Vorgeblättert

Roberto Bolano: Amuleto, Teil 4

Und sagen wir, das Geräusch schwoll an, immer weiter, und ich hörte, wie jemand auf einem benachbarten Klo die Spülung zog, ich hörte, wie eine Tür schlug, hörte Schritte auf dem Flur und Geschrei, das vom Park heraufkam, jenem gepflegten Rasen, der die Fakultät wie ein grüner See, wie ein Eiland voller Liebestollheit und Heimlichkeiten einschließt. Und dann machte Pedro Garfias? poetische Blase plopp, ich klappte das Buch zu, erhob mich, zog die Kette für die Spülung, machte die Tür auf, sagte etwas mit lauter Stimme, sagte hallo, was ist los da draußen?, aber niemand antwortete, ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl kennen, ein Gefühl wie in einem Horrorfilm, aber einer, wo die Frauen keine ahnungslosen Dummchen sind, sondern klug und stark, oder wo wenigstens eine kluge, starke Frau mitspielt, die plötzlich ganz allein ist, sich plötzlich in einem einsamen oder verlassenen Gebäude wiederfindet und ruft (denn sie weiß nicht, daß das Gebäude verlassen ist), ob jemand da ist, die fragend die Stimme hebt, obwohl im Ton der Frage bereits die Antwort enthalten ist, aber sie fragt dennoch; warum? Weil sie eine wohlerzogene Frau ist, sie bleibt still oder macht ein paar Schritte und fragt, und natürlich bekommt sie keine Antwort. So fühlte ich mich, wie diese Frau, obwohl ich nicht weiß, ob es mir in jenem Moment bewußt war, ob ich es jetzt weiß, und ich ging auch ein paar tastende Schritte, als beträte ich eine riesige Eisfläche. Und dann wusch ich mir die Hände, besah mich im Spiegel, erblickte dort eine große, schlanke Gestalt mit ein paar, ach mit schon allzu vielen Fältchen im Gesicht, die weibliche Ausgabe von Don Quixote, wie Pedro Garfias mich einmal nannte, und dann ging ich hinaus auf den Flur, und dort wurde mir allerdings auf der Stelle klar, daß etwas im Gange war, der Flur lag da, im blassen, cremefarbenen Licht, und das Geschrei, welches das Treppenhaus hinaufdrang war von der Sorte, die Geschichte intoniert.
Was also tat ich? Was jeder andere auch gemacht hätte, ich lehnte mich zum Fenster hinaus, sah hinunter und erblickte Soldaten, und dann sah ich zu einem anderen Fenster hinaus und erblickte Panzer, und danach schwankte ich wie jemand aus dem Jenseits zum Fenster am Ende des Flurs, sah hinaus und erblickte geschlossene Lastwagen, in welche die Grenadiere und Polizisten in Zivil die gefangenen Studenten und Professoren hineinstießen, es war, als hätte man einen Film über den Zweiten Weltkrieg mit einem Film von Maria Felix* und Pedro Armendariz* über die Mexikanische Revolution zusammengeschnitten, einen Film, dessen phosphoreszierende Gestalten über eine dunkle Leinwand flackern, gesehen mit den Augen von Verrückten oder Menschen, die unter ständigen Angstzuständen leiden. Und dann erblickte ich eine Gruppe Sekretärinnen, unter denen ich mehr als eine Freundin zu erkennen glaubte, die im Gänsemarsch das Gebäude verließen, ihre Kleider in Ordnung zu bringen suchten, Aktentaschen unter dem Arm oder von den Schultern hängend, und dann erblickte ich eine Gruppe Professoren, die ebenfalls geordnet das Haus verließen, jedenfalls so geordnet wie die Situation es erlaubte, ich sah Menschen mit Büchern in den Händen, Menschen mit Mappen und Manuskriptseiten, die zu Boden flatterten, und sie beugten sich nieder, um sie aufzuheben, und ich sah Menschen, die mit Gewalt aus dem Haus gezerrt wurden, Menschen, die sich ein blutgerötetes Taschentuch vors Gesicht hielten. Und da sagte ich zu mir: Bleib, Auxilio. Laß nicht zu, daß sie dich fangen, Schätzchen. Bleib hier, Auxilio, du darfst nicht freiwillig in diesem Film auftreten, und wenn sie dich da unbedingt drin haben wollen, dann sollen sie sich die Mühe machen und dich finden.
Und so ging ich zurück in die Toilette, und, seltsam, finden Sie nicht?, ich ging nicht nur zurück in die Toilette, ich ging zurück auf mein Klo, dasselbe, auf dem ich vorher gesessen hatte, ich setzte mich wieder auf die Klosettschüssel, also wieder mit geschürzten Rockschößen, heruntergelassenen Strümpfen, allerdings ohne jegliche physische Veranlassung (es heißt zwar, daß sich in eben solchen Situationen der Magen entleert, aber in meinem Fall geschah das nicht), und mit dem offenen Buch von Pedro Garfias auf den Knien, und obwohl ich gar nicht lesen mochte, fing ich doch an, ganz langsam zu Beginn, Wort für Wort, Vers für Vers, aber dann beschleunigte sich allmählich die Lektüre und wurde schließlich wahnsinnig schnell, die Verse flogen so rasch vorüber, daß es mir kaum möglich war, einige von ihnen zu entziffern, ein Wort klebte am nächsten, keine Ahnung, Lektüre im freien Fall, und die Gedichte von Pedro Garfias leisteten auch keinen Widerstand, und so ging es, als plötzlich vom Flur her Geräusche kamen, waren das Stiefel? Nagelstiefel? Also wirklich, so ein Zufall, oder etwa nicht? Geräusche von Nagelstiefeln! Fehlte nur noch klirrende Kälte und eine Mütze auf dem Kopf, und dann vernahm ich eine Stimme, die irgend etwas sagte wie, alles in Ordnung, Sergeant, kann sein, daß sie auch was anderes sagte, und fünf Sekunden später machte wahrscheinlich dasselbe Dreckschwein, das gesprochen hatte, die Toilettentür auf und kam herein.

