Schon lange bevor Reisende wie James Cook im 18. Jahrhundert die Praxis der Tätowierung als Inbegriff wilder Zivilisationsferne in den Blick gerückt haben, wurden Tätowierungen in Europa zum Anlass genommen, das Wesen von Schrift und Schreiben und damit dasjenige der europäischen Schriftkultur selbst zu verhandeln von den schriftförmigen Tätowierungen, in denen schon die Bücher des Alten Testaments ihre neue Glaubensgemeinschaft stiften, bis hin zur Auseinandersetzung der beginnenden Postmoderne mit der Konkurrenz zwischen geschriebenem Text und digitaler Wirklichkeitssimulation. In diesem Buch rekonstruiert Ulrike Landfester die Diskursgeschichte der Tätowierung von ihren Anfängen bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Tätowierung unter dem Einfluss technologischen Fortschritts scheinbar ebenso beliebig löschbar zu werden beginnt wie die traditionelle Materialhaftung des alphabetarischen Schreibens selbst.
Was Ötzi und Bettina Wulff gemeinsamen haben, erfährt Katharina Teutsch in "Stichworte", Ulrike Landfesters Kulturgeschichte der Tätowierung. Die Autorin "ulkt mit postmodernem Theoriejargon herum und beugt sich über philologische Kleinstprobleme", stellt die Rezensentin etwas pikiert fest, scheint das Buch jedoch durchaus mit einigem Interesse und Vergnügen gelesen zu haben. Bemerkenswert scheint ihr der Fokus auf den semantischen Gehalt der Tätowierung, der aus der Geschichte körperlicher Inschriften ihrerseits "eine einzige Verkettung von Zuschreibungen" werden lässt. Erst im gegenwärtigen Trend zum Tribal-Tattoo zieht eine ganz und gar unsemantische Ornamentalik ein, die Bedeutung durch Beliebigkeit ersetzt, referiert Teutsch.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 30.06.2012
Ulrike Landfesters Kulturgeschichte der Tätowierung kommt Thomas Steinfeld sehr zupass, der vor dem Fernsehgerät eh gerade die Pracht tätowierter Fußballerkörper bewundert. Die "Bilder und Ornamente", die ihm dabei direkt vor Augen stehen, müsse man sich bei der Lektüre zwar "hinzudenken": Die Literaturwissenschaftlerin konzentriere sich vor allem auf die Geschichte tätowierter Schrift von der griechischen Antike bis zu heutigen Tagen. Das dabei zusammengetragene Material sei nicht nur reich, sondern auch bestens geordnet, lobt der Rezensent. Plausibel findet dieser auch Landfesters Mediengeschichte der Tätowierung: Analog zum wachsenden Interesse der Literatur an der Materialität der Schrift im Zuge der fortschreitenden Alphabetisierung, verliere auch die Tätowierung ihr gesellschaftliches Stigma mit der fortschreitenden Verflüchtigung der Schrift ins Digitale. Steinfeld also ist rundum zufrieden: Diese Geschichte der Tätowierung kenne in ihrer Gründlichkeit ihresgleichen nicht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.05.2012
Gestochen scharf, zuweilen aber leider schwer verständlich wegen artistisch-hermetischem Kulturwissenschaftssjargon - so beurteilt Rezensent Urs Hafner Ulrike Landfesters Studie, die sich als eine Diskursgeschichte der Tätowierung begreift. Ob als Mittel der Selbstverwirklichung, der Akkuratesse oder der Degradierung, als geheime Botschaft oder Heilmittel - alle diese Verwendungszwecke des tätowierten Körpers untersucht die Autorin laut Hafner anhand von darüber berichtenden Texten chronologisch von der frühen Bronzezeit über Kafka bis zu "Harry Potter". Die einzelnen Kapitel, die die laut Hafner riesige Stoffmenge unterteilen, verbindet die Autorin immer wieder durch große Bögen. Die Geschichte der Tätowierung in Europa wird dem Rezensenten so vermittelt - über ihre Diskursgeschichte.
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