Aus dem Englischen von Barbara Heller. Amit Chaudhuri stellt die schwierigen Beziehungen von Menschen dar, die in Ritualen gefangen sind, an die sie kaum mehr glauben. Ob er die wechselseitige Abhängigkeit von Lehrern und Schülern auslotet, dem sonderbar reservierten Wiedersehen zweier Freunde nach zwanzig Jahren nachspürt oder von den gemischten Gefühlen einer Frau am Vorabend ihrer zweiten Hochzeit erzählt - immer weisen Chaudhuris Erzählungen über typisch indische Verhaltensmuster hinaus auf universelle Themen. Die Menschen in diesen Erzählungen fallen vielfältig gebrochenen Selbsttäuschungen zum Opfer. Oft ist es nur ein verlegenes Schweigen, ein kurzes Wegsehen, das dem Leser zeigt, wo die nie ganz verheilenden Wunden sind, welche Menschen einander zufügen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 03.12.2005
Amit Chaudhuris Sympathie gilt den Linkischen, Verunsicherten, erklärt die Rezensentin Angela Schader, und unter ihnen besonders jenen, die zu bescheiden sind, sich Künstler zu nennen, und sich darum lieber als einfache "Kulturträger" verstehen: nebenberufliche Literaten und Veleger, Musiklehrer. Sehr gefallen hat der Rezensentin die "fast schon spröde" und doch "schwebend-poetische" Art, mit der Chaudhuri das Wechselspiel zwischen Kunst und Erfolg in Szene setzt und zu einer "feinen Textur" verarbeitet, die "wahrnehmbar von Leben erfüllt ist". Zum Beispiel wenn das eher aus gesellschaftlichem Konformismus erworbene Gemälde auf den erfolgreichen und kunstunverständigen Eigentümer eine "leise, kaum spürbare Macht" ausübt oder wenn sich - wie in der Erzählung "Fromme Lügen" - zwischen einem wohlhabenden Ehepaar und dem jungen mittellosen Gesangslehrer der vermeintlich talentierten Gattin ein "behutsamer Pas de trois" in Gang setzt, bei dem sich das subtile Netz der gegenseitigen psychischen und finanziellen Abhängigkeiten immer dichter spinnt.
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