3

Und ich, bedauernswertes Wesen, ich hörte so etwas ähnliches wie ein Geräusch, wie es der Wind verursacht, wenn er hinunterfährt und durch Papierblumen saust, ich lauschte einem Tremolo aus Luft und Wasser und hob ganz still die Füße, wie eine Tänzerin von - Renoir? Als müsse ich nun gebären, und auf eine gewisse Weise bereitete ich mich tatsächlich darauf vor, etwas ans Licht zu verhelfen, selbst erleuchtet zu werden; die Strümpfe fesselten meine schmalen Knöchel, die wiederum in den Schuhen staken, die ich damals nun mal hatte, gelbe, extrem bequeme Mokassins, und während ich darauf wartete, daß der Soldat eines nach dem anderen die Klos inspizierte, bereitete ich mich darauf vor, moralisch und körperlich, auf keinen Fall die Tür zu öffnen, sondern das letzte Refugium der Autonomie der Universidad Nacional Autonoma de Mexico, der UNAM, zu verteidigen, ich, eine armselige Dichterin aus Uruguay, die aber mit all ihrer Liebe an Mexiko hing, während sie so wartend verharrte, meine ich, und es senkte sich eine ganz besondere Stille herab, eine Stille, für die man weder in den musikalischen noch in den philosophischen Nachschlagewerken eine Entsprechung finden wird, als ob Zeit in Stücke zerbrach, die in alle Richtungen auseinanderflogen, und ich erblickte mich selbst, und ich erblickte den Soldaten, der sich verzückt im Spiegel betrachtete, unser beider Gestalten, eingefangen im einem schwarzen Parallelogramm, versunken im Spiegel eines Sees, und mich schauderte, ach, denn ich wußte, daß mich die Gesetze der Mathematik in diesem Moment schützend umgaben, ich wußte, daß mich die tyrannischen Gesetze des Kosmos, die sich den Gesetzen der Poesie widersetzen, schützten, und der Soldat betrachtete sich hingerissen im Spiegel, und ich, hingerissen wie er, konnte ihn hören, in der Vereinzelung meines Wasserklosetts, und die beiden Vereinzelungen konstituierten in dieser Sekunde die zwei Seiten einer Münze, gräßlich wie der Tod.
Im Klartext: Der Soldat und ich verharrten wie zwei Statuen in der Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur, und das war?s, danach hörte ich seine Schritte, ich hörte, wie die Tür zugeschlagen wurde, und meine erhobenen Beine nahmen, als hätten sie sich selbst dazu entschlossen, wieder ihre alte Position ein.
Die Geburt war zu Ende.
In dieser Position muß ich, nach meiner Berechnung, ungefähr drei Stunden verharrt sein. 
Ich weiß, daß es bereits dunkelte, als ich mein Klo verließ. Meine Glieder waren erstarrt. Mir lag ein Stein im Magen, und die Brust tat mir weh. Über meinen Augen lag ein Schleier. In meinen Ohren oder in meinem Innern summten Bienen, Wespen, Hornissen, was weiß ich. Ich spürte eine Art Kitzel und zugleich den Wunsch nach Schlaf. In Wahrheit jedoch war ich so wach wie noch nie. Zugegeben, die Situation war neu, aber ich wußte, was zu tun war.
Also ging ich zum einzigen Fenster der Toilette und sah hinaus. In der Ferne verlor sich ein einsamer Soldat. Ich erblickte die Silhouette eines Panzers oder seinen Schatten, obwohl ich später darüber nachdachte, vielleicht war das auch nur der Schatten eines Baums gewesen. So wie der Säulenwald der lateinischen Literatur, der griechischen Literatur. Ach, wie gern mag ich die griechische Literatur, von Sappho bis Giorgios Seferis. Ich sah wie der Wind um die Universität fächelte, als genieße er das letzte Tageslicht. Und ich wußte, was zu tun war. Ich wußte es. Ich wußte, ich mußte aushalten. Also ließ ich mich auf den Fliesen der Frauentoilette nieder und nutzte die letzten Lichtstrahlen, um drei Gedichte von Pedro Garfias zu lesen, und danach schloß ich das Buch und die Augen und sprach zu mir: Auxilio Lacouture, Bürgerin Uruguays, Lateinamerikanerin, Dichterin und Reisende, halte durch.
Das und mehr nicht.
Und dann begann ich über mein vergangenes Leben nachzudenken, so wie ich jetzt über mein vergangenes Leben nachdenke. Ich kramte die Jahre und die Tage wieder hervor; ohne daß jemand es verhindern konnte, tauchten die Bilder auf vom Grund dieses trüben Sees, den weder die Sonne noch der Mond beschien, die Zeit faltete und entfaltete sich wie ein Traum. Das Jahr 1968 verwandelte sich in das Jahr 1964, in das Jahr 1960, das Jahr 1956. Und es verwandelte sich in das Jahr 1970, das Jahr 1973, 1975, 1976. Als sei ich tot und betrachtete die Jahre aus einer nie dagewesenen Perspektive. Ich begann sozusagen über meine Vergangenheit nachzudenken, als dächte ich nach über meine Gegenwart, meine Zukunft und meine Vergangenheit, alles eingehüllt und eingelullt in ein lauwarmes Ei, ein riesenhaftes Ei, in dem was weiß ich für ein gigantischer Vogel, vielleicht ein Archeopteryx, in einem Nest aus rauchenden Trümmern nistete.

Teil 5