Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Miriam Toews: Ein komplizierter Akt der Liebe. Teil 3

12.09.2005.
ZWEITES KAPITEL

Nach East Village kommen Leute aus der ganzen Welt, um aus nächster Nähe einen Blick aufs einfache Leben zu erhaschen. Trudie weigerte sich meistens, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, dass wir im Sommer als hinterwäldlerische Jesus-Freaks zur Schau standen, und dachte laut darüber nach, was all diese Autos mit amerikanischen Nummernschildern in der Stadt verloren hätten. Das weißt du genau, du scheinheiliges Wesen, sagte Tash dann zu ihr. Dass sie der rückschrittlichsten Gemeinde der Welt angehören sollte, ging Trudie sehr gegen den Strich. Als vor ein paar Jahren die Queen unsere Stadt besuchte, um einen Blick zurück in die guten alten Zeiten zu werfen, verkündete Trudie, sie würde nicht hingehen. Die Queen war keine fünfzig Meter von unserem Haus entfernt, und alle sind hin, und Ray war es aus unerfindlichen Gründen ganz wichtig, dass Trudie ihr dunkelblaues Kleid anzieht und ihn zu dem Ereignis begleitet, aber sie meinte, nö, sie bleibt lieber zu Hause und liest. Sie würde sich doch nicht hinstellen wie der letzte Idiot, damit sie von der britischen Presse hämisch als Dorftrottel vorgeführt wird. Oder damit sie auf einem Foto auftaucht, mit der Unterschrift: Anonyme Mennonitin, unbeeindruckt vom Besuch der Queen in Religionsgemeinschaft. Bitte, Trudie, sagte Ray, bitte begleite mich. Nein, erwiderte sie, nimm doch die Mädchen mit. Was er schließlich tat. Wir trafen dann den Schwager meiner Mutter, und der hatte eine Trittleiter, auf die abwechselnd seine Kinder und Tash und ich kletterten, damit wir die Queen und ihr Gefolge so richtig gut sehen konnten. Die Leute hinter uns schimpften natürlich in der wunderlichen Sprache unseres Volkes, aber wen beeindruckt das schon, wenn man oppet Mul jefolle en sien Mul blift ope hört oder schledonzich geheißen wird.
     Auf dem Nachhauseweg trafen wir dann Mom, die uns erzählte, sie hätte die Queen doch gesehen. Trudie hatte in Morgenmantel und Pantoffeln zusammen mit ein paar Dorfjungs auf dem Dach von Kliewer s Kleinteile gesessen und den besten Ausblick der Stadt gehabt. So, bist du jetzt glücklich? Ich hab die Queen gesehen. Sie hakte sich bei Dad unter und zog ihn nach Hause. Tash und ich warfen uns einen Blick zu, nach dem Motto: Ist unsere Mutter mit ihrer Verrücktheit jetzt lustig und cool, oder übertreibt sie es so, dass wir uns Sorgen machen müssen? Ray schien sich weder zu freuen noch zu ärgern, er war bloß verwirrt. Eigentlich war es typisch, dass sie irgendwas ihm zuliebe tat, aber auf ihre latent aufmüpfige Art. Halb im Ernst, halb im Spaß. Sie war so was wie ein Klassenclown, der genau weiß, wie weit er mit seinen Frechheiten gehen darf.
     Ihre Schallplatten versteckte sie in Tashs alter Spielzeugkiste im Keller. Als ich zehn war, rief Tash einmal bei Der Stimme an und erzählte ihm, sie hätte eine von Trudies Kris- Kristofferson-LPs gefunden, und jetzt hätte sie schreckliche Angst, dass sie sich die Platte gleich anhört, worauf Die Stimme meinte, jetzt mal ganz ruhig, bete mit mir. Nimm das ... Ding und steck es in eine Papiertüte. Knips die Tüte zu und bring sie mir ins Pfarrhaus, dann wollen wir uns gemeinsam darum kümmern. Das ist eine Versuchung des Teufels, das weißt du doch, oder? Ja, sagte Tash, der Teufel ist so ein böser Mensch. (Was genau war er noch mal? Ein gefallener Engel?) Sie fing an zu heulen. Dabei war alles nur gespielt. Ihre Freundinnen hatten die ganze Zeit gelauscht und kugelten sich vor Lachen mit ihr auf dem Boden. Ich war starr vor Entsetzen. Tash war so klar der Verdammnis preisgegeben, dass ich es überhaupt nicht mehr lustig fand. Ein paar Stunden später kam Die Stimme bei uns vorbei, um sich Trudie wegen ihrer Vorliebe für Kris Kristofferson und Billy Joel vorzuknöpfen und mit ihr zu beten. In seinem Wörterbuch, meinte er, steht Rockmusik direkt vor Hölle.
