Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Rainer-K. Langner: Kopernikus in der Verbotenen Stadt. Teil 1

17.09.2007.
Teil 2
Vom Kreuzzug Europas

Du sollst nach den Chinesen fragen, und woher sie kommen und von wie weit und wie oft sie nach Malakka kommen oder zu den Orten, an denen sie Handel treiben, und welche Waren sie mitbringen und wie viele ihrer Schiffe jährlich anlanden, von welcher Bauart ihre Schiffe sind ? und ob sie reiche Kaufleute sind, und ob sie feige oder kriegerisch sind, und ob sie Waffen bzw. Artillerie haben, und was für Kleidung sie tragen, ob sie körperlich groß gewachsen sind, und alle anderen Informationen über sie, und ob sie Christen oder Heiden sind, ob ihr Land groß ist und ob sie mehr als einen König haben.
König Manuel I., Instruktion an seine Kapitäne


Überfahrt nach Goa

Als wollte ganz Lissabon den aus fünf Seglern zusammengestellten Schiffskonvoi verabschieden, waren die Straßen herunter zu den Hafenanlagen am Tejo derart verstopft, dass der Mehrzahl der Schaulustigen nur eine sanft schwankende Silhouette hoch aufragender Bootsmaste mit ihren Wimpeln und Fahnen zur Ansicht blieb. Wer anderes wollte, vielleicht einen Blick auf jene werfen, die die Überfahrt nach Ostindien wagten, hatte sich noch vor dem ersten Hahnenschrei einen Platz am Kai suchen müssen, zwischen allerlei Kisten, Proviantkörben und den in lockeren Gruppen zusammenstehenden "Degredados", den Landstreichern, Gefängnisinsassen und Heimatlosen, die als Söldner für die vielen portugiesischen Forts entlang der asiatischen Küste rekrutiert worden waren und auf ihre Einschiffung warteten.

Es ist der 16. April 1618 und für die über 12 000 Seemeilen lange Passage nach Goa fast zu spät. Der Nordwind, der die Flotte aus dem Tejo in südwestlicher Richtung auf Madeira oder die Kanarischen Inseln zu blasen sollte, schwächelte bereits, und niemand konnte sagen, ob die Schiffe den günstigen Monsun im Indischen Ozean noch rechtzeitig erreichen würden. Erreichten sie ihn nicht, müssten die Segler an der afrikanischen Westküste "überwintern", in Sofala, Moçambique oder Melinde, um im nächsten Jahr die Reise fortzusetzen. Davor fürchteten sich alle; das Klima in den afrikanischen Häfen war Europäern wenig zuträglich, und sie wären schutzlos tropischen Krankheiten ausgesetzt. Gewiss war mit königlichem Erlass für jedes Schiff ein Arzt vorgeschrieben, doch um die Durchführung des Dekrets kümmerte sich niemand, oft sah nur ein ungenügend ausgebildeter Barbier, der den Aderlass als Allheilmittel betrieb, nach den Kranken. Viele, die den Stürmen im Atlantik oder vor Afrikas Südspitze trotzten, starben in Moçambique an der Malaria.

Dass der Konvoi so spät und nicht schon vor zwei Wochen die Anker lichtete, dafür machten die Kapitäne den Jesuitenorden verantwortlich, Pater Nicolas Trigault insbesondere, der über zwei Jahre durch Europa reisen musste, bis er genügend Gelder und fromme Männer für die Missionsarbeit in China akquiriert hatte.

Herzog Ranuccio I. Farnese von Parma hatte dem Jesuiten die Zusage gegeben, künftig die Chinamission fortdauernd zu unterstützen; in Paris hatte er von Maria von Medici flandrische Wandteppiche als Geschenk für den chinesischen Kaiser erhalten, in Brüssel gab Isabella von Spanien einigen Kirchenzierrat und Gemälde. Der Erzbischof von Trêves spendete einen Reliquienschrein, und in München versprach das Oberhaupt der Katholischen Liga, Maximilian I., Kurfürst von Bayern, die Missionsarbeit jährlich mit 500 Gulden zu unterstützen. Wo immer Trigault und sein Ordensbruder Schreck vorsprachen, fanden sie lebhaftes Interesse und die Bereitschaft, als "wahrer Christ" die gottgefällige Heidenbekehrung finanziell zu unterstützen. Zwischen der frommen Absicht und der Tat jedoch lag das Wechselspiel europäischer Politik. Trigaults Rundreise war in Madrid vor dem Thron des spanischen Königs Philipp III., der zugleich als König Philipp II. Portugal regierte, an ihr Ende gekommen. Als Spanier versprach Philipp, was er als Portugiese nicht halten konnte, nämlich die nötigen Mittel für 15 neu einzurichtende Niederlassungen in China und den Unterhalt von 300 Missionaren. Solche Großzügigkeit sollte den spanischen Einfluss in den von den Portugiesen beherrschten chinesischen Gewässern mehren, doch Portugals machtvolle Kaufmannschaft trotzte dem König. Da alle Schiffe nach Ostindien mit Billigung des Papstes ausschließlich von Lissabon aus in See stachen, verweigerte die Kaufmannsgilde Trigault kurzerhand die Überfahrt nach Goa für den Fall, dass er Philipps Geld annehmen würde. Der Pater verzichtete, eine Auseinandersetzung mit den Portugiesen hätte die Passage weiter hinausgeschoben, vielleicht in diesem Jahr gar verhindert.

