Aus dem Englischen von Gisela Stege. Jayojit Chatterjee, genannt Joy, Dozent für Wirtschaftswissenschaften an einer Universität im amerikanischen Mittelwesten, besucht für einige Wochen seine Eltern in Indien, zusammen mit seinem siebenjährigen Sohn Bonny. Doch dieser Sommer im schwülheißen Kalkutta ist mehr als nur ein Höflichkeitsbesuch. Joy hat ein schweres Jahr hinter sich: Seine Ehe mit der Bengalin Amala ist gescheitert und mittlerweile auch geschieden; bis auf ein paar Wochen im Jahr lebt Bonny bei ihr in San Diego. Joys Vater und seine Mutter kennen weder die genauen Hintergründe der Scheidung ihres Sohnes noch haben sie eine Vorstellung davon, wie sich sein Leben im fernen Amerika gestaltet. Sie machen sich Sorgen um Joy, und doch ist der Besuch von Sohn und Enkel ein großes Ereignis, auf das sie sich monatelang gefreut haben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2003
Winfried Wehle ist den Strudeln auf der ruhigen Erzähloberfläche von Chaudhuris Roman nachgegangen und dort vom abwesenden Europa heimgesucht worden. Auf den ersten Blick sei es ein "verhaltenes, fast verschwiegenes Buch", das "Kammerspiel eines Familienbesuchs", den der in den USA lebende Wirtschaftswissenschaftler Joy seinen Eltern in Kalkutta abstatte. Es passiert eigentlich nichts, konstatiert Wehle, der an die "geistigen Wahlverwandtschaften" des orientalistisch gebildeten Europas erinnert wurde und prompt "Leben im Kleinformat" und "beschwerliche Exotik" findet. "Im gleichmäßig hinfließenden Text", schreibt er, "scheint der Orient Stil geworden zu sein." Das sei der Roman, zu dem der Titel "Ein Sommer in Kalkutta" gehört. Doch aufgepasst! - macht Wehle die Leser aufmerksam: Es gibt noch einen versteckten zweiten, der den Originaltitel "A New World" trägt und von der fundamentalen Desorientierung Joys zwischen Amerika und Indien handelt. Hier wie dort beherrsche Joy die sozialen Regeln, aber er suche "ein Drittes, in dem Indien und Amerika sich wirklich treffen können". War ihm das bis dahin die globalisierte Welt des freien Marktes, so ist er nun in eine "marktwirtschaftliche Glaubenskrise" geraten - Symptom einer "empfindliche weltanschauliche Leerstelle". Und genau an der Stelle steigt für Wehle Europa am Horizont auf, "vom Weltgeist der Globalisierung verlassen" und längst "keine Mitte mehr" - als heimliches Spiegelbild des zerrissenen Protagonisten.
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