Vorgeblättert

Roberto Bolano: Amuleto, Teil 3

Manchmal, nicht gerade häufig, ergatterte ich einen bezahlten Job. Irgendein Professor gab mir was von seinem Gehalt, als Hilfsassistentin sozusagen, die Abteilungsleiter setzten durch, daß sie oder die von der Fakultät mich für zwei Wochen, einen oder anderthalb Monate einstellen konnten, für irgendwelche wolkigen, zwielichtigen, meistens fiktiven Tätigkeiten, oder die Sekretärinnen, wahnsinnig nette Frauen, die alle meine Freundinnen waren und bei mir ihren Liebeskummer los wurden, ihre stillen Hoffnungen beichteten, die richteten es so ein, daß ihre Chefs mir irgendeinen Job gaben, bei dem ein paar Pesos für mich abfielen. Das alles fand tagsüber statt. Nachts stürzte ich mich in ein ziemlich bohemeartiges Leben an der Seite von Mexikos Dichtern, was höchst einträglich war für mich und darüber hinaus bequem, denn Geld war damals eine Rarität für mich, ich hatte nicht einmal genug für die Miete. Aber in der Regel war eben doch was vorhanden. Ich will ja nicht übertreiben. Ich hatte Geld zum Leben, und Mexikos Dichter schenkten mir Bücher mit mexikanischer Literatur, zu Anfang, so sind sie nun mal, ihre eigenen Gedichtbände, dann die Bücher, die man unbedingt gelesen haben mußte, und die Klassiker, und so reduzierten sich meine Ausgaben auf das Minimum.
Manchmal konnte ich eine ganze Woche leben, ohne einen einzigen Peso auszugeben. Ich war glücklich. Mexikos Dichter waren großzügig, und ich war glücklich. Damals habe ich sie kennengelernt, alle, und sie haben mich kennengelernt. Wir waren unzertrennlich. Tagsüber war ich in der Fakultät unterwegs, wie eine Ameise oder, das paßt besser, wie eine Zikade, von einem Ende zum anderen, von einem Zimmerchen zum nächsten, ich war über allen Klatsch auf dem Laufenden, wußte Bescheid über Treuebrüche und Scheidungen, kannte alle Tragödien. Wie die von Professor Miguel Lopez Azcarate, den seine Frau verließ, und Miguelito Lopez konnte den Schmerz nicht ertragen, und ich wußte Bescheid, die Sekretärinnen erzählten mir alles, einmal blieb ich auf dem Flur der Fakultät bei einer Gruppe stehen, die über ich weiß nicht was für einen Aspekt der Poesie von Ovid stritt, kann sein, daß auch der Dichter Bonifaz Nuño mit dabei war, kann sein, daß auch Monterroso* und zwei, drei jüngere Dichter mit dabeistanden. Und ganz bestimmt war Professor Lopez Azcarate dabei, der bis zum Schluß den Mund nicht aufmachte; es ging um lateinische Dichter, und da war Bonifaz Nuño die einzig anerkannte Autorität. Worüber wir redeten, Himmel, worüber wir redeten? Genau weiß ich es auch nicht mehr. Ich weiß nur, daß es um Ovid ging, und Bonifaz Nuño laberte, laberte, laberte. Wahrscheinlich zog er über irgendeinen anfängerhaften Übersetzer der "Metamorphosen" her. Und Monterroso lächelte und nickte schweigend. Und die jungen Dichterlinge (vielleicht waren es auch nur ein paar arme Studenten) ahmten es zu drei Vierteln nach. Ich auch. Ich reckte meinen Hals und sah sie mir genau an. Ab und zu schickte ich den Studenten einen überraschten Ausruf über die Schultern, als würde das allgemeine Schweigen damit noch etwas dichter. Und dann machte Professor Lopez Azcarate irgendwann den Mund auf, wie jemand, dem die Luft wegbleibt, als ob dieser Flur der Fakultät mit einem Mal in eine unbekannte Dimension eingetaucht wäre, und sagte etwas über "Die Kunst der Liebe" von Ovid, irgend etwas, das Bonifaz Nuño auf dem falschen Fuß erwischte, etwas, das Monterroso über alle Maßen zu interessieren schien, etwas, das die jungen Dichter nicht verstanden, und ich schon gar nicht, und dann wurde er rot, als sei der Luftmangel unerträglich geworden, und ein paar Tränen, vier oder fünf, kullerten über seine Wangen, bis sie in seinem Schnurrbart verschwanden, einem schwarzen Schnurrbart, der an den Rändern weiß zu werden begann und ihm zur Mitte hin ein Aussehen gab, das ich immer schon seltsam fand, wie ein Zebra oder so ähnlich, ein schwarzer Schnurrbart jedenfalls, der dort eigentlich nichts zu suchen hatte, der nach einem Rasiermesser oder nach der Schere schrie und dafür sorgte, daß, wenn man Lopez Azcarate zu lange ins Gesicht gesehen hatte, man plötzlich wie selbstverständlich kapierte, daß es sich um eine Anomalie handelte, und daß mit sowas im Gesicht die Dinge einfach ein schlechtes Ende nehmen mußten.
