein "Moralist", meint Rezensent Peter Richter. Denn der berühmte Renaissance-Künstler und leider auch Dreifach-Mörder war wohl an Grausamkeit und sexuellen Gewaltakten nicht zu überbieten, wie der Kritiker bei Andreas Beyer lesen muss: So begleitete seine künstlerische Karriere eine "sexuelle Allesfresserei", die oft einherging mit sadistischer Erniedrigung des Gegenübers, meist seiner weiblichen Modelle. Bei den impulsiv verübten Morden genoss der Bildhauer und Lieblings-Münzmacher des Papstes dann den Schutz von oben, liest Richter kopfschüttelnd. Entnommen habe der Basler Kunsthistoriker Beyer dies alles den eigenen biografischen Aufzeichnungen Cellinis, die die künstlerische Produktion und die sexuelle Gewalt dann auch noch auf mindestens "kaltschnäuzige", eher "verstörende" Weise verschränken - etwa, wenn die blauen Flecken geprügelter Frauen mit verschiedenen Druckfarben verglichen werden. Lesbar sei das alles natürlich nur mit einer strengen Werk-Autor-Trennung, mahnt der Kritiker, und dank Beyers "eleganter Prosa" und gelungener Analyse.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.11.2024
Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp höchstselbst bespricht das Buch seines bekannten Kollegen. Alles kommt vor, freut sich der Rezensent, das Werk, das Leben, die drei Morde, die Cellini auf dem Gewissen hatte. Außerdem schreibe Beyer über die zahlreichen Liebschaften Cellinis mit Frauen wie auch mit Männern, und überhaupt über die Bedeutung seiner Körperlichkeit für seine Kunst. Cellinis selbst verfasste Autobiografie spielt dabei ebenfalls eine Rolle, erläutert Bredekamp: Beyer hält diese für authentisch und ist der Ansicht, dass Cellini nur wirklich Erlebtes berichtet, weil Erfindungen mit seinem Freiheitsdrang unvereinbar gewesen wären. Auch Cellinis gesamtes Kunstschaffen kommt in dem Buch zur Sprache, so der Kritiker, Beyer verstehe es als Ergebnis einer Übertragung des unbändigen Lebens des Bildhauers mitsamt all seiner Widersprüche in dessen Kunst. Bredekamp scheint mit solchen Thesen weitgehend einverstanden zu sein und schließt seine Besprechung mit dem Hinweis, dass der Autor hier nicht zuletzt Wesentliches zum Thema Körperlichkeit in der frühen Neuzeit beiträgt.
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