Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Reza Aslan: Kein Gott außer Gott. Teil 3

10.07.2006.
Im vorislamischen Arabien, einer der letzten vom (wenn auch stark henotheistisch geprägten) Heidentum beherrschten Regionen des Nahen Ostens, war die Religion also von den Lehren des Zoroastrismus, des Christen- und Judentums beeinflußt, ja durchdrungen. Aufgrund der relativ großen Entfernung von ihren jeweiligen Zentren konnten diese drei Religionen ihre Glaubensüberzeugungen und Rituale weiterentwickeln. Es entstanden innovative, vitale Weltanschauungen. Insbesondere in Mekka, dem Mittelpunkt der religiösen dschahiliyya, wurde dieses fruchtbare pluralistische religiöse Milieu zum Nährboden kühner neuer Ideen und aufregender religiöser Experimente. Am bedeutsamsten war eine rätselhafte arabische monotheistische Bewegung: der Hanifismus, der um das 6. Jahrhundert n. Chr. entstand und, soweit wir heute wissen, ausschließlich im westarabischen Raum beheimatet war, einer Region, die die Araber Hidschaz nannten.
Von den sagenumwobenen Ursprüngen des Hanifismus erzählt Ibn Hischam, einer der ersten Biographen Muhammads. Eines Tages, während die Mekkaner vor der Ka?ba ein heidnisches Fest feierten, zogen sich vier Männer, Waraqa ibn Naufal, Uthman ibn Huwairith, Ubaid Allah ibn Jahsch und Zaid ibn Amr, von den übrigen Gläubigen in die Wüste zurück. Dort kamen sie in einem geheimen "Bund der Freundschaft" überein, nie wieder die Götterbilder ihrer Ahnen anzubeten, und schlossen den Pakt, zur unverfälschten Religion Abrahams zurückzukehren, den sie weder als Juden noch als Christen ansahen, sondern als reinen Monotheisten: einen Hanif (aus der arabischen Wurzel hnf, was soviel wie "sich abkehren " bedeutet), der sich vom Götzendienst abgewendet hat. Die vier Männer verließen Mekka und schlugen getrennte Wege ein, um die neue Religion zu verkünden und Anhänger zu gewinnen. Schließlich konvertierten Waraqa, Uthman und Ubaid Allah zum Christentum - ein Umstand, der den großen Einfluß dieser Religion in der Region belegt. Nur Zaid blieb dem neuen Glauben treu; er gab die Religion seines Volkes auf und verzichtete auf die Anbetung der "hilf- und harmlosen Idole" des Heiligtums, um mit seinen Worten zu sprechen.
Im Schatten der Ka?ba, den Rücken gegen die grobe Steinmauer gedrückt, rief Zaid den Bewohnern Mekkas zu: "Ich sage mich los von Allat und al-Uzza, von allen beiden ? Ich werde auch Hubal nicht anbeten, der unser Herr war in den Tagen, als ich wenig Verstand besaß." Er schob sich durch den dicht bevölkerten Markt und rief mit einer Stimme, die den Lärm der Händler übertönte: "Außer mir folgt keiner von euch der Religion Abrahams."
Wie alle Prediger seiner Zeit war auch Zaid ein Dichter, und die Verse, die die Überlieferung ihm zuschreibt, enthalten ungewöhnliche Aussagen: "Mein Lob und Dank gilt Gott", sang er. "Es gibt keinen Gott außer Ihm." Doch trotz seines Aufrufs zum Monotheismus und seiner Zurückweisung der Götterbilder im Innern des Heiligtums hegte Zaid weiterhin eine tiefe Verehrung für die Ka?ba selbst, die er spirituell eng mit Abraham verknüpft sah. "Ich nehme Zuflucht dort, wo auch Abraham Zuflucht nahm", erklärte er.
Allen Berichten zufolge verbreitete sich die hanifitische Bewegung im gesamten Hidschaz, besonders in Städten wie Ta?if, wo der Dichter Umayya ibn Abi Salt in seinen Versen "die Religion Abrahams" pries, und in Yathrib, der Heimat der einflußreichen hanifitischen Stammesführer Abu Amir al-Rahib und Abu Qais ibn al-Aslat. Weitere hanifitische Prediger waren Chalid ibn Sinan, "ein seinem Volk verlorener Prophet ", und Qass ibn Sa?idah, der "Weise unter den Arabern". Es läßt sich unmöglich sagen, wie viele hanifitische Konvertiten es im vorislamischen Arabien gab oder wie groß die Bewegung letztlich wurde. Sicher hingegen scheint, daß es auf der Arabischen Halbinsel starke Bestrebungen gab, den vagen Henotheismus der heidnischen Araber in einen "nationalen arabischen Monotheismus" zu verwandeln, wie es Jonathan Fueck formuliert.
