Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Margit Schreiner: Haus, Friedens, Bruch. Teil 3

02.07.2007.
Der Vorbesitzer hat den ersten Stock ausgebaut, alles mit Holz. Sieht ein bisschen aus wie eine Saunalandschaft. Aber Julia hat es gleich gefallen. Sie hat jetzt ein kleines Schlafzimmer und ein kleines Arbeitszimmer. Getrennt. Jugendliche lieben so etwas. Dann gibt es oben noch das kleine Gästezimmer. Ich selbst schlafe, wie gesagt, in der Abstellkammer. Im Architektenplan unserer Wohnung steht: nicht begehbarer Spitzboden! Und tatsächlich handelt es sich um einen niedrigen Raum mit sehr schrägen Wänden, den man nicht aufrecht begehen kann. Eine Art Campingzelt. Der Spitzboden wurde von meinen Vorgängern als Abstellkammer benutzt. Schade eigentlich, dachte ich sofort, als ich ihn sah. Amelie dachte das auch. Und Julia auch. Ein hübscher, etwa achtzig Zentimeter erhöht liegender Raum in Zeltform mit einem kleinen Fenster, gleich neben der Eingangstür. Entzückend. Ich habe ihn mit Teppichen ausgestattet. Nur: Ich muss jetzt mehr oder weniger ins Bett kriechen. Früher musste ich noch hochrobben. Ich habe mir dann vom Haslinger eine kleine Holztreppe bauen lassen. Türe habe ich leider auch keine. Bruno hat einen Lamellenvorhang angebracht, Ärzte haben so Vorhänge, man sieht sie auch überall in Banken und Sparkassen. Ziemlich praktisch und sieht auch gut aus, nur kann ich leider keine Tür schließen. Wenn meine Tochter nachts aufs Klo geht und das Licht anmacht, wache ich auf. (Das Klo liegt genau gegenüber vom Spitzboden.) Noch unangenehmer ist es, wenn die Freunde meiner Tochter nachts aufs Klo gehen und das Licht anmachen. Ich liege ja praktisch im Vorhaus. Und für die Katzen ist so ein Lamellenvorhang selbstverständlich kein Hindernis. Auch wenn die Lamellen blickdicht geschlossen sind. Die Katzen gehen einfach durch. Sie wollen beide in mein Bett. Der alte Kater wird dann regelmäßig wütend, weil er nämlich acht Jahre lang allein in meinem Bett geschlafen hat. Höchstens dass noch Bruno in meinem Bett geschlafen hat, aber das hat den Kater letztlich nicht so gestört wie die junge Katze, weswegen er jetzt die halbe Nacht faucht und knurrt. Wenn den Katzen nachts langweilig ist, spielen sie auch gerne mit den feinen Perlenschnüren, mit denen die einzelnen Lamellen verbunden sind. Besonders die Kleine spielt gerne damit. Sie hängt sich in die Lamellen und schwingt hin und her. Der Kater steht daneben und faucht. Vielleicht ist es ja deshalb zu dieser chronischen Schlaflosigkeit gekommen. Die Folge davon ist, dass dann die Nerven tagsüber mehr oder weniger blank liegen. Aber gerade deswegen setze ich jetzt alle meine Hoffnungen auf den Cumulus. Mit seiner Hilfe werde ich mich so entspannen, dass ich in der Nacht durchschlafen kann. Die Rückenschmerzen wird er ebenfalls bekämpfen. Ich muss nur Geduld haben. So etwas funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen.

