Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Juri Andruchowytsch: Moscoviada. Teil 3

31.07.2006.
In der Umkleide ist es dunkel wie immer, und während du nach dem unter Spinnweben verborgenen Schalter tastest, siehst bzw. spürst du, wie sich in einer Ecke dieser "Vordusche" ein Haufen alter Lumpen bewegt. Immer nervöser und energischer, als ob ein paar Dutzend Metroratