Vorgeblättert

Zülfü Livaneli: Katze, Mann und Tod. Teil 2

31.03.2005.
Immer wieder hatte er alle erreichbaren Zeitungen zusammengerafft, sie bis zur letzten Zeile durchgelesen und versucht, dem Gelesenen eine Bedeutung abzuringen. Eines Tages war er überstürzt ins Krankenhaus gefahren. Während er in der Notaufnahme wartete, verstärkten sich seine Schmerzen. Er musste nur die weiße Chip-Karte der Krankenkasse vorweisen, und sofort wussten die Schwestern alles über ihn. Der Arzt im kalten, weißen Untersuchungszimmer ließ tastend seine Hand über Samis Körper gleiten, und Sami sagte zu ihm: "Mit meinem Herzen ist etwas nicht in Ordnung! In unserer Familie sind schon viele an Herzkrankheiten gestorben. Nachts wache ich manchmal auf und stelle fest, dass mein Herz aufgehört hat zu schlagen. Und ich habe auch keinen Puls mehr. Etwas später dann genau das Gegenteil. Es schlägt plötzlich schneller, und meine Lippen werden violett. Mit meinem Herzen stimmt was nicht." Unzählige Male war er seither aus dem Haus gestürzt und ins Krankenhaus gehastet. Jedes Mal sprach er mit einem anderen Arzt: "Ich habe einen Gallenstein, der mir Schmerzen bereitet. Besonders wenn ich Eier esse & Und vermutlich auch etwas an der Prostata..."

Als hätten sich die Ärzte verschworen, wimmelten sie diesen jungen Mann, dieses Kind mit den sorgenvoll aufgesperrten Augen, jedes Mal ab. Einen schrie Sami schließlich an: "Sie wollen mich umbringen!" Und er warf einen schweren Aschenbecher nach dem jungen Arzt. Eines ihrer Medikamente - erst später bemerkte er, dass es ein Beruhigungsmittel war - senkte seinen Blutdruck. Er brachte kein Wort mehr heraus, Hals und Kiefer verkrampften sich. "Na also", dachte er, "das ist das Ende!" Der Arzt entschuldigte sich, er habe das falsche Mittel verschrieben, denn in manchen Fällen dürfe es nicht verabreicht werden. Sami wertete diese Äußerung als erste Andeutung aus dem Mund der Ärzte dafür, dass mit ihm tatsächlich etwas nicht in Ordnung war. Eigentlich war das ein Sieg. Er war also wirklich krank, ganz einfach krank. Er war diesem Doktor dankbar.

Im Laderaum eines Schiffes, in dem es nach Petroleum, Maschinenöl und sauersüß nach Fisch stinkt, wo man das Meer riecht, in einem abgeschotteten Raum, in den etwas Licht durch das Bullauge fällt, sieht er vor sich Astrid, die einzige Schwedin, mit der er je geschlafen hat. Sie sitzt an einem zerkratzten Küchentisch und streckt ihm ihre geschickten Hände entgegen. Dann irrt er plötzlich durch unterirdische U-Bahnhöfe, über Rolltreppen hinaus ins Freie, durch Straßen und lässt sich schließlich zwischen Betrunkenen, Erbrochenem und zerquetschten Bierdosen nieder. Jugendliche in glänzenden Jacken, die ältere Menschen zu Boden stoßen, kommen vorbei. Er vergisst sich zwischen Pornoplakaten und klappernden Maschinen, die Kronen- und Öremünzen in seine Hand spucken. Pickelige Jugendliche, die sich gegenseitig ein Gemisch aus Würstchen, Kartoffelbrei und süßem Senf zwischen die Lippen schieben, stehen vor ihm. Die billigen Flittchen, die dunklen Schönen auf hohen Absätzen blitzen in seiner Erinnerung auf, und Typen mit Halbmond und Stern auf der Brust. Bremsen quietschen, das Lachen und Grölen wird lauter, und plötzlich sieht er sich mitten in einer Staubwolke. Augen, Mund, alles voller Staub. Das Zimmer ganz in knirschendem Staub versunken. Staub wie dieses Putzmittel, das das Krankenzimmer so makellos macht. Im Krankenhaus haben sie ihm ein Ekel erregendes Medikament eingeflößt, sie drehen und wenden ihn und machen zahllose Röntgenaufnahmen. Er versucht etwas von den Gesichtern der Krankenhausangestellten abzulesen.
"Was fehlt mir denn?"
"Das Ergebnis erhalten Sie in drei Tagen!"
Sie schauen ihn sehr besorgt an.
Am Tag, als er sich zum Polizeipräsidium aufmachte, um den Status eines politischen Flüchtlings zu beantragen, saß hinter einem metallenen Tisch ein Polizist mit einem erstaunlich schmalen, langen Gesicht. Er stellte Sami eine Menge Fragen zu seinem Pass. Dann drückte er eine Klingel, und die herbeigeeilten Polizisten brachten Sami mit dem Fahrstuhl in den obersten Stock, den sie durch eine eiserne Gittertür betraten. Dort zogen drei Wächter Sami die Kleider aus. Was sie in seinen Taschen fanden, steckten sie in eine Plastiktüte. Und genau in diesem Moment spürte er das erste Mal Reue. Es war falsch gewesen, hierher zu kommen.