In einer jener schrecklichen Nächte steht meine Mutter an meinem Bett, urplötzlich. Sie sieht mich vorwurfsvoll an. Du hasst mich, sagt sie, du hasst mich ohne Grund. Du wirfst mir vor, Rückenschmerzen zu haben und Kopfschmerzen und Stirnhöhleneiterungen und Nasenbluten, aber ich leide doch. Du leidest nur darunter, dass ich leide. Du wirfst mir vor, dass ich nur dich im Auge habe und sonst nichts im Leben. Sagst du. Aber es ist doch meine Sache, ob ich nur dich im Auge habe oder auch anderes oder gar nichts oder alles. Es ist ausschließlich meine Sache. Du wirfst mir vor, dass ich schlecht koche. Na und? Ich komme aus einer Familie und aus einer Zeit, in der man die Saucen mit Mehl verlängert hat. Und meine Spargeltoasts mit Spiegelei haben dir immer geschmeckt. Und die Malakofftorte auch. Du bist sogar oft in der Nacht aufgestanden und hast dir ein Stück Malakofftorte aus der Speisekammer geholt. Ich habe darauf geachtet, dass du genug frisches Obst und Gemüse und Salat bekommst. Wenn du krank warst, habe ich dir Wadenwickel aus essigsaurer Tonerde gemacht und Zwiebelumschläge um die Brust. Ich kann doch nichts dafür, dass du mich angesteckt hast und ich nachher selbst krank geworden bin. Mir hat jedenfalls dann keiner Wadenwickel und Brustumschläge gemacht. Und wenn ich einen Ischiasanfall hatte und ins Krankenhaus musste, dann habe ich das bestimmt nicht getan, um dich allein zu lassen. Du wirfst mir ja sogar vor, dass ich deinen Vater nicht geliebt habe. Was geht dich das an? Habe ich mich je eingemischt und dir vorgeworfen, welchen deiner Freunde du liebst und welchen nicht? Ich weiß nicht, warum du mich so sehr hasst. Ich habe deinen Puppen Kleider genäht und Jacken und Häubchen gestrickt, ich habe für die Puppenküche, die dein Vater im Keller gebastelt hat, die Vorhänge genäht und die kleinen Teppiche gewebt, ich habe mit dir Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt, wenn du krank warst, oder Fang-den-Hut, ich habe mit dir Wünsch-dir-was im Fernsehen angeschaut, und zu Weihnachten sind wir in das Weihnachtsmärchen gegangen. Wir haben zusammen Kekse gebacken und Gesichtscremen aus Joghurt und Zitrone angerührt. Ich habe dir mit der Brennschere Locken gedreht. Später habe ich dein erstes Ballkleid genäht. Aber du wirfst mir sogar vor, dass du bei der Anprobe damals so lange still stehen musstest. Und die Sorgfalt wirfst du mir auch vor, mit der ich jede Naht zuerst mit Heftfaden vorgenäht habe. Dir konnte nie etwas schnell genug gehen. Aber ich war eben nicht mehr jung und schnell genug. Ich habe auch nicht die Bildung deines Vaters gehabt, und die Schulbildung, die wir dir angedeihen haben lassen, habe ich nie genossen. Ich war in der Volksschule und nachher habe ich in einer Klosterschule für Frauenberufe kochen mit Mehlsaucen und Topflappen stricken gelernt. Dass ich dann später eine Kurzausbildung als Krankenschwester machen durfte, ist an dem Mangel an Krankenschwestern gelegen, der herrschte, bei all den Verletzten und Kranken, die der Krieg mit sich gebracht hat. Und die geschlossene Abteilung der Psychiatrie habe ich mir nicht ausgesucht. Ich war sehr jung damals. Wie, glaubst du, kann man es verkraften als junges Mädchen mit kaum einer Ausbildung als Krankenschwester in der Psychiatrie, wo die Kranken in Sälen liegen und heulen und schreien, und wo du nachts nur zu zweit an die Betten treten darfst, weil sie dich allein vielleicht angreifen und verletzen, wenn nicht, indem du lachst über die Psychosen der Patienten. Über die Frau, die sich für den Papst hält und die du nur mit "Eminenz" anreden darfst, weil sie sonst handgreiflich wird, oder die andere, die den ganzen Tag Kinderlieder singt und die du nur waschen darfst, wenn du mit ihr alle Strophen von "Hänschen klein" singst. Machst du einen Fehler, spuckt sie dich an. Da wirst du doch selbst verrückt, wenn du nicht lachst. Nachher dann, als die Psychiatrie geschlossen wurde, habe ich nicht gefragt, warum. Wozu auch? Was hätte es genützt? Aber ich erinnere mich bis heute an jeden einzelnen von ihnen und will mir nicht vorstellen, wie sie erstickt sind im Gas. Ich will es nicht. Vielleicht habe ich darum so viele Kreuzworträtsel aufgelöst und nicht, weil ich zu faul zu allem war, wie du immer angenommen hast. Ja, ich weiß, dass du das geglaubt hast, wenn dein Vater im Nebenzimmer Bruckner gehört oder Thomas Mann gelesen hat, und ich habe wieder nur meine Kreuzworträtsel aufgelöst. Wenigstens hatte dein Vater keine Hochschulbildung. Einmal hat mich ein Arzt heiraten wollen, ein sehr netter Mann war das, aber ich habe ihn nicht genommen wegen des großen Bildungsunterschiedes. So etwas kann nicht gut gehen. Nach der Psychiatrie habe ich dann Schuhe verkauft. Beim Kreuzworträtselauflösen war ich frei.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Schöffling & Co
(Copyright Schöffling & Co.)


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