Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Miriam Toews: Ein komplizierter Akt der Liebe. Teil 1

12.09.2005.
ERSTES KAPITEL

Ich wohne mit meinem Vater Ray Nickel in diesem niedrigen Ziegelbungalow draußen am Highway 12. Blaue Fensterläden, braune Tür, ein kaputtes Fenster nichts Besonderes. Allerdings verschwinden immer mehr Möbel. Das macht die Sache spannend.
     Unsere halbe Familie, die schönere Hälfte, ist weg. Ray und ich stehen morgens auf und gehen unseren verschiedenen Beschäftigungen nach, bis es Zeit wird, sich schlafen zu legen. Jeden Abend gegen zehn Uhr sagt Ray, dass er sich jetzt in die Falle haut. Auf dem Weg zu seinem Zimmer bleibt er in der Diele stehen und legt einen Zettel auf seine Schuhe, damit er weiß, was er am nächsten Tag zu erledigen hat. Wir schauen gern zusammen die Polarlichter an. Ich habe ihm wortwörtlich erzählt, was uns Mr. Quiring in der Schule darüber beigebracht hat. Wie diese Lichter zustande kommen. Dad meinte, Mr. Quirings Gedanken klängen nicht uninteressant. Er fand Mr. Quirings Ansichten schon immer ganz interessant, wahrscheinlich, weil er selber Lehrer ist.
     Ich muss Aufsätze schreiben. Und zwar bis zu Ende. Dabei habe ich immer Probleme, wenn mit was Schluss ist. Mr. Quiring hat uns erklärt, Aufsätze und Geschichten kämen meistens organisch zu einem vorherbestimmten Ende, über das der Autor gar keine Gewalt hat. Wir würden dann schon merken, wenn es kommt, das Ende. Na, sein Wort in Gottes Ohr. Eine Geschichte kann so oder so ausgehen, da muss man sich einfach entscheiden. Ich sehe mich schon wieder versagen. Das kann ich ja immerhin gut. Aber was zum Teufel kümmert mich das, wenn ich später sowieso nur zarte Hälse umdrehe und gefiederte Leichen aufs Fließband werfe, in einem windigen, schlecht beleuchteten Schlachthof am Rand einer Stadt, die nicht von dieser Welt ist? Die meisten jungen Leute hier landen ja doch bei Happy Family Farms, wo die Hühner aus unserer Gegend ihrem Schöpfer begegnen. Ich bin jetzt sechzehn, also ziemlich jung dafür, dass ich fast mit der Highschool fertig bin und in ein paar Monaten meinen Platz am Fließband des Todes einnehmen werde.
     Eine der immer wiederkehrenden Erinnerungen an meine Mutter, Trudie Nickel, hat ebenfalls mit dem Schlachten von Geflügel zu tun. Wir standen bei Carson auf dem Hof und sahen zu, wie er und sein Vater Hühnern den Kopf abhackten. Carson ist unverkennbar, Carson Enns, Armfurzer aus der letzten Reihe, absoluter Ober-Perversling. Behauptet, er hätte ein Kind in Pansy, einer Kleinstadt südlich von hier. Völlig gestört, der Typ, aber das ist kein Wunder bei seiner Vergangenheit als Killer im Schneeanzug. Ich war acht und Trudie ungefähr fünfunddreißig. Sie hatte einen roten Wollmantel und Moonboots an. Ihre Haarspitzen waren gefroren, weil sie morgens den Föhn nicht gefunden hatte. Schau mal, sagte sie, nahm eine Haarsträhne und knickte sie wie einen Strohhalm. Sie hatte mir ihren Paisley-Schal gegeben, damit ich ihn mir um die Ohren wickle. Ich weiß nicht, was wir mitten in dem Blutbad bei Carson zu suchen hatten. Es hatte bestimmt nicht als solches angefangen, aber so ist das wahrscheinlich mit Blutbädern, die entstehen einfach. Carson ist so alt wie ich, und jedes Mal, wenn er mit der Axt ausholte, schrie er das Huhn auf dem Block an, es soll flüchten. Hau ab, du blödes Huhn! Carson, sagte sein Vater dann. Nur den Namen, gefolgt von einem etwas verklemmten Kopfschütteln. Er tat sein Bestes, um den Killerinstinkt in seinem Sohn zu befördern. Es war halb fünf Uhr nachmittags an einem Wintertag, das Tageslicht verblasste allmählich, es schneite waagerecht, und wir standen alle unter einem grellen gelben Hofscheinwerfer. Na ja, ein paar von uns standen nicht, sondern starben. Und Carson murkste fürchterlich an diesem Huhn herum, hackte auf seinen Hals ein, aber nur halbherzig und flüsterte ihm zu, wie es entkommen könnte. Mach die Flatter, du Idiot. Zwing mich nicht, dir das anzutun. Armer Kerl. Inzwischen hatte er den Reißverschluss am Oberteil seines Schneeanzugs aufgemacht, so dass es ihm um die Hüften schwang wie ein Rock und ihn behinderte, und als sein Dad das sah, kam er her, riss Carson das halbverstümmelte Huhn aus der Fäustlingshand, schleuderte es auf das hölzerne Altarding, auf dem er schlachtete, ließ die Axt unglaublich schnell und präzise niedersausen und hatte in einer Zehntelsekunde ein Splatter-Kunstwerk im Schnee geschaffen. Ich konnte nicht fassen, dass das Blut so blitzschnell und lautlos aufgetroffen war, und meine Mutter stieß einen kleinen Schrei aus, schau, Nomi, ein Jackson Pollock! Mensch, ist das schön. Mensch, sagte sie, Tücher des Himmels! Das ist aus einem Gedicht von Yeats, aber sie sagte es einfach immer so. Carson und ich standen da und starrten auf das Blut im Schnee. Zack wusch, sagte meine Mutter. Dass das so leicht geht.