Nein, das war kein Land für Flüchtlinge. Das war nicht das Skandinavien aus den Büchern von Knut Hamsun, die er in Ankara so fiebrig gelesen hatte. Es war nicht das Land, wo auf schäumenden Flüssen mächtige Eichenstämme donnernd vorbeizogen, wo in schwarzen Wäldern der jungfräuliche Schnee wie eine Fackel leuchtete, wo sich wie in den nordischen Märchen Waldgeister herumtrieben. Er hatte es geahnt, als er zum ersten Mal im Bahnhof stand. Nun wurde es ihm vollends klar.

Nachdem sie seine Kleider sehr genau untersucht hatten, durfte er sich wieder anziehen. Sami wurde registriert und in eine Zelle mit Stahltür rechts im Gang gesperrt. Sie hatte kein Fenster ins Freie, es war offensichtlich zugemauert worden, ein sehr seltsames Gefühl. Nur eine Öffnung gab den Blick frei auf das Wächterzimmer, das ein Fenster hatte. Schließlich legte er sich auf das mit einem Papiertuch bedeckte Bett und stellte sich vor, wie nur einen Meter von ihm entfernt der Schnee fiel. Als er im Raum des Wächters gewesen war, hatte er draußen in der Dämmerung des Nachmittags Schneeflocken herumwirbeln sehen. Auch wenn sie ihn jetzt gleich freiließen, dieses Bild würde er sein ganzes Leben nicht vergessen. Eine bedrückendere Zelle konnte er sich nicht vorstellen. Die ganze Einrichtung war, wie man es von Operationssälen kennt, einzig auf ihre Funktion reduziert. Sami schlief ein, erwachte und versank erneut in Schlaf. Wirre Träume ergriffen ihn. Er schwebte in dem unbestimmten Bereich zwischen Wachen und Schlafen. Irgendwann bemerkte er, wie das Guckloch in der Tür geöffnet wurde.

Eine Frau schaute herein und rief: "Hallo Türke, Türke!" Er ging auf sie zu, und sie machte ihm Zeichen, die Ärmel hochzukrempeln. Er verstand zwar nicht, was das sollte, schob aber doch die Ärmel seines Pullovers hoch. Erst als sie schon gegangen war, begriff er, dass sie an seinen Armen nach Einstichstellen gesucht hatte.

Dann brachte ein mürrischer Alter das Essen. Rohen Fisch mit einer gelblichen Soße und süßem Brot. Er probierte es nicht einmal, sondern legte sich wieder aufs Bett. Auch jetzt hörte er wieder dieses Brummen, das er schon wahrgenommen hatte, seit er hier eingetreten war. Ihm schien, dass es ständig stärker wurde. Es war, als gehörte es untrennbar zu diesem Raum, wie die Wände, die Decke oder die Tür. Er konzentrierte sich auf das Geräusch und stellte fest, dass es aus dem Luftschlitz über dem Kopfende des Bettes kam. Er steckte den Kopf unter die Bettdecke, doch hörte er diesen Ton, der klang wie der Bohrer eines Zahnarztes.

Die Tür ging wieder auf, und der unwirsche Alte trat ein. Seine Wangen hingen in Stufen herab und türmten sich rechts und links neben dem Mund, seine grauen Augen verschwanden zwischen Falten und Runzeln, sie erinnerten an zwei Glasmurmeln. Der Mann sagte einiges auf Schwedisch zu ihm, doch Sami verstand kein Wort. Als er begriff, dass Sami ihn nicht verstand, streckte er die Brust heraus, atmete tief ein und schlug sich mit der linken Hand darauf. Sami deutete diese Gesten so, als wollte er ihm sagen, dass er sich nicht so schläfrig hängen lassen und sich etwas bewegen sollte. Deshalb stand er auf, atmete auch tief ein und reckte die Brust. Darauf wiederholte der Wächter die Bewegungen nur noch heftiger. Und so machten beide einige Zeit eine Art Gymnastik in der Zelle. Sami hatte aber den Eindruck, dass der Alte mit ihm nicht zufrieden war, denn er streckte den Kopf in die Höhe und zog die Luft noch tiefer ein. Sami tat es ihm nach, doch der Alte schien die Hoffnung aufzugeben und verließ leise schimpfend die Zelle.

Ein junger Wächter erklärte Sami etwas später auf Englisch, nun sei Zeit für den Hofgang. Sami war glücklich, dass er wenn auch nur lückenhaft Englisch verstand. Der Hofgang fand im obersten Stockwerk statt. In abgeteilten, nach oben vergitterten Käfigen von jeweils höchstens drei Quadratmetern. Der Boden war aus Beton. In der Dunkelheit leuchteten die Lampen wie Kerzen von schneeweißem Dunst umgeben. Sami fühlte, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Hier musste er bleiben, während sie Erkundigungen über ihn einzogen. Dies war das Verfahren bei einem Asylantrag.

Teil 3