Vorgeblättert

Zülfü Livaneli: Katze, Mann und Tod. Teil 1

31.03.2005.
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An diesem Dienstag Abend, sieben Tage vor seinem ersten Gedanken an das Verbrechen, fuhr Sami Baran, der seit zwei Jahren als politischer Flüchtling in Stockholm lebte, auf einer vereisten Straße, die sich durch den dunklen Wald schlängelte. Birken, Föhren, Buchen und Tannen, kerzengerade zum Himmel emporgereckt, flogen auf beiden Seiten der Straße vorbei, und der Wagen schlingerte über die schmale, eisglatte Straße. Er fuhr einen alten, schrottreifen Volvo, dessen ursprünglich tiefblauer, ramponierter Lack durch die vielen ausgebesserten Stellen inzwischen fast hellblau geworden war. Er hatte ihn aus "zweiter Hand"gekauft, doch hatten den Wagen sicher nicht nur zwei, sondern eher acht oder gar zehn Vorbesitzer gefahren. Die strengen Winter des Nordens hatten dem Wagen mächtig zugesetzt. Durch das Salz, das auf die vereisten Straßen gestreut wurde, hatte er überall Rost angesetzt. Doch Sami, der keine vernünftige Arbeit hatte, der ab und an für vierzig Kronen die Stunde einen Müllwagen fuhr und im Übrigen von der Sozialhilfe lebte, störte das wenig. So hatte er wenigstens ein Auto unterm Hintern. Doch er fuhr ihn nur selten, weil die Parkplätze in der Innenstadt zu teuer waren. Nur wenn diese seltsame Unruhe ihm das Herz umklammerte, sprang er in sein Auto und verschaffte sich Erleichterung, indem er wie verrückt im Wald und bei den Seen herumfuhr.

Wenn sich sein Herz so zusammenkrampfte, stieg es wie ein runder Ball bis in seine Kehle und wurde steinhart, bis er kaum mehr Luft bekam. Er fühlte sich, als müsse er jeden Moment platzen, als bräche gleich ein Vulkan aus seiner Brust. Wenn ihn so eine Attacke überfiel, wusste er nicht ein noch aus. Er konnte sich nicht anders Erleichterung verschaffen, als in seinen alten Volvo zu springen, sofort aus der Stadt zu fahren und auf den menschenleeren Straßen das Gaspedal durchzutreten. Wenn sein Volvo dann auf den vereisten Straßen hin und her rutschte, begannen aus seinem Mund Worte zu sprudeln, von denen er nicht wusste, was sie bedeuten sollten. Einmal, als er die Krise gerade überwunden hatte, als der Wagen endlich stand, nachdem er auf sein plötzliches Bremsen hin mächtig geschlittert war und sich ein paar Mal um sich selbst gedreht hatte, sah er im Rückspiegel sein tränenüberströmtes Gesicht. Natürlich wusste er, wie gefährlich diese Fahrten waren, die ihn an den Rand der Bewusstlosigkeit brachten und ihm fast den Verstand raubten. Doch sie erfüllten sein Herz mit einer seltsamen Ruhe.

Die letzten Tage hatte er sein kleines Zimmer im Studentenwohnheim kaum verlassen, saß im abgenutzten Sessel mit dem zerschlissenen Bezug und betrachtete in einem kleinen Spiegel seine kränklichen Augenlieder. Und wenn er seine Hand auf den Bauch legte, fühlte er wie einen Nadelstich diesen Schmerz, der nach rechts ausstrahlte und immer stärker wurde.

Wenn er von seinem Platz nach draußen schaute, sah er nichts als endloses Grau. Geometrisch verlaufende Straßen. Betonbauten, dahinter noch höhere Häuser, darüber mausgrauer Himmel, verschlossen wie ein nicht aufgebrochenes Eitergeschwür. Tief hängende Wolken. Die ganze Welt schien einzementiert unter einer grauen Glocke. Nur die Fenster der Häuser waren gelb, rot oder blau gestrichen, wie ein verzweifelter Aufstand gegen dieses Grau.

In diesem stillen, menschenleeren Viertel lief man auf betonierten Wegen. Außer ein paar Frauen unterwegs zur Wäscherei und einigen Müttern, die mit ihren Babys mal an die Luft gingen, war niemand zu sehen. Denn alle waren bei der Arbeit. Auf den rechtwinkligen, schmalen Plattenwegen ging er mit hastigen Schritten. Wenn er dann auf den Rasen trat, beglückte ihn der weiche Boden unter seinen Füßen.

Am meisten aber setzten ihm jene Plätze und Wege zu, die mit abgezirkelten Mustern in verschiedenen Farben gepflastert waren. Er konnte nicht anders, er musste sich für eine Farbe entscheiden. Das zwang ihn zu seltsamen Bewegungen. Wenn er sich etwa die schwarzen Steine ausgesucht hatte, versuchte er, die weißen Felder nicht zu betreten. Wenn er jedoch die weißen Platten gewählt hatte, durfte er die schwarzen nicht berühren. Selbst wenn sie die gleiche Farbe hatten, übersprang er beim Gehen jeweils eine Platte, und wenn sie in Rautenform gelegt waren, fand er auch dafür eine eigene Regel. Traf er auf ein Gitter, stand er still und zählte die Stäbe ab. Hier gab es keine feste Regel. Er konnte zum Beispiel beim Zählen jeweils einen Gitterstab überspringen. Wehe aber, wenn einer fehlte oder herausgebrochen war, da konnte eine Welt zusammenbrechen!

