Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Ulrich Peltzer: Teil der Lösung. Teil 1

20.08.2007.
Sony Center

Die Silhouette des Mannes zeichnet sich deutlich vor den Bildschirmen ab. Wie es im Halbdunkeln scheint, hat er seinen Kopf leicht in den Nacken gelegt. Rechts von ihm steigt eine dünne Rauchfahne aus dem Aschenbecher auf der Konsole hoch, ein schmuckloses längliches Pult mit zwei Tastenfeldern. Mentholzigaretten, eine zerlesene Zeitung. Unter dem Pult stehen die Speichergeräte, Empfänger und verkabelte Rechner, deren grüne Dioden wie brennende Augen aus dem Schatten hervortreten. Es ist still, ein Raum ohne Fenster, in dem man jetzt nur sich selbst und entfernt noch das Rauschen einer Klimaanlage hört. Die Monitore sind stumm, kein Ton, nicht einmal Knistern gruppiert die Szenen zu einem Ganzen: all die Leute im Freien, ihre hierher übertragenen Wege an Schaufenstern und dichtgefüllten Cafeterrassen vorbei zu diesem großen Brunnen mitten auf der überdachten Piazza. Man sieht sie am Rand des Edelstahlbeckens sitzen, müde Blicke in Reiseführer und Hochglanzprospekte aus der Volkswagen Youth.lounge werfen, durch die Sucher ihrer Kameras schauen, telefonieren. Andere kreuzen durchs Bild und verdecken sie einen Moment lang, Körper und Gesten. Im Wasser planschen zwei kleine Jungen, spritzen sich nass, während eine Frau im Hintergrund sie für ihr digitales Heimkino filmt. Sie schwenkt den Camcorder nach oben zur Spitze der Dachkonstruktion, die wie ein gewaltiges Zirkuszelt aus Fiberglas und weißem Segeltuch über dem Rund der Gebäude aufgespannt ist, zehn oder zwölf Stockwerke hoch. Spektakulär, heißt es, auch schwindelerregend, wenn man vom Boden ein paar Wimpernschläge in die Leere hinaufspäht, umschlossen von den gläsernen Fassaden des Atriums, Neonschriften, einem gedämpft federnden Hall aus Gesprächsfetzen, leiser Musik, Informationen.
Da hängt Spiderman. Überlebensgroß an der Front des Multiplexkinos, in seinem rotblauen Kostüm mit dem Liniennetz bereit, jede Sekunde loszuspringen. In die Luft zu schnellen, um das Universum zu retten. Schrecknisse allenthalben. Auf einer Bühne neben der Youth.lounge wird eine Präsentation vorbereitet, immer wieder flackern bunte Scheinwerfer über eine glänzende Plane, die ein Auto verhüllt, drei, vier junge Frauen in identischen Hosenanzügen stehen zusammen und notieren letzte Ideen. Erwartungsvoll treten schon Schaulustige näher, Prospekte in der Hand, die eine Reihe emsiger Helfer verteilen. Indes ein Pulk Touristen den Megastore im Durchgang zur Potsdamer Straße verlässt, eine halbe Busladung, die von Etage zu Etage an den Zerbrechlichkeiten in den Vitrinen vorbeigeschlendert ist, auf grellrosa Plastikkissen ausgestellte Miniaturen von Technik, die niemand für möglich hielt, Notebooks verkleinert zu Schulheften, und Mobiltelefone kaum größer als ein Salzstreuer. Man raunt sich Zahlen zu, erstaunliche Details, die ein unbeholfener Witz von ihrer magischen Ausstrahlungskraft zu befreien versucht. Dann verliert man sich in der Menge, hin zu etwas Historischem unter einem widerstandsfähigen Glassturz, dem Parterre eines im Krieg demolierten Hotels, wie es auf der blankgeputzten Tafel seitlich erläutert wird, und weiter in einem ziellosen Treiben von da nach dort und zurück, von nichts angezogen und von allem zugleich. Einer leert Müllkörbe, ein anderer sammelt mit einem Scherenarm Kippen und Papierschnipsel auf, gepflegt gekleidet, sauber rasiert, als gehörten sie zu den Gästen in ihren Freizeitsachen dazu. Nirgends ein Bettler zu entdecken, oder Betrunkene, nur Standard auf sämtlichen Schirmen, keine Hektik und keine irreguläre Geschwindigkeit.
Der Mann beugt sich auf seinem Drehstuhl vor und drückt die Zigarette aus. Verschwenderisch, sie in den Aschenbecher zu klemmen und brennen zu lassen, beschäftigt mit sonstwas, Gedanken, die man irgendwie nicht zu fassen bekommt. Vielleicht, weil man hier doch nicht die Konzentration für andere Dinge findet, nicht richtig, obwohl das Beobachten wie von selbst funktioniert. Man gerät da hinein, eine Art Automatik, die pünktlich mit Dienstbeginn einsetzt, dem Öffnen der Tür, wenn der Blick auf die Mattscheiben fällt, die man für den Rest des Tages nicht aus den Augen verliert. Sich anhäufendes Wissen, das man Erfahrung nennt, Übung in meditativer Erkenntnis. Langsame Zooms und Schwenks, um einer Person quer durch das Atrium zu folgen, bis sie ins Sonnenlicht tritt, ein Gesicht heranholen, eine Szene, deren Auflösung von Interesse scheint. Die Kellnerin im Cafe Josty. Ein älteres Paar, das sich küsst. Kleines Mädchen mit ulkiger Brille dreht sich tanzend im Kreis. Ein Bobtail zieht sein Herrchen an der straff gespannten Leine vorwärts, verschwindet mit ihm aus dem Bild und taucht in einem anderen in der Reihe darüber wieder auf, noch in derselben Bewegung begriffen, doch jetzt vor der Kulisse des Brunnens. Zerteilter Raum - ein großes Puzzle, das sich auf fünf mal fünf Feldern beständig neu figuriert, wechselnde Perspektiven ohne Anfang und Ende, von links oben nach rechts unten in einer computergesteuerten Serie von Brennweiten und Ausschnitten.
Leicht gekippt hängen die Monitore in einem Metallregal, das die Wand über der Konsole bis zur Decke einnimmt. Der Schatten des Mannes, auf den ihr Licht fällt, dehnt sich hinter seinem Rücken lang aus, Kopf und Schultern als randlose Dunkelheit auf der feuersicheren Stahltür. Mit Zahlen beschriftete Sticker kleben an den Regalleisten, zuletzt Nummer 25 unter einer Totalansicht der Piazza im Miniaturformat, von hoch oben gefilmt, so dass alles wie Spielzeug wirkt, ein animiertes Puppenhaus. Nicht ganz real, auch weil die Bilder flach sind, keine Tiefenschärfe haben, als würde es nur um den Vordergrund gehen. Vordergründe im Quadrat, die sich staffeln, überlagern, ergänzen, ohne einen blinden Fleck zu lassen, Raum für Spekulation. Er reibt sich die Augen, die wie immer nach zwei oder drei Stunden zu brennen beginnen, selbst wenn man die vorgeschriebene Pause macht. Aufstehen, sich recken, den Speicher im Hirn von Ballast befreien. Um nicht abzuschalten und das Wichtigste zu verpassen. Auf was es ankommt im verschwiegenen Kern des Wartens, eine aufblitzende Irritation, die plötzlich die Aufmerksamkeit fesselt, ein Impuls von Gefahr, der wie aus dem Nichts den Geist elektrisiert. Als hätte man es Sekunden zuvor schon geahnt, ein mulmiges Gefühl, das sich abrupt zu einer Gewissheit verdichtet, der Typ mit Melone auf Monitor 12. Jetzt lüftet er zum Gruß seinen Hut und verneigt sich mit einem Kratzfuß in Richtung Kamera. Einem Zirkusdirektor gleich, breitet er seine Arme aus, grinst, während zwei Ballerinas ins