Der Hanifismus war aber mehr als nur eine primitive monotheistische Bewegung. Den Quellen zufolge predigten die Hanifen einen Gott, der regen Anteil am Leben seiner Schöpfung nahm und keine Vermittler zwischen sich und den Menschen benötigte. Der Kerngedanke dieser Bewegung war die glühende Verpflichtung zu einer absoluten Moral, die mehr als nur das Verbot der Götzenverehrung zum Inhalt hatte. Der Mensch sollte nach moralischer Aufrichtigkeit streben. "Ich diene meinem Herrn, dem Mitleidvollen", sagte Zaid, "damit der verzeihende Herr mir meine Sünde vergibt."
Die Hanifen hatten auch eine, wenngleich abstrakte, Vorstellung von einem Tag des Jüngsten Gerichts, an dem sich der Mensch moralisch zu verantworten hat. "Nehmt euch in acht, ihr Menschen, vor dem, was nach dem Tod kommt!" mahnte Zaid seine mekkanischen Mitbürger. "Gott bleibt nichts verborgen." Ein völlig neuartiger Gedanke für ein Volk ohne eine deutliche Vorstellung von einem Leben nach dem Tod als Lohn oder Strafe für das Verhalten im Diesseits. Und da der Hanifismus, wie das Christentum, von einem starken Missionierungsdrang beseelt war, verbreitete er seine Lehre im gesamten Hidschaz. Die meisten seßhaften Araber hatten hanifitische Prediger gehört, und die meisten Mekkaner kannten die hanifitische Gedankenwelt. Daher kann es kaum einen Zweifel geben, daß auch Muhammad mit dem hanifitischen Denken vertraut war.

Eine wenig bekannte Überlieferung berichtet von einer erstaunlichen Begegnung zwischen dem Hanifen Zaid und dem zehnjährigen Muhammad. Erzählt wurde die Geschichte vermutlich erstmals von Yunus ibn Bukair unter Berufung auf Muhammads ersten Biographen Ibn Ishaq. Und obwohl die Geschichte in Ibn Hischams Muhammad-Biographie nicht aufgenommen wurde, listet M. J. Kister nicht weniger als elf weitere Überlieferungen einer nahezu identischen Version auf.
Es war, so die Chronisten, "ein heißer Tag in Mekka", als Muhammad und sein Freund Ibn Haritha aus Ta?if nach Hause zurückkehrten, wo sie zu Ehren eines der Götterbilder (wahrscheinlich Allat) ein Mutterschaf geschlachtet und gebraten hatten. Als die beiden Knaben den oberen Teil des mekkanischen Tals durchzogen, begegneten sie Zaid, der entweder als Einsiedler in den Bergen außerhalb von Mekka lebte oder sich eine Zeitlang in die religiöse Versenkung zurückgezogen hatte. Muhammad und Ibn Haritha erkannten ihn sogleich, begrüßten den Hanif mit dem "Gruß der dschahiliyya" (in?am sabahan) und setzten sich, um neben ihm Rast zu machen.
Muhammad fragte: "Warum, o Sohn des Amr, bist du bei deinem Volk verhaßt?"
"Sie gesellen dem einen Gott Gottheiten zu, und es widerstrebt mir, es ihnen gleich zu tun", erwiderte Zaid. "Ich wollte die Religion Abrahams."
Muhammad nahm diese Antwort wortlos hin und öffnete seine Tasche mit dem Opferfleisch. "Iß von diesem Fleisch, mein Onkel", sagte er.
Doch Zaid reagierte mit Abscheu. "Neffe, ist das nicht ein Teil der Opfer, die du deinen Idolen darbringst?" Muhammad bejahte. Da wurde Zaid ungehalten. "Ich werde nicht von diesem Opferfleisch essen, ich will nichts damit zu tun haben", rief er aus. "Ich esse nichts, was einer anderen Gottheit außer Gott geopfert wurde."
Muhammad war so betroffen von Zaids Zurechtweisung, daß er viele Jahre später, als er die Geschichte erzählte, hinzufügte, er habe seither "keines ihrer Idole mehr berührt ? und ihnen nicht geopfert, bis Gott mir die Ehre seines Apostolats zuteil werden ließ."
Der Gedanke, daß der junge heidnische Muhammad von einem Hanifen wegen seiner Götzenanbetung zurechtgewiesen worden sein soll, ist ungeheuerlich für einen traditionell denkenden Muslim, für den der Prophet schon immer einen einzigen Gott verehrte. Nach gängigen islamischen Vorstellungen nahm Muhammad bereits vor seiner göttlichen Berufung niemals an den heidnischen Ritualen seiner Gemeinschaft teil. In seiner Prophetenbiographie schreibt al-Tabari, Gott habe Muhammad vor der Teilnahme an solchen heidnischen Ritualen bewahrt, damit er nicht verunreinigt werde. Dieser Sicht, die an die katholische Vorstellung von der unbefleckten Empfängnis Mariens erinnert, fehlt jedoch jede historische Grundlage. Im Koran heißt es, Gott habe Muhammad "auf dem Irrweg gefunden und rechtgeleitet" (93, 7). Doch auch die älteren Überlieferungen belegen eindeutig, daß Muhammad die religiösen Sitten und Gebräuche Mekkas praktizierte: Umrunden der Ka?ba, Darbringung von Opfern und Rückzug zu Andacht und Gebet, tahannuth. Am Abriß und Wiederaufbau des heidnischen Heiligtums (es wurde vergrößert und endlich überdacht) war Muhammad tatkräftig beteiligt.
Dennoch ist Muhammads strikter und beharrlicher Monotheismus ein wesentlicher Bestandteil des muslimischen Glaubens, scheint er doch die Überzeugung zu bekräftigen, daß die Offenbarung, die ihm zuteil wurde, göttlichen Ursprungs ist. Das Zugeständnis, daß der Prophet von einem Hanif wie Zaid beeinflußt war, ist für manche Muslime gleichbedeutend mit der Leugnung der göttlichen Inspiration von Muhammads Botschaft. Solche Überzeugungen basieren auf der weitverbreiteten Annahme, Religionen entstünden in einem kulturellen Vakuum. Nichts ist weniger richtig als das.
Religionen sind stets untrennbar mit dem sozialen, spirituellen und kulturellen Umfeld verbunden, aus dem heraus sie wachsen und gedeihen. Es sind nicht die Propheten, die die Religionen schaffen. Propheten sind in erster Linie Reformer, die die bestehenden religiösen Überzeugungen und Praktiken ihrer Gemeinschaft neu formulieren, interpretieren und nachfolgenden Generationen neue Bilder und Metaphern zur Beschreibung der Wirklichkeit an die Hand geben. Ja, sehr häufig sind es die Nachfolger der Propheten, die die Aufgabe übernehmen, die Worte und Taten ihres Meisters zu einem einheitlichen, leicht verständlichen religiösen System auszugestalten.
Wie viele Propheten vor ihm beanspruchte auch Muhammad nie, eine neue Religion gegründet zu haben. Nach eigenem Bekunden war seine Botschaft ein Versuch, die herrschenden Glaubensvorstellungen und kulturellen Praktiken des vorislamischen Arabien zu reformieren und so dem arabischen Volk den Gott der Juden und Christen nahezubringen. "Er [Gott] hat euch [den Arabern] als Religion verordnet, was er dem Noah anbefohlen hat [?] und was wir dem Abraham, Mose und Jesus anbefohlen haben", heißt es im Koran (42, 13). Es kann daher nicht überraschen, daß Muhammad als junger Mann von den religiösen Verhältnissen im vorislamischen Arabien beeinflußt war. So einzigartig und göttlich inspiriert die islamische Bewegung auch ist, ihre Ursprünge liegen unzweifelhaft in der multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft, in der Muhammad aufwuchs und die es ihm ermöglichte, seine revolutionäre Botschaft in einer Sprache auszudrücken, die den heidnischen Arabern, die er mit aller Macht zu erreichen suchte, zugänglich war. Denn was immer Muhammad sonst noch war, er war ein Kind seiner Zeit, auch wenn diese als eine "Zeit der Unwissenheit" gilt.

Nach muslimischer Überlieferung wurde Muhammad 570 n. Chr. geboren, im selben Jahr, in dem Abraha, der christlich-abessinische Herrscher des Jemen, Mekka mit einer Herde Elefanten angriff, um die Ka?ba zu zerstören und die Kirche in Sanaa zum neuen religiösen Mittelpunkt der Arabischen Halbinsel zu machen. Als sich Abrahas Streitmacht der Stadt näherte, zogen sich die Mekkaner, so berichten die Quellen, in die Berge zurück, erschrocken beim Anblick der riesigen Elefanten, die die Abessinier aus Afrika importiert hatten, und überließen die Ka?ba ihrem Schicksal. Doch in dem Augenblick, als die Abessinier das Heiligtum angreifen wollten, verdunkelte sich der Himmel und ein Schwarm Vögel, jeder einen Stein im Schnabel, beschwor Allahs Zorn auf die angreifende Armee herab, die sich in den Jemen zurückziehen mußte.
In einer Gesellschaft ohne festen Kalender war "das Jahr des Elefanten ", wie es bald genannt wurde, nicht nur das wichtigste Datum der jüngeren Geschichte, sondern, aufgrund der Bedeutsamkeit des Ereignisses, auch der Beginn einer neuen arabischen Zeitrechnung. Aus diesem Grund setzten die frühen Biographen Muhammads die Geburt des Propheten auf das Jahr 570 fest. 570 ist jedoch weder das korrekte Geburtsjahr Muhammads noch das Jahr des abessinischen Kriegszugs gegen Mekka. Die moderne Forschung bestimmt für dieses folgenschwere Ereignis das Jahr 552 n. Chr. Tatsache ist, daß damals wie heute niemand weiß, wann Muhammad geboren wurde, weil Geburtstage in der vorislamischen arabischen Gesellschaft keine besondere Relevanz hatten. Muhammad selbst wußte vermutlich nicht, in welchem Jahr er geboren wurde. Jedenfalls machte man sich erst Gedanken über sein Geburtsdatum, als er längst als Prophet anerkannt war, ja vielleicht sogar erst lange nach seinem Tod. Erst dann wurde es seinen Anhängern ein Anliegen, ein Geburtsjahr und damit eine islamische Zeitrechnung festzulegen. Und welches Jahr konnte geeigneter sein als das Jahr des Elefanten? Selbst mit modernen historiographischen Methoden läßt sich der Zeitpunkt von Muhammads Geburt nur annähernd auf die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts n. Chr. festlegen.
Wie bei den meisten Propheten war auch Muhammads Geburt von Zeichen und Wundern begleitet. Al-Tabari zufolge wurde Muhammads Vater Abdallah auf dem Weg zu seiner Braut von einer fremden Frau angehalten, die ihm sagte, sie habe ein helles Licht zwischen seinen Augen gesehen, und ihn in ihr Bett einlud. Abdallah lehnte höflich ab und setzte seinen Weg zu Aminas Haus fort, wo er die Ehe vollzog und der Prophet gezeugt wurde. Als Abdallah am folgenden Tag die Frau wiedersah, fragte er sie, warum sie ihm heute keine Avancen mache. Die Frau antwortete: "Das Licht, das dich gestern begleitete, hat dich verlassen. Ich brauche dich nicht mehr."
Rätselhafte Worte für Abdallah. Er starb, noch bevor Muhammad geboren wurde, und hinterließ als bescheidenes Erbe ein paar Kamele und Schafe. Doch es gab weitere Zeichen, die auf Muhammads prophetische Bestimmung hindeuteten. Während ihrer Schwangerschaft hörte Amina eine Stimme, die zu ihr sprach: "Du hast empfangen den Herrn dieses Volkes, und wenn er geboren wird, so sprich: ?Ich gebe ihn in die Obhut des Einzigen vor dem Übel eines jeden Neiders?. Und nenne ihn Muhammad." Manchmal sah Amina, wie von ihrem Bauch ein Licht ausging, in dem sie die "Schlösser Syriens" erblickte - vermutlich eine Anspielung auf Muhammad als prophetischen Nachfolger Jesu (Syrien war eine bedeutende Stätte des Christentums).