Eine Woche darauf hängte sich Lopez Azcarate an einen Baum, und die Nachricht lief wie ein vor Angst rasendes Tier durch die gesamte Fakultät. Ich wurde ganz klein, als ich davon hörte, mich fröstelte, und zugleich mußte ich mich unendlich wundern, denn es war eine schlechte, gleichzeitig aber ganz phantastische Nachricht, als flüsterte mir die Wirklichkeit zu: Ich kann immer noch Großes zustande bringen, und dich bringe ich immer noch zum Staunen, du dummes Ding, dich und alle anderen, ich kann immer noch Himmel und Erde in Bewegung setzen, um der Liebe willen.
Nachts jedoch breitete ich meine Schwingen aus, ich wuchs, verwandelte mich in eine Fledermaus, ließ die Fakultät zurück und ließ mich durch Mexikos Hauptstadt treiben wie ein Luftgeist (wie eine Fee, schön wär?s, aber dazu fehlt mir doch einiges), und ich trank, stritt, nahm teil an literarischen Kaffeehausrunden (ich kannte sie alle) und beriet die jungen Dichter, die schon damals zu mir kamen, freilich nicht in der Art wie später, und für jeden hatte ich ein Wort - was sage ich, ein Wort! -, hundert Worte, tausend, alle erschienen sie mir wie Enkel von Lopez Velarde*, Urenkel von Salvador Diaz Miron*, all die kleinen Machos, die jungen Angsthasen, die miesepetrigen Nachtfalter, wie sie daherkamen mit ihren zerknitterten Blättern, abgewetzten Büchern und verdreckten Heften und in den rund um die Uhr geöffneten Cafes hockten, den deprimierendsten Bars der Welt, wo ich die einzige Frau weit und breit war, ich und manchmal auch ein Gespenst namens Lilian Serpas, und sie gaben sie mir zu lesen, ihre Gedichte, ihre Verse, ihre rachitischen Übersetzungen, und ich nahm die Blätter und las schweigend, mit dem Rücken zu den Tischen, dort wo sie einander zuprosteten und im Schweiße ihres Angesichts versuchten, sich witzig, ironisch, zynisch zu geben, meine armen Engelchen, und ich ließ ihre Worte tief in mich hinein, Gestammel, bis ins innerste Mark, einen Augenblick war ich ganz allein mit ihnen, diesen Worten, verhunzt vom trügerischen Glanz und dem Trübsinn der Jugend, einen Augenblick lang blieb ich allein mit diesen Splittern von einem kaputten Spiegel und betrachtete mich, oder besser ich suchte mich in all diesem wohlfeilen Quecksilber, und, ja, ich fand mich wieder! Da war ich, Auxilio Lacouture, oder Fragmente von Auxilio Lacouture, die blauen Augen, das blonde und weiße Haar, mit Prinz-Eisenherz-Frisur, langes, mageres Gesicht, die Stirn in Falten, und mein Ebenbild ließ mich erschauern, ich versank in einem Meer von Zweifeln, Angst vor der Zukunft, vor den Tagen, die mit der Geschwindigkeit eines Panzerkreuzers nahten, obwohl mir dieses Antlitz andererseits bestätigte, daß ich lebte, im Einklang mit der Zeit, die ich mir ausgesucht hatte und die mich umgab, zitternd, schillernd, strotzend, glücklich.