     Es gab so viele skurrile Rubriken von Dingen, die erlaubt waren oder nicht, und keine hat mir je eingeleuchtet. Menno muss auf Hustensaft-Trip gewesen sein, als er sich diese Listen von Geboten und Verboten ausgedacht hat, aber unerklärlicherweise haben sie die Zeiten überlebt, und jetzt gehören sie untrennbar zu unserem Leben.
     Als ich zehn war, hatten Mom und ich einen größeren Streit wegen dem Film Dschungel der 1000 Gefahren, der im Kino in der Main Street lief. Ich wollte ihn unbedingt sehen. Meine beste Freundin von damals, Agnes, durfte gehen, aber das lag daran, dass ihr Vater rauchte und ursprünglich der Barkeeper der Stadt war, vor der großen Läuterung und bevor Die Stimme das Kommando übernahm und die Bar, den Busbahnhof, den Billardsaal und das Schwimmbad zumachte und dann die Lehrer zwang, sich nach einem willkürlichen Lehrplan zu richten, der mit dem normalen Curriculum des Bezirks nicht das Geringste zu tun hatte. Unser Schulbuch hätte Bewiesene Theorien, die wir leugnen heißen können. Das Einzige, was Die Stimme nicht abschaffen konnte, war das Kino, und ich habe nie ganz verstanden, wieso nicht. Wahrscheinlich irgendein Hinterzimmer-Deal, Beteiligung am Profit, was weiß ich. Vielleicht hat er es auch für die amerikanischen Touristen stehen lassen. Damit sie was zu tun haben, wenn das Dorf abends dichtmacht. Oder er träumte davon, eines Tages nonstop den Film Hazels Volk zu zeigen. Oder Mennos Zügel. Das waren die Lichtspiele (wir waren dazu angehalten, nicht Filme zu sagen), die man uns regelmäßig vorsetzte.
     Wer nun glaubt, diese Lichtspiele wären reine Propaganda gewesen, vereinfachte Geschichten über ein Grüppchen scheuer Farmer, die dem Druck der Welt, normal zu sein, widerstanden und stattdessen ihre durchgeknallten Gemeinschaften in Gegenden mit extrem harten Witterungsbedingungen gründeten, der hat vollkommen Recht.
     Agnes' Familie geht schon seit Generationen nicht mehr in die Kirche. Sie bedeutet ihnen nichts, und die Familie existiert in einem Vakuum: in der Stadt, aber nicht zur Stadt gehörig. Ich stand mit offenem Mund vor diesem Phänomen. Der Tabakgeruch, der in ihrem Haus hing, kam mir vor wie ein exotisches Parfüm, und das Geklirr leerer Flaschen klang wie seltene, wunderschöne Musik.
     Vor der großen Läuterung, als Agnes' Vater noch die ganze Nacht in der Bar arbeitete, mussten wir bei ihr zu Hause immer ganz, ganz leise spielen, weil ihr Vater tagsüber schlief. Meistens spielten wir "Schwamm verstecken", ein Spiel, bei dem man nicht gucken durfte, sondern nur horchen. Das Ganze fand auf der Toilette im Erdgeschoss statt, und es ging darum, den kleinen grünen Putzschwamm in den Schrank unter dem Waschbecken zu legen, ohne das geringste Geräusch zu verursachen. Während die eine also den Schwamm in den Schrank legte, saß die andere auf der Kloschüssel und horchte, ob die Schranktür beim Zumachen den leisesten Laut von sich gab. Wenn ja, flüsterte die auf der Kloschüssel Geräusch, und dann war die andere dran. Auch wenn ich die nächtliche Stille dieser Stadt grauenvoll finde, es hatte was, muss ich zugeben, bei dem Barkeeper im Haus so leise wie möglich zu spielen.
     Ich war vorher noch nie im Kino. Familien wie meine gingen da nicht hin. Aber Dschungel der 1000 Gefahren wollte ich schon verdammt gern sehen. Mom meinte, sie überlegt es sich, und ich meinte, er läuft aber heute Nachmittag, worauf sie meinte, ein bisschen mehr Zeit wäre ihr lieber gewesen. Dann besprach sie es mit Dad, und der wusste natürlich nicht so recht; sie sollte entscheiden. Also lief sie in ihren Daunenkugelpantoffeln im Haus herum und unternahm zur Ablenkung alles Mögliche, um währenddessen zu überlegen, was sie mir erzählen sollte. Ich lief hinter ihr her und fragte: und? Sie fragte, worum es geht, und ich meinte, das weiß ich nicht. Um eine Familie, glaube ich, die auf einer einsamen Insel lebt und versucht, da