Nach der Geburt kam Muhammad in die Obhut einer beduinischen Pflegemutter, wie es bei seßhaften Arabern üblich war, die ihre Kinder den Sitten und Gebräuchen ihrer Vorfahren gemäß in der Wüste aufwachsen lassen wollten. Und so machte Muhammad seine ersten prophetischen Erfahrungen in der Wüste. Als er eine Schafherde weidete, kamen zwei weißgekleidete Männer auf ihn zu, die eine goldene Schale mit Schnee bei sich trugen. Sie überwältigten ihn, griffen in seine Brust und holten sein Herz heraus. Nachdem sie einen schwarzen Tropfen herausgepreßt hatten, wuschen sie sein Herz mit Schnee und legten es behutsam wieder in seine Brust, bevor sie verschwanden.
Als Muhammad sechs Jahre alt war, starb auch seine Mutter, und nun wuchs der Knabe bei seinem Großvater Abd al-Muttalib auf, dem es oblag, das Wasser aus dem Zamzam-Brunnen an die Pilger zu verteilen und die Speisung der Wallfahrer zu leiten; damit bekleidete er in der heidnischen Gesellschaft Mekkas ein gewichtiges Amt. Als zwei Jahre später auch Abd al-Muttalib starb, kam der verwaiste Muhammad ins Haus seines einflußreichen Onkels Abu Talib, der Mitleid mit seinem Neffen hatte und ihm Aufgaben in seinem einträglichen Karawanenhandel übertrug. Auf einer dieser Handelsreisen nach Syrien wurde Muhammads prophetische Identität offenbar.
Abu Talib hatte erst im letzten Augenblick beschlossen, Muhammad in seiner Handelskarawane nach Syrien mitzunehmen. Von seiner Klause in Basra aus beobachtete der christliche Mönch Bahira die Karawane, wie sie durch die sonnenversengte Landschaft zog. Bahira war ein gebildeter Mann. Er besaß ein Buch mit geheimen Prophezeiungen, das die Mönche seines Ordens von Generation zu Generation weitergaben. In seiner Zelle hatte er diese alte Handschrift Tag und Nacht studiert und auf den vergilbten Seiten von der Ankunft eines neuen Propheten gelesen. Und als der Mönch sah, daß über einer bestimmten Person aus dem Karawanenzug eine Wolke schwebte, die sie vor der erbarmungslosen Sonnenglut schützte, beschloß er, die Karawane anzuhalten, die am schmalen grauen Horizont entlangzog. Blieb dieser Mann stehen, so stand auch die Wolke still, und als er an einem Rastplatz von seinem Kamel stieg, folgte ihm die Wolke und verharrte über einem Baum, dessen Zweige sich über ihn senkten und ihm Schatten spendeten.
Bahira ahnte, was diese Zeichen zu bedeuten hatten, und ließ dem Karawanenführer sagen: "Ich habe euch ein Mahl bereitet. Ich möchte, daß ihr alle kommt, Jung und Alt, Sklaven und Freie."
Die Kaufleute waren verwundert. Auf ihrer Reise nach Syrien waren sie schon oft hier vorbeigekommen, aber Bahira hatte ihnen nie die geringste Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt beschlossen sie, an diesem Abend nicht mehr weiterzuziehen, sondern die Gastfreundschaft des Mönchs anzunehmen. Als sich Bahira unter seinen Gästen umsah, bemerkte er, daß der Mann fehlte, dem die Wolke und der Baum Schatten gespendet hatten. Er erkundigte sich, ob auch wirklich alle aus dem Karawanenzug gekommen seien. "Kein einziger von euch soll meinem Mahl fernbleiben."
Die Männer erwiderten, sie hätten nur einen Knaben, den Jüngsten, draußen beim Gepäck gelassen. Voller Aufregung bestand Bahira darauf, Muhammad hereinzuholen. Als er die Klause betrat, beobachtete der Mönch ihn eindringlich und erklärte sodann, dies sei "der Gesandte des Herrn der Welten".
Muhammad war neun Jahre alt.