Es war nicht seine erste Überfahrt nach Ostindien, und Trigault wusste, unter welchem Zeitdruck die Kapitäne standen. So musste er es hinnehmen, dass jener Segler, der die Geschenke der Maria von Medici nach Lissabon brachte, von Holländern geentert und geplündert worden war, wie er den Verlust eines zweiten Schiffes tolerieren musste, das vor der Küste angebohrt und auf Grund gesetzt werden musste, um nicht auch noch Beute der Piraten zu werden. Es blieben wenig finanzielle und Sachwerte, die die Dockarbeiter zu verstauen hatten. Dafür reiste Trigault mit großem geistigen Potenzial, einer naturwissenschaftlichen Bibliothek, zahlreichen astronomischen Instrumenten und 22 Jesuiten, die in die Chinamission ihres Ordens eintreten wollten.

Die Ordensbrüder hatten auf der "Nossa Senhora de Jesus" die Nacht verbracht, nachdem sie von einem gemeinsamen Bittgottesdienst in der Kirche San Antao durch die Zurückbleibenden in feierlicher Prozession zum Hafen hinab und auf das Schiff begleitet worden waren. Auch viel Volk hatte den Patres das Geleit gegeben, am Tejo kannte jeder die Risiken einer Überfahrt nach Ostindien. Drei von zehn, die nach Goa aufbrachen, starben, manche Historiker halten eine Sterberate von 50 Prozent für wahrscheinlicher.

Die See forderte ihren Tribut, hielt orkanartige Stürme und ausbleibende Winde bereit, gefährlich starke Strömungen in Küstennähe und großflächige Nebelbänke. Eher hilflos waren die Seefahrer den Launen der Ozeane ausgeliefert, setzte doch das schlechte Wetter der Navigationskunst Grenzen, und ein Segler war in der Wasserwüste schnell verloren. Mit Gottvertrauen, dem Mut zur Improvisation und vor allem mit einer gehörigen Portion Erfahrung befuhren in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Europas Kapitäne die Weltmeere, einen für sie unbekannten Kosmos. Erst ein Jahrhundert später hatte man einen brauchbaren, schiffstauglichen Chronometer mit an Bord, mittels dessen auch der Längengrad bestimmt werden konnte, auf dem man gerade kreuzte. Noch aber tasteten sich die Schiffe von Breitengrad zu Breitengrad bis auf jene Höhe, auf der das anzusteuernde Ziel lag. Mit günstigen Winden segelte man ihn dann entlang, um den Bestimmungshafen zu erreichen. Ein direkter Kurs war mit den vorhandenen nautischen Instrumenten nicht zu steuern.

Die Seeleute bestimmten den nördlichen Breitengrad mit dem Quadranten, dem Seeastrolab oder dem Jakobsstab, indem der Navigator den Winkel zwischen Polarstern und Horizont ermittelte, vorausgesetzt, der Himmel war nicht wolkenverhangen und die Horizontlinie nicht von Stürmen gepeitscht. Auf der südlichen Hemisphäre wurde das "Kreuz des Südens" anvisiert. Um die Himmelsrichtung zu bestimmen, wurde der Kompass benutzt.

Als Astronom kannte Schreck solche Unwägbarkeiten der Seefahrt; von anderen Gefahren, Schiffsseuchen beispielsweise, hatte er gehört und hoffte, dass sie die "Nossa Senhora de Jesus" verschonen würden. Einen Arzt konnte er hier an Bord nicht entdecken.

Es waren die katastrophalen hygienischen Bedingungen auf den Seglern, die den Seuchen dieser Zeit - Pest, Typhus, Ruhr und "Brasilianischer Bandwurm" - Vorschub leisteten. Ungeziefer und Krankheitserreger gingen in den Hafenstädten an Bord der auslaufenden Schiffe, deren man in den tropisch heißen Seegebieten nicht Herr werden konnte. Der Tod war auf der "Carreira da India", wie die Portugiesen die Rundreise von Lissabon nach Goa und zurück nannten, stets gegenwärtig. Und wenn er gnädig war, nicht den "Schwarzen Tod" oder die Typhuserreger ausstreute, verwandelte die gefürchtete "holländische Krankheit", Skorbut, manchen Segler in ein Geisterschiff. Ein Jahrhundert nach Schreck notierte der Jesuitenpater Laimbeckhoven während der Überfahrt nach Goa deren Verlauf mit folgenden Worten: "Es hat aber diese Krankheit gemeiniglich mit Fäulnis des Mundes, und Geschwulst deren Füßen ihren Anfang; dann breitet sich das Übel so behände durch den ganzen Leib, dass solcher in kurzer Zeit an Schwärze dem Leib eines Mohren gleicht, bis endlich das gefaulte Geblüt zum Herzen steigt, und das selbige erstreckt."

Dem Skorbut wusste auch der Mediziner Schreck nicht viel mehr entgegenzusetzen als Essigwaschungen des Mundes, der Schläfen und der Nase. Breitete sich der Skorbut aus, waren er und seine Kollegen hilflos und vertrauten auf den Aderlass, die gebräuchliche Methode, Fiebererkrankungen zu therapieren. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: "Meine Beine waren schwarz und brandig, und ich war gezwungen, jeden Tag mein Messer zu gebrauchen, um durch Einschnitte dieses schwarze und faule Blut aus meinem Fleisch abfließen zu lassen. Ich brauchte mein Messer auch für mein Zahnfleisch, das faul war und über meine Zähne wuchs? Wenn ich dieses tote Fleisch weggeschnitten und viel schwarzes Blut zum Abfließen gebracht hatte, spülte ich meinen Mund und meine Zähne mit meinem Urin aus und rieb sie sehr stark. Täglich starben viele unserer Männer, und wir sahen, wie ständig Leichen ins Meer geworfen wurden, drei oder vier auf einmal. Meist starben sie, ohne dass man ihnen Hilfe gab, und taten ihren letzten Atemzug hinter einer Kiste oder Truhe, ihre Augen und die Sohlen ihrer Füße hatten die Ratten zernagt."

Teil 2

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