Bild treten, die Pappschilder hochhalten, auf denen etwas geschrieben steht, in fetten schwarzen Buchstaben: Alles nur ein Spiel! und: Ist die Welt nicht schön? Sie räumen ihren Platz für einen Clown, der Leute heranwinkt mit einem Paar überdimensionaler Gummihände, hin- und hertorkelnd, als befände er sich auf einem schwankenden Schiff. Im Gang sind Geräusche, die Tür wird aufgesperrt, und ein Streifen Flurlicht erhellt kurz die unverputzten Wände. Es ist Fiedler, der Kaffee holen war, wortlos stellt er den Styroporbecher neben Zeitung und Tastenfeld ab. Unterdessen postiert der Clown die sich sammelnden Zuschauer im Halbkreis, Kinder nach vorn. Die Ballerinas helfen ihm dabei, nicht sehr geschickt auf ihren Zehenspitzen balancierend. Was allen Vergnügen zu bereiten scheint, die ersten Kinder versuchen es auch schon, Arme gebogen in der Luft. Der vierte hat seine Melone wieder aufgesetzt, als er sich einmal umdreht, sieht man die Schrift hinten auf seinem weißen Hemd: Du darfst nicht lachen.
"Was läuft da?"
Keine Antwort.
"Eh, Kremer, ich red mit dir."
Kremer deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen Monitor in der dritten Reihe, Fiedler beugt sich über das Pult und kneift die Augen zusammen.
"Die Zwölf."
"Sehe ich selber."
"Dann frag nicht."
Der Clown öffnet einen alten Koffer, den die Ballerinas dem Publikum wie eine Schatztruhe präsentiert haben, und zieht grimassierend das obere einer ganzen Lage von Pappschildern hervor.
"Näher ran", sagt Fiedler. Sich durch Glasfasern fortpflanzender Tastendruck rückt den Geschehnissen auf den Leib, Gesichtszüge werden deutlicher, die albernen Flecken von roter Schminke auf den Wangen der Frauen - in ihrer Kostümierung mit Tüllröckchen über normalen Hosen. Bestimmte, in Gang zu setzende Maßnahmen, die Abläufe sind bekannt. Es gibt Handbücher und Seminare, Befehlsketten und Rechtssicherheit, komplexe Ebenen des Vertrauens.
"Was weißt du davon?"
"Nichts", sagt Kremer, unverwandt geradeaus starrend. "Ich weiß nichts."
Das neue Schild ist auf beiden Seiten beschrieben; während der Clown es herumzeigt und wendet und wieder wendet, klatschen die Ballerinas geziert in ihre Hände. Vorne liest man: Schutz für jeden und hinten: Danke-danke-danke, Zeile für Zeile umrahmt von Augen, die mit einem dicken Pinsel gemalt sind. Einer Comicfigur nicht unähnlich, beginnt der Melonenmann jetzt, Flyer zu verteilen, die ihm bereitwillig abgenommen werden. Macht seine Kratzfüße und linst mit einem merkwürdigen Ausdruck nach oben. Hämisch, das ist das Wort.
"Ich geb Bescheid", sagt Fiedler und richtet sich auf. Zwei Etuis mit Mobiltelefonen sind an seinem Gürtel befestigt, er holt eins heraus und wählt. Ihr seid im Blick. Als es dauert, knabbert er an seinem Daumennagel, was unangenehm klingt. Aber Kremer hat aufgehört, sich zu beschweren, der andere hatte sich wie so viele nicht ganz im Griff.
"Wer? Ja, ich. Geh mal zu den Arkaden ... was? Nein, da sind welche, siehst du? Nein ... liegt nicht vor. Gut."

Teil 2