Und so kam es, das Jahr 1968. Oder das Jahr 1968 kam zu mir. Jetzt kann ich?s ja sagen, ich fühlte es herannahen. Jetzt kann ich zugeben, daß mir das Herz wie wild schlug, daß es mich nicht aus heiterem Himmel traf. Ich begrüßte es, ahnte es, vermutete etwas, witterte es schon in den ersten Januartagen, ich sah es voraus, merkte alles schon mit den ersten und letzten explodierenden Bonbonregen des unschuldigen, durchfeierten Januars. Und damit nicht genug, ich kann sagen, ich erschnüffelte seinen Geruch im Februar in den Bars und den Parks und im März des Jahres 68 spürte ich seine übernatürliche Ruhe in den Buchhandlungen, an den Ständen der fliegenden Schnellimbisse, während ich, im Stehen, an der Calle San Ildefonso einen Taco hinunterschlang und dabei die Kirche der Heiligen Katharina von Siena betrachtete und die mexikanische Dämmerung, die ihre Windmühlenflügel wie im Fieberwahn kreisen ließ, damals, bevor sich das Jahr wahrhaftig in das Jahr 1968 verwandelte.
Ach, mir kommt das Lachen, wenn ich daran zurückdenke. Und die Tränen! Sind sie schon zu sehen? Alles sah ich, und nichts zugleich. Kapieren Sie, was ich damit meine? Ich bin die Mutter aller Dichter und lasse mich nicht von dem Alptraum überwältigen. Und jetzt rennen sie mir endlich über die zerfurchten Wangen, die Tränen. Ich befand mich in der Fakultät, an jenem 18. September, als die Armee die Autonomie der Universität verletzte und das Universitätsgelände besetzte, um alles, was sich bewegte, zu verhaften oder zu töten. Oder nein. In der Universität gab es nicht viele Tote. Das war auf dem Tlatelolco. Ein Name, der uns für immer im Gedächtnis haften soll! Ich aber befand mich in der Fakultät, als die Armee und die Panzergrenadiere kamen und alle Leute zusammentrieben. Unfaßbar. Ich war auf der Toilette, in einem der Stockwerke der Fakultät, dem vierten, glaube ich, aber genau weiß ich es auch nicht mehr. Ich saß auf dem Klo, mit geschürzten Rockschößen, wie es im Gedicht oder dem Lied heißt, und las in den zartfühlenden Gedichten von Pedro Garfias, der ein Jahr zuvor gestorben war, aus Trauer über Spanien und die Welt, wer hätte sich jemals vorstellen mögen, daß ich ihn auf dem Klo las, genau in dem Moment, als die unverschämten Grenadiere die Universität betraten. Ich glaube, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben, daß das Leben voller rätselhafter Dinge ist, voller kleiner Begebnisse, die nur auf eine hautnahe Berührung warten, oder auf unseren Blick, um sich in einer Serie kausaler Tatsachen zu entladen, die nachher, durch das Prisma der Zeit betrachtet, nichts als fassungsloses Staunen oder Entsetzen hervorrufen können. Tatsächlich war ich, aufgrund meines unverbesserlichen Lasters, auf dem Klo zu lesen, und dank der Gedichte von Pedro Garfias, die letzte, die merkte, daß die Soldaten gekommen waren, daß die Armee die Autonomie der Universität mit Füßen trat und daß, während meine Pupillen den Zeilen des im Exil gestorbenen Spaniers folgten, die Soldaten und Grenadiere jede Menschenseele, die sie antrafen, verhafteten, vor sich her stießen und schlugen, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Alter, Stand oder innerhalb der verschlungenen Welt universitärer Hierarchien erlangter (beziehungsweise geschenkter) Positionen.
Sagen wir, ich hörte ein Geräusch.
In der Seele!

Teil 4