Ob andere Menschen sich dieses seltsame Verhalten aus der Kindheit bewahrt hatten? Bei ihm hatte das erst spät angefangen, erst nach den langen Jahren hier im Norden und seinen Erlebnissen in diesem Land. Wie sehr bewunderte er die Leute, die durch die Straßen gingen, ohne darauf zu achten, wohin sie den Fuß setzten. Irgendwie schaffte er es nicht, zu sein wie sie. Doch noch schlechter fühlte er sich, wenn er zu Hause war. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er endlos von seinem Sessel Flusen aufsammelte. Völlig in Gedanken versunken klaubte er von dem abgeschabten Samtbezug seines dunkelblauen Sessels die winzigkleinen, weißen Pünktchen auf. Die Gläser auf seinem Küchenbord mussten in einer festen Reihenfolge stehen, ebenso die Teller.

Als er damals in Stockholm angekommen war, ratlos auf dem nasskalten Asphalt vor dem Bahnhof stand, inmitten der strömenden Menschen und zwischen den im Regen glänzenden Autos, war es ihm, als sei er in eine völlig andere Welt geworfen worden. Trotz der vielen beleuchteten Reklameschilder, der Neonschriften, Scheinwerfer und Straßenlaternen, war diese Stadt so düster und bedrückend. Er machte kehrt und ging wieder in den prächtigen Hauptbahnhof hinein. Als er mit seinem kleinen Koffer eintrat, spürte er noch das Regenwasser, das ihm in den Nacken lief. Auf einer Bankreihe mitten in der großen Bahnhofshalle saßen tätowierte Betrunkene mit langen blonden Haaren und Lederarmbändern. Sie machten obszöne Gesten mit dem Zeigefinger, traten den Passanten in den Weg, wobei ihre Holzpantinen seltsam auf dem Beton klackten. Ihre stumpfen Blicke schienen sich in weiten Fernen zu verlieren. Aus der mächtigen Kuppel schien ihm so etwas wie ein Echo von Wehklagen aus dunklen, nördlichen Wäldern entgegenzuhallen. Einer der Männer stellte sich schwankend mitten unter der Kuppel auf und pinkelte auf den Boden. Sami ging weiter zur Halle mit den Telefonen. Doch als er die unendlich vielen Telefonbücher sah, die in einer Reihe am Rücken aufgehängt waren, wusste er nicht weiter. Er bat eine alte Frau um Hilfe, doch die scheuchte ihn mit einer Handbewegung weg, wie man eine Fliege verjagt. Als er dann wieder heraustrat, hörte er erneut dieses seltsame Klagen.

In einer Kurve, in der das Wasser aus dem Wald auf die Straße geflossen und spiegelglatt gefroren war, geriet der Volvo bedenklich ins Schlingern. Die Reifen auf der rechten Seite schrammten an den Baumwurzeln entlang, und Sami hatte das Gefühl, die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Doch dann fing sich der Wagen wieder.

Mitten in dieser ganzen Anspannung wimmerte er unablässig vor sich hin. Er hörte seine unverständlichen Klagelaute, aber weder wunderte er sich darüber noch war ihm unwohl dabei.

Er wollte die Häuser in dem Studentenviertel, die Straßen, die gelben, roten, blauen Fenster, die Pastellzeichnungen, die in den Fenstern hingen, die selbstgebastelten Lampions, die bunten Fußmatten vor den Hauseingängen, den Weihnachtsschmuck, die lappländischen Bauernmützen, die geschnitzten Holzschuhe und die Wollsocken, die traditionellen Dala- Pferdchen in den Schaufenstern nicht mehr sehen. Er fühlte sich von ihnen umzingelt und belagert, jedes Mal, wenn es ihn auf die Straße zog. Inmitten dieses Trubels ging ihm die eine Frage durch den Kopf: "Ob ich wohl Krebs habe?" Die Stelle rechts an seinem Bauch schmerzte die ganze Zeit, als würde eine Nadel hineingestochen.

Der Wagen kam zum Stillstand. Rhythmisch ging sein Wimmern und Klagen weiter, während er die Scheinwerfer anschaltete. Im Winter wurde es hier nie richtig hell, und jetzt war der Nachmittag noch dunkler geworden. Die hohen, eng beieinander stehenden Bäume beidseits der Straße ließen alles noch düsterer erscheinen. Draußen wuchs diese unglaubliche Kälte, ließ alles erstarren und verwandelte die Welt in eine leblose Tundra. Die Natur des Nordens lag im Winterschlaf, war in Eis erstarrt.

Teil 2