Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".
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Unsere Leseprobe überspannt knapp zwei Drittel der im "Vorwort" erwähnten Erzählung. Die Passage vermittelt auch einen Eindruck von Werner Löcher-Lawrences übersetzerischer Leistung: Der Schlangensatz hat Tempo, ohne atemlos zu werden, die Sprache bewegt sich zwischen saloppen, Wut und Frust vermittelnden Tönen und fein nuancierten Emotionen und Erinnerungsbildern.
Rangeena weiß nicht, was sie zu ihrem Unmenschen von einem Sohn sagen soll, der nicht aufhören will, wegen Tabletten, Land und einem gestohlenen Umschlag Geld herumzuschreien, das er den Waisen von Logar spenden wollte, weil er schwafelt nur noch, es ist die reinste Schwafelei vor ihren geliebten Töchtern, die sich auf die lange Reise von Fremont hierher gemacht haben, um Rangeena in diesem einsamen Wohnzimmer zu besuchen, das ihr Sohn, wie er beschlossen hat, im abscheulichsten Blau streichen will, und sie sitzen da, die armen Mädchen, und verfolgen, wie ihrer Mutter von ihrem einzigen lebenden Sohn auf dieser Erde eine Strafpredigt gehalten wird, der ruft: "Ich habe den zerrissenen Umschlag in deiner Fotoschublade gefunden …", und natürlich ist es ihr unmöglich, auf all seine Anschuldigungen zu antworten, ohne loszuheulen wie das Kind, das sie einmal war, das Kind, das im kostbaren Alter von fünfzehn oder vierzehn mit einem sechzigjährigen Nomaden verheiratet wurde, wer weiß schon, wie alt genau sie war, obwohl Rangeena sich erinnert, dass sie nicht zu alt war, um mit den Puppen zu spielen, die sie aus dem Ton am Rand der Flüsse formte, wo ihr jüngster Sohn eines Tages ermordet werden würde, als ihre Mutter von Asche, Staub oder vielleicht auch Schneeflocken bedeckt zu ihr kam und ihr sagte, dass sie innerhalb eines Jahres verheiratet, aus dem Haus und schwanger sein werde, wieder und wieder schwanger, was zu so vielen kleinen anonymen Gräbern im Apfelgarten führte, unter den herabfallenden Blüten, als ob Allah (alles
Lob
gebührt
Ihm) sagte, siehe, ich weiß, ich weiß, aber so ist es, bis die Babys mit der Geburt ihres ältesten Sohnes zu sterben aufhörten, dem Überlebenden, dem Schwafler, der immer noch weiterschwafelt unter der halb kaputten Deckenlampe, die er seit drei Monaten nicht repariert, wie oft Rangeena auch klagt: "Diese Dunkelheit wird mich noch verschlucken", und sein massiger Körper verdeckt den Fernseher, den elektrischen Kamin und den Schrank mit Rangeenas liebstem Foto von Watak mit seinem kahl geschorenen Kopf, seinem kaum gesprossenen Bart, und auf den weichen Wimpern funkelt der Frost, seine Lippen sind leicht geöffnet, als wollte er etwas sagen, doch sein älterer Bruder, der Überlebende, spricht an seiner Stelle, schwafelt von rosa Tabletten von Target CVS statt von der Apotheke im Raley's, wohin Dr. Ahmazadiall ihre Medikamente geschickt hat, bevor er gestorben ist und bevor ihr ältester Sohn die Familie aus ihrem Vier-Zimmer-Haus in Broderick in ihr Sechs-Zimmer-Haus in Bridgeway verpflanzt hat, wobei sie doch insgeheim das kleinere Haus mit dem größeren Schlafzimmer lieber mochte, das sie sich mit ihrem ältesten Enkel teilte, der gerade sechs und so sanftmütig und lieb war, dass er abends immer ihre Hand hielt, um einzuschlafen, und dann waren da noch die uralten Eichen hinten im Garten und der Faisal-Market ein Stück die Straße hinunter, nur ein, zwei Kilometer, etwa fünfzehn Minuten zu Fuß, und es gab getrocknete Maulbeeren, Kischmisch, frisches Brot und Unterhaltungen mit anderen Afghaninnen, während sie in Bridgeway kilometerweit von nichts als Häusern umgeben ist, ihren weißen Nachbarn und ihren Häusern, ihren weißen Nachbarn, ihren Hunden und ihren Häusern, ihren bösartigen Hunden, die immer kläffen, immer knurren, immer hervorspringen, immer knapp davor, sich von ihren Besitzern loszureißen, um sie zu zerfleischen, wie sie es die kommunistischen Hunde in den Gruben der Obstgärten hat tun sehen, in denen ihre Kinder Äpfel gesammelt hatten, während sie nach ihrem ältesten Sohn suchten, der dank Allah (alles
