Wäre sie ein Mann gewesen, müsste man sie Frauenheld nennen, Schwerenöter oder Heiratsschwindler, Lüstling, Wüstling oder einfach nur Schuft: Frauen pflasterten ihren Weg. Anne Lister (1791-1840) betete sie an, begehrte, belog und betrog sie, ging ihnen an die Wäsche und ans Geld. Noch unerhörter als ihr Liebesleben sind ihre Tagebücher: In pornografischer Deutlichkeit schildert die englische Landadlige ihre zahllosen Abenteuer, mal liebeskrank, mal zynisch, so fesselnd wie obszön, so verstörend wie amüsant. Anhand dieser Quellen zeichnet Angela Steidele erstmalig das Porträt einer schillernden Persönlichkeit, die allen Vorstellungen vom keuschen präviktorianischen Zeitalter widerspricht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017
"Was für ein Stoff!", ruft Rezensentin Insa Wilke begeistert angesichts der Lebensgeschichte der englischen Aristokratin, Pelzhändlerin und Abenteurerin Anne Lister, die als eine der wenigen Frauen zu Beginn des 19. Jahrhundert offen lesbisch gelebt hat. Dass sich Angela Steidele dieser Figur angenommen hat, findet Wilke genau richtig, sie schätzt die Autorin, die mit ihren Biografien immer wieder "die Blickachsen in die Vergangenheit neu justiert" und vorgeblich keusche Freundschaft als lesbische Liebe offenlegt. Die Kritikerin liest mit blankem Staunen, was für eine klare Sprache Lister in ihren lange unter Verschluss gehaltenen Tagebüchern für weibliche und lesbische Lust fand. Wilke muss allerdings einräumen, dass sich die Aristokratin dennoch nicht als Emanzipationsikone eignet: Sie habe sich Freiheiten herausgenommen, die sie anderen nicht unbedingt zugestand. Auch wenn sich Steidele als Biografin mit ihren Wertungen sehr zurückhalte, erkennt Wilke zwischen den Zeilen, dass es beides brauche: Die Freiheiten eines Kollektivs, aber auch die des Ichs, das sich selbst über alles andere stellt.
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