Wenn die Kindheitsgeschichten über Muhammad vertraut klingen, so deshalb, weil sie ein Topos sind und ein traditionelles literarisches Thema anschlagen, das in den meisten Mythologien auftaucht. Wie bei den Erzählungen über die Kindheit Jesu in den Evangelien geht es auch in diesen Geschichten nicht um die Wiedergabe historischer Ereignisse, sondern um die Erhellung des Geheimnisses der prophetischen Berufung. Sie wollen Antwort geben auf die Frage, was es bedeutet, ein Prophet zu sein. Ist der prophetische Ruf etwas, das plötzlich und unvermittelt hereinbricht, oder ist es ein Seinszustand, der bereits vor der Geburt, ja von Anbeginn der Zeit, festgelegt war? Ist dies der Fall, dann muß es Zeichen geben, die auf die Ankunft des Propheten hinweisen: eine wunderbare Empfängnis oder einen anderen Hinweis auf die Identität und Mission des Propheten.
Die Geschichte der schwangeren Amina ähnelt in verblüffender Weise der christlichen Geschichte Marias, der Mutter Jesu, die im sechsten Monat die Stimme des Engels des Herrn hörte, der zu ihr sprach: "Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden" (Lk 1, 31 f.) Die Geschichte Bahiras besitzt deutliche Anklänge an die jüdische Geschichte Samuels. Als Gott Samuel verkündet, einer von Isais Söhnen werde der nächste König von Israel, läßt er die ganze Familie kommen, um mit ihr ein Mahl zu halten. David, der Jüngste, bleibt zurück und hütet die Schafe. "Schick jemand hin und laß ihn holen", befiehlt Samuel, nachdem alle anderen Söhne Isais vom Herrn verworfen worden waren. "Wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er hergekommen ist." Als David kommt, wird er von Samuel zum König gesalbt (1 Sam 16, 1-13).
Wiederum ist die Frage nach der Historizität dieser Topoi irrelevant. Es ist unwichtig, ob diese Geschichten über die Kindheit Muhammads, Jesu oder Davids wahr sind. Entscheidend ist, was sie über unsere Propheten, unsere Messiasse, unsere Könige mitteilen: daß ihre Berufung heilig und von Ewigkeit her und seit Erschaffung der Welt von Gott verfügt worden ist.
Und doch vermitteln uns diese Überlieferungen in der Zusammenschau mit dem, was wir über die vorislamische arabische Gesellschaft wissen, wichtige historische Informationen. So läßt sich beispielsweise mit Sicherheit sagen, daß Muhammad ein Mekkaner und ein Waisenknabe war; daß er schon in jungen Jahren im Karawanenhandel seines Onkels tätig war; daß die Karawane häufig in dieser Region reiste und christlichen, zoroastrischen und jüdischen Stämmen begegnete, die mit der arabischen Gesellschaft in engem Austausch standen; und schließlich daß er die Religion und Weltsicht des Hanifismus kannte, der in Mekka weit verbreitet war und höchstwahrscheinlich den spirituellen Nährboden für Muhammads eigene Bewegung bildete. Gleichsam um den Zusammenhang zwischen Hanifismus und Islam zu unterstreichen, charakterisieren die frühen muslimischen Biographen Zaid als eine Art Johannes der Täufer, der das Kommen "eines Propheten aus dem Stamme Ismails" erwartete, "genauer gesagt, aus dem Stamme Abd al-Muttalibs". "Ich denke nicht, daß ich ihn noch erleben werde", soll Zaid gesagt haben, "aber ich glaube an ihn, verkünde die Wahrheit seiner Botschaft und bezeuge, daß er ein Prophet ist."
Vielleicht irrte sich Zaid. Vielleicht ist er diesem Propheten tatsächlich begegnet. Er konnte ja nicht wissen, daß der Waisenknabe, den er ermahnte, nicht den Götterbildern zu opfern, eines Tages dort stehen würde, wo er selbst einst gestanden hatte - im Schatten der Ka?ba -, und mit einer Stimme, die den Lärm der die Ka?ba umkreisenden Pilger übertönte, rufen würde: "Was meint ihr denn (wie es sich) mit Allat und al-Uzza (verhält) und weiter mit Manat??Das sind bloße Namen, die ihr und eure Väter aufgebracht habt ? (Für uns gibt es nur) die Religion Abrahams, der ein Hanif war, kein Heide" (53, 19 und 23; 2, 135).

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages C.H. Beck

Informationen zum Buch und zum Autor hier