Lob
gebührt
Ihm) nicht von diesen Hunden gefressen, von Bomben zerfetzt oder am Fluss erschossen worden ist, und die Hunde ihrer weißen Nachbarn verhindern, dass sie aus dem Haus kommt, spazieren geht und die Pfunde loswird, die sich auf ihrem Bauch, dem Rücken und den Hüften sammeln, und, wie sie annimmt, auch auf den Klappen ihres Herzens, denn warum sonst hört ihr Sohn nicht davon auf, dass sie vergessen hat, ihre Blutdrucktabletten zu nehmen, oder sie versehentlich in ihrem Bettzeug versteckt hat, wo sie die Frau ihres Sohnes, diese Schnüfflerin ersten Grades, eines Tages gefunden und behauptet hat, Rangeena sammle sie, um sie ihrem einzigen lebenden Bruder, andere Geschwister hat sie nicht, zu schicken, der, ja, vielleicht, ein Süchtiger und ein Betrüger ist und seine Frau schlägt, aber doch eben auch große Probleme mit dem Herzen hat, und wenn man die Lage in Logar bedenkt, also, die über die Jahre fortdauernden Anschläge und Bombardierungen, die Feuergefechte und willkürlichen Hinrichtungen am Straßenrand, die Khalqian, die Russen, die Mudschaheddin, die Taliban und die Amerikaner, also, wie kann man ihrem armen Bruder vorwerfen, dass er sich entschlossen hat, ein kleines Stück des Landes zu stehlen (ist es überhaupt Diebstahl?), das rechtmäßig ihr wie auch ihrem ältesten Sohn gehören sollte, dem Schwafler und seiner Frau, dieser Giftschlange, die immer aufpasst, immer lauscht, flüstert und Rangeenas Unmenschen von einem Sohn erzählt, ob seine Mutter ihre Tabletten nimmt oder nicht, ihre Servietten hortet, ihren Sauerstofftank verschließt, damit er nicht zu warm wird, mitten in der Nacht aufwacht und nicht atmen kann, ihren Töchtern am Telefon die Wahrheit sagt oder ihren Schleim unter die Ecken des Teppichs spuckt, wo niemand hinguckt, außer offenbar die Frau ihres Sohnes, diese Schnüfflerin, eine Farsi, weißt du, wie Rangeenas Mutter, eine willensschwache Frau ist sie, die Frau ihres Sohnes, lacht über alles, schluckt ihre Beleidigungen, sagt ihr rein gar nichts direkt ins Gesicht, berichtet ihrem Mann aber jedes einzelne gesprochene Wort, der daraufhin Rangeena bestürmt, dieser große Mann, und von Respekt und Güte redet, wobei sein Gerede ganz sicher nicht sehr respektvoll ist, selbst jetzt, selbst in diesem einsamen Wohnzimmer, in dem endlich all ihre Kinder versammelt sind, redet und redet er vor ihren geliebten Töchtern, die mit ihren kleinen Babys die lange Reise von Fremont auf sich genommen haben, nur um sie zu sehen, so laut ist er, dass sie kaum hören kann, wie Alex Trebek mit der müden Resignation eines sterbenden Mannes sagt: "Am siebten Oktober 2001 hat in diesem Land die Operation Enduring Freedom begonnen, und bis Dezember haben die Vereinigten Staaten zwölftausend Bomben und Raketen geschickt", mit der gleichen Resignation wie die der langhaarigen Jungen, die sie bei sich im weichen Gras des Kuhstalls versteckt hat, zwischen Hinterhalten und Gefechten, so jung waren sie, dass sie ihre Söhne hätten sein können, so schön, dass sie einem Traum hätten entstammen können, alle bewaffnet, sterbend und vorgebend, sie seien bereit zu sterben, und ihr Sohn war unter ihnen, ihr ältester Sohn, genauso schön, genauso todesergeben, nachdem sein jüngerer Bruder gestorben war, aber jetzt lebt er, ist alt, ist