Aus dem Italienischen von Marina Galli. Ein Junge mit marokkanischen Wurzeln kommt im Tessin zur Welt und wird in die Obhut einer alten Witwe gegeben, Elvezia. Die spricht Dialekt, klappert mit ihren Zoccoli durchs Haus, wärmt dem Jungen die Milch für die Ovomaltine, sie lehrt ihn das Vaterunser und näht jedes Jahr ein neues Karnevalskostüm. Bei Elvezia ist sein Zuhause. Und draußen, da wartet ein ganzes Dorf mit Schnee bis in den Frühling hinein, mit tausend Spielen auf der Piazza, einer Bude im Wald, dem Einkaufsladen, dem Fußballplatz. Als seine Mutter ihn dann das erste Mal mit nach Marokko nimmt, erwartet ihn dort eine andere Familie, die eine fremde Sprache spricht und ihn einem seltsamen Ritual unterzieht. In dem Kind regen sich erste Zweifel. Auf dem Dorffest schmeckt die Wurst nicht mehr; Schweine fressen ihre eigene Kacke, hat die Mutter gesagt. Auch irritierend, dass er plötzlich aus dem Religionsunterricht geholt wird. Und wozu nur soll er Arabisch lernen?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2021
Rezensent Roman Bucheli zeigt sich begeistert von Alexander Hmines Debütroman, indem dieser die Geschichte eines Tessiner Jungen erzählt, der zum Mann, zum Schriftsteller, zum Marokkaner wird. "Gemacht wird" - muss man in Bezug auf den letzten Identitätsaspekt präzisieren. Denn anfangs kann der Junge kein Wort Arabisch und weiß so gut wie nichts über den muslimischen Glauben. Erst in seiner Studienzeit wird er immer wieder mit seiner Herkunft konfrontiert. Feinfühlig beschreibt Hmine, wie der Heranwachsende sich hartnäckig gegen Zuschreibungen wehrt und gleichzeitig von der Unbestimmtheit der eigenen Identität geplagt wird. Wenn der Autor dann über den Zugang seiner Figur zum Schreiben erzählt, ahnt man schon, dass "Milchstraße" auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie des Autors ist. In der Schonungslosigkeit, mit der der Autor seinem Alter Ego begegnet, liegt die besondere Stärke dieses Buches, so der berührte Rezensent.
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