wegzukommen. Sie guckte sehr ernst. Was ist denn sündhaft an einer Familie, die versucht, zu überleben und sich zu wehren und von einer Insel wegzukommen, fragte ich. Darum ginge es nicht, meinte sie, eher darum, dass mich gewisse Leute im Kino sehen könnten. Dann verkleide ich mich eben, sagte ich, und dann lachte sie und meinte, das gibt's doch nicht, geh einfach. Sie sagte noch was in der alten Sprache, dem Sinn nach, zum Teufel damit, nur natürlich anders ausgedrückt. Wir durften das Wort Teufel nicht leichtfertig in den Mund nehmen, obwohl meine Eltern oft oba jo! sagten, was man frei mit o doch, zum Teufel! übersetzen könnte.
     Wir durften nicht mal Donnerwetter sagen, Agnes' Familie tat das natürlich. Als wir das Baumhaus ihres Bruders in Brand steckten, ebenfalls eine relativ leise Angelegenheit, und den Baum mit dazu, meinte Agnes, sie kriegt bestimmt ein Donnerwetter. Als ich Mom fragte, was das heißt, bat sie mich kopfschüttelnd, es nicht zu wiederholen. Natürlich fragte ich meine Freundin später, ob sie ein Donnerwetter gekriegt hätte, und als sie bejahte, wurde mir einerseits bang, andererseits war ich neidisch. Tabakrauch, Flaschengeklirr, und jetzt wurde ihr auch noch ein Donnerwetter zuteil. Paradiesisch.
     Fernseher standen bei Menno ebenfalls auf der schwarzen Liste, beziehungsweise hätten sie dort gestanden, wenn er ihre Erfindung erlebt hätte. Wir bekamen erst einen, als einer unserer Cousins, der für Tash und mich sowohl Cousin ersten und zweiten Grades als auch möglicherweise Onkel und zukünftiger Schwager war, in Wer ist der Beste auftrat, einem Quiz für Highschool-Schüler aus der Gegend, die innerhalb ganz kurzer Zeit Fragen beantworten müssen und für die richtigen Antworten Preise bekommen.
     Was erlaubt ist und was nicht, war so willkürlich und absurd wie Versteckspielen mit Zweijährigen. Billy Joel ist okay, aber der Ausdruck Donnerwetter nicht. Wer ist der Beste einwandfrei, Dschungel der 1000 Gefahren auf gar keinen Fall. Einmal hielt Die Stimme eine Predigt mit dem Thema "Vorabendserien - ein harmloses Vergnügen?". Trudie konnte ohne M*A*S*H nicht überleben. Gegen sieben Uhr abends drang das melodische "Suicide is Painless", unterlegt mit Hubschraubergeräuschen, durchs Fliegenfenster in den Garten, wo ich wahrscheinlich gerade den Gartenschlauch für Ray entknotete, Vögel begrub oder mich mit sonst was beschäftigte, und dann dachte ich immer einen Augenblick, einen ganz kurzen Augenblick: Ach, jetzt ist Trudie glücklich.
     Aus unerfindlichen Gründen war es in Ordnung, Batman zu gucken, obwohl der gegen menschenfressende Pflanzen und den Joker kämpfte, dessen Spitzname natürlich, da es eine Spielkarte war, auf das Böse anspielte. Verliebt in eine Hexe und Bezaubernde Jeannie sollten wir eigentlich nicht gucken, weil die Zauberei darin Teufelswerk war, aber wir guckten es trotzdem. Man kann nicht einfach die Nase rümpfen und dadurch Leute stolpern und Geschirr runterfallen lassen, meinte Trudie, und Tash sagte, ach ja, aber man kann mit einem Stab auf einen Busch klopfen, so dass der in Flammen aufgeht? Klar, und jetzt schau, hier in meiner rechten Hand habe ich fünf Fische. In meiner linken einen einzigen Laib Brot. Alles aufgepasst, jetzt verwandle ich ... Pssst, sagte Mom und Tash, selber Pssst. Mom sagte, Tash, und Tash sagte, Mom. Und dabei blieb es. Ihre angebliche Konsequenz war so halbherzig.

In einer Comedy-Sendung im Fernsehen, in welcher, weiß ich nicht mehr, überlegte der Komiker einmal laut, ob es im Himmel wohl Sex gibt, und Tash, die bäuchlings vor dem Fernseher lag, das Kinn in die Hände gestützt, sagte, o ja, und zwar göttlichen. Keine Ahnung, wieso ich mir ausgerechnet das gemerkt habe. Eigentlich ist mir mehr ihr ungerührter Gesichtsausdruck in Erinnerung geblieben, und die Reaktion meiner Eltern. Es kam nämlich keine.

Mit freundlicher Genehmigung des Berlin Verlages

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