hässlich, wütend, läuft im Wohnzimmer auf und ab, reißt an seinem Bart, schwafelt mit ihren Töchtern (diesen Verräterinnen!) von den rosa Tabletten, die Rangeena aus Versehen verloren hat, die, wie er sagt, für ihr Herz sind, die aber tatsächlich, wie Rangeena herausgefunden hat, für ihren Kopf waren, Wörter wie "Unruhe", "Manie" und "Panik" hat sie gehört, Wörter, die sie behalten und vor ihren Töchtern wiederholt hat, ihren arglosen Töchtern, von denen sie erfahren hat, dass es Wörter sind, die sich auf Leiden des Geistes beziehen, nicht des Körpers, als hätte Rangeena plötzlich den Verstand verloren, als besiegte sie die ganze Familie nicht mehr im Damespiel, als lernte sie nicht immer noch Tag und Nacht Suren auswendig, als wäre sie nicht auf der Höhe ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, ganz gleich, was die Frau ihres Sohnes hinter ihrem Rücken zu sagen hat, am Telefon unterm Kirschbaum draußen im Garten, immer im Garten, in ihrem Zimmer oder im Haus ihres Bruders, lässt sie Rangeena an den meisten Tagen allein hier in diesem so leeren, so dunklen, so stillen Haus zurück, mit den Enkeln in ihren Zimmern, wo sie Spiele spielen, Tik-Tok-Clips gucken und sie allein mit ihren Atemschläuchen auf dem Sofa zurücklassen, mit dem Fernsehen, ihrem Lieblingsfoto von Watak und ihrem Sauerstofftank, der, wie sie gehört hat, einfach so explodieren könnte in diesem Haus aus Brettern mit seinem nicht mal annähernd zwei Meter hohen, kaum zwei Zentimeter dicken Zaun, der völlig untauglich ist, um sie vor den Nachbarshunden oder den registrierten Sexualstraftätern zwei Straßen weiter zu schützen, gar nicht zu reden von den Einbrechern und Vergewaltigern, von Richard Ramírez, Eddie Gallagher und Robert Bales, nichts ist dieser Zaun gegen die Mauern in Logar, sechs Meter hoch, mehr als einen Meter dick und solide genug, um den Raketen, Geschossen und Kugeln der Kommunisten zu widerstehen, die ihren zweitältesten Sohn Watak haben wollen, den sie aber dennoch töten, den sie am Ufer des Flusses getötet haben, beim Wasser, dem rauschenden Wasser, so schwer, so leicht, so früh am Morgen, dass der Frost noch an den Blättern nippte und Schneeflocken geheimnisvollerweise vom Himmel fielen, wie es Allah (alles
Lob
gebührt
Ihm) bestimmt hatte, es immer schon bestimmt hatte, aber dann ist sie da, die Frau ihres Sohnes und beklagt sich flüsternd ihren treulosen Töchtern gegenüber, dass sie ständig Rangeenas Sauerstofftank auf die Kommode und wieder zurück auf den Boden stellen muss, hoch auf die Kommode und hinunter auf den Boden, klagt über die "Schmerzen" in ihren Handgelenken, als schmerzte Rangeenas versehrte Lunge nicht seit jener Nacht, da sie so viel Rauch und Staub von den sowjetischen Cluster-Bomben in sich hat aufnehmen müssen, aus Nase, Ohren und Mund leckte Asche, von einem Ende der Welt zum anderen hat Rangeena eine Spur davon hinter sich her gezogen, von Logar nach Peschawar, nach Birmingham, Hayward, Broderick und Bridgeway und schließlich bis hierher in ihren Lieblingssessel vor dem Fernseher, der von ihren schwafelnden Töchtern, ihrem schwafelnden Sohn und jetzt auch noch von dessen schwafelndem Sohn verdeckt wird, das heißt, genau dem Enkel, den sie fünf Jahre lang in den Schlaf gesungen hat, genau dem Enkel, dem sie bis in die fünfte Klasse den Hintern abgewischt hat, bis sie ihn in diesem zu großen Haus in ein Zimmer mit seinen Brüdern gesteckt haben, in diesem zu großen Haus mit seinen zu vielen Türen, zu vielen Fenstern, zu vielen Lampen, zu vielen Fernsehern, zu vielen Erinnerungen...
Mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Literaturverlags
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