Klappentext

Zum hundertsten Geburtstag von Albert Drach am 17. Dezember 2002 erscheint der erste Band einer auf zehn Bände angelegten Werkausgabe. Das Kriminalprotokoll "Untersuchung an Mädeln" ist eines seiner bedeutendsten und erfolgreichsten Bücher. Drach, von Hause aus Jurist, hat mit diesem Werk den Protokollstil in der Literatur berühmt gemacht, der für ihn zu einer Art Markenzeichen geworden ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.12.2002

Bei einem Autor und Büchner-Preisträger wie Albert Drach lohne es sich, ist Burkhard Spinnen überzeugt, die Rezeptionsgeschichte seiner Werke näher zu beleuchten, denn kaum ein anderer Schriftsteller wurde so oft mit Werkkassetten geehrt, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Nun gibt es also, berichtet der Rezensent, sieben Jahre nach Drachs Tod eine dritte Werkausgabe, die der Zsolnay Verlag mit einem ersten Band, dem 1971 zuerst erschienenen Kriminalroman "Untersuchung an Mädeln" eröffnet. Das Buch, in dem zwei Anhalterinnen ihren Vergewaltiger erschlagen und hinterher dafür angeklagt werden, sei, meint Spinnen, "eine Zumutung". Aber eine lesbare, nur eben eine schwierig zu lesende. Beim Leser stelle sich rasch, staunt der Rezensent, so etwas wie eine "negative Faszination" über den sperrigen Schreibstil des Autors ein, der man sich einfach nicht entziehen könne. Die Erzählhaltung des Autors widerspreche jeglichem gewohnten Schreibstil, vermutlich, nimmt Spinnen an, habe sich Drach vorsätzlich stilistisch "zwischen alle Stühle" gesetzt, aber gerade das sei schließlich auch reizvoll.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2002

Als "sein vielleicht bedeutendstes" Werk würdigt Thomas Rietzschel Albert Drachs Roman "Untersuchung an Mädeln", das nun zum 100. Geburtstags des 1995 verstorbenen österreichischen als erster Band einer auf zehn Bände angelegten Werkausgabe erschienen ist. Wie Rietzschel ausführt, greift Drach eines seiner großen Themen auf, die "Welt der Vorurteile", in dem der einzelne schuldig werde durch die bloße Vermutung der anderen über sein Wesen. Die beiden Mädchen, die verdächtigt werden, einen Autofahrer, der sie mitgenommen und vergewaltigt hatte, umgebracht zu haben, haben vor Gericht keine Chance, hält Rietzschel fest. Mehr als der fehlende Schuldbeweis zähle die Annahme, das Gericht verlange seine Opfer: "es entlarvt sich selbst durch die böse Unausweichlichkeit des nüchternen Protokollstils." Für Rietzschel wirkt Drachs Roman auch heute noch so beklemmend wie zur Zeit seiner Erstausgabe 1971. Erkennbar wird für den Rezensenten "das Profil eines zorniges Aufklärers", der lange vergessen war, und nur kurz ins Rampenlicht rückte, als 1988 den Büchner-Preis erhielt. Nach wie vor wisse man zu wenig über ihn, bedauert Rietzschel.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2002

Einen der "talentiertesten Avantgarde-Schriftsteller deutscher Zunge" sah das "Times Literary Supplement" 1968 in Albert Drach, weiß Rezensent Paul Jandl. Anlässlich des 100. Geburtstags Drachs ist eine auf zehn Bände angelegte Werkausgabe geplant, von denen nun als erster Band der Roman "Untersuchung an Mädeln" erschienen ist. Grund genug für Jandl an den 1995 gestorbenen Schriftsteller eingehend zu würdigen. So berichtet er weit ausholend von der teils jüdischen, teils katholischen Herkunft Drachs, von den frühen Zweifeln am Glauben die ihn quälten, vom Eingriff der Behörden in sein Leben, die ihn zum Juden machten, vom naiven Protest des jungen Anwalts gegen das Naziregime, von seiner Flucht nach Südfrankreich und dem knappen Entrinnen vor der Deportation. Wie Jandl hervorhebt, ging es Drach in seinem schriftstellerischen Werk immer wieder um die Macht der Sprache. "Kaum einer", hält Jandl fest, "hat die Macht der Sprache so sehr sichtbar gemacht wie Albert Drach mit seinem Protokollstil. Das Erzählen materialisiert sich in den mechanischen Vorgängen von Drachs juristischer Diktion." Daneben bediente sich Drach nach Ansicht Jandls vor allem des Mittels einer mit Zynismus angereicherten Ironie, um die Wahrheit kenntlich zu machen. Über Drachs Roman "Untersuchung an Mädeln" erfährt man von Jandl allerdings kaum etwas, nur dass es sich um ein "Kriminalprotokoll" zu einem Fall handle, in dem es um Vergewaltigung und um Mord an einem Stechviehhändler geht. Zur Freude des Rezensenten ist der Roman "sorgsam ediert" und glänzt zudem mit einem "vorzüglichen Nachwort".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.12.2002

Am heutigen 17. Dezember 2002 hätte Albert Drach seinen hundertsten Geburtstag gefeiert, erinnert Burkhard Müller an den österreichischen Autor, dem das "Glück einer späten Gnade und Genugtuung" widerfuhr. Drach erhielt nach Jahren des Exils, der Anwaltsarbeit und nie aufgegebener Schriftstellerei 1988 den Büchner-Preis. Als erster Band einer geplanten Werkausgabe ist nun der Roman "Untersuchung an Mädeln" erschienen, der bereits im Titel das Sujet und Genre vorgibt. Ein Mordfall ohne Leiche, für den Drach die Protokollform gewählt hat, erklärt Müller; er verzichte ganz auf wörtliche Rede, was eine eigenwillige Mischung aus Aktensprache und gleichzeitigem Ausdrucksreichtum ergebe: sprachliche Originalität durch stilistische Beschränkung. Drach verschmähe es, das soziale Gefälle zwischen Menschen zu reproduzieren, grübelt Müller; auf seine Weise erhebe er Einspruch gegen die verwaltete Welt. Dennoch scheint ihm Drachs Schreibweise ihre "Herkunft aus der Bemächtigungssprache der Ämter" nicht ganz leugnen zu können und sei vom Zynismus nicht immer zweifelsfrei zu unterscheiden. Als das literarisch eigentlich Wertvolle empfindet Müller daher auch, dass Drach seinen juristisch-moralisch nicht ganz "verdachtsfreien" Personen die Treue hält. Wer mehr über Albert Drach erfahren möchte, den verweist Müller auf die soeben erschienene lesenswerte Biografie von Eva Schobel.
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