Ich weiß nicht, was sie meinte. Dass es so leicht geht, Kunst zu machen, ein Huhn umzubringen oder zu sterben. Alles drei kommt mir schwierig vor. Wenn sie jetzt da wäre und ich sie fragen würde, was sie gemeint hat, würde sie wahrscheinlich sagen: wovon redest du eigentlich, und ich: ach nichts, und damit wäre das Thema erledigt.
     Bloß weil sie weg ist, gehen mir diese trivialen kleinen Dinge von früher immer wieder durch den Kopf. Am Abend nach dem Gemetzel bei Carson fragte sie uns, wenn wir aus irgendwelchen Gründen alle im Koma gelegen und die Sommermonate verschlafen hätten und Mitte November wieder aufwachen würden, ob wir uns dann ärgern würden, dass wir den schönen, warmen Sommer verpasst hätten, oder ob wir froh wären, dass wir noch leben. Ray, der Entscheidungen nicht ausstehen kann, wollte wissen, ob wir beides nehmen könnten, aber sie meinte, nein, das nicht.
     Trudie wohnt nicht mehr hier. Sie ist kurz nach Tash weg, meiner älteren Schwester. Ray und ich wissen von beiden nicht, wo sie sind. Bei Tash wissen wir immerhin, dass sie mit Ian weg ist, dem Neffen von Mr. Quiring. Das ist so einer, der den Daumen hintenrum bis zum Handgelenk biegen kann, und er hat einen roten Ford-Econoline-Bus. Trudie ist anscheinend allein weg.
     Und mein Vater, wissen Sie, was der immer sagt, wenn wir an so einem langen Abend allein in unserem Haus am Highway sitzen? Hey, Nomi, sollen wir mal ne Scheibe drallern? Sagt der glatt, mit diesen peinlichen Worten. Anne Murry mit "Snowbird" will er hören, soll das heißen, oder meine alte Terry-Jacks-Single mit "Seasons in the Sun". Das Stück habe ich mit neun abends im Dunkeln immer wieder gespielt, in dem Jahr, wo ich mir meiner Existenz überhaupt erst bewusst wurde. Ein Mordsspaß. Wir amüsieren uns irrsinnig. In letzter Zeit benutzt Ray ziemlich oft das Wort verkraften. Und sich fangen. Wir fangen uns und wir verkraften. Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er es abgestritten. Uns geht es gut, und wir kommen klar, meint er. Warum soll er sich seine Wirklichkeit nicht zurechtbasteln? Das Leben wäre voller Verheißung, sagt er, aber wahrscheinlich meint er die Verheißung, dass irgendwann Schluss ist, denn von einer anderen habe ich bisher nichts bemerkt. Wenn wir wenigstens hier weg könnten, wäre schon was gewonnen, aber das geht natürlich nicht, weil wir darauf warten, dass Trudie und Tash wieder zurückkommen. Drei Jahre ist das jetzt her. Am Tag, nachdem Trudie fortging, hat meine Periode angefangen, ich habe also schon sechsunddreißig Mal geblutet, seit die beiden weg sind.

Diese Stadt ist so ernst. Und so still. Die Stille macht mich noch verrückt. Ob man daran sterben kann? Irgendeine unsichtbare Kraft hält ständig den Daumen auf das, was wir sagen, wie den Finger auf eine offene, blutspritzende Wunde. Im Rathaus steht ein riesiger Aktenschrank mit lauter Totenscheinen, auf denen zu lesen ist: an unterdrückter Wut erstickt oder an verschwiegenem Unglück verendet. Silentium. Nachts hört man höchstens die Transporter, die den Highway runterbrettern und bedröhnte Tiere irgendwohin schaffen, wo man mit dem Messer auf sie losgeht. Blickkontakt mit dem Rindvieh verboten! Die Menschen hier können das Sterben anscheinend nicht erwarten. Aber sonst passiert ja auch nichts. Wir werden alle bloß deshalb nicht bei der Geburt um die Ecke gebracht, weil wir dann nicht ein Leben lang leiden könnten. Meine Vertrauenslehrerin sagt immer, ich soll meine Haltung zu dieser Stadt ändern und lernen, sie zu lieben. Tu ich doch, habe ich zu ihr gesagt. Wer's glaubt, wird selig, meinte sie.
     Wir sind Mennoniten. Meines Wissens ist das die peinlichste religiöse Untergruppierung von Menschen, zu der man als Teenager gehören kann. Vor fünfhundert Jahren hat sich in Europa ein Mann namens Menno Simons seine eigene, eigentümliche Religion ausgedacht, und dann wurden er und seine Anhänger in ganz Holland, Polen und Russland verprügelt, umgebracht oder zur Anpassung gezwungen, bis sie, oder jedenfalls einige von ihnen, genau hier landeten, wo ich jetzt sitze. Aparterweise nannten sie den Ort East Village, so heißt nämlich, habe ich mir sagen lassen, das Viertel in New York City, wo ich am liebsten wohnen würde. Ein paar der Anhänger sind in ein riesiges Dürregebiet namens Chaco in Paraguay geflüchtet, den heißesten Fleck der Erde. Meine Freundin Lydia kommt aus Paraguay, und die hat mir Geschichten erzählt, wie die Hitze die Leute in den Wahnsinn treibt. Ein Onkel von ihr hat sich regelmäßig mitten auf dem Dorfplatz auf einen umgedrehten Futtereimer gesetzt und gebrüllt, man soll ihm seinen Verstand wiedergeben. Abends konnte man sich leichter mit ihm unterhalten, meinte sie. Wir Mennoniten sollen uns gefälligst fröhlich auf den Tod freuen, und bis zu diesem gelobten Tag möge unser Leben ein Abbild des Todes oder zumindest des Dahinsiechens sein. Eine mennonitische Meinungsumfrage könnte zum Beispiel wissen wollen: Möchten Sie lieber leben oder eines grausamen Todes sterben? Und wenn man antwortet, leben, legt der Umfrage-Menno wortlos auf. Man muss sich nur vorstellen, der größte Außenseiter der Schule gründet eine Clique, bei der alles verboten ist: Medien, Tanzen, Rauchen, gemäßigte Klimazonen, Kino, Alkohol, Rockmusik, Sex aus Spaß, Schwimmen, Schminken, Schmuck, Billard, in die Großstadt fahren oder nach neun ins Bett gehen. Das wäre Menno pur. Schönen Dank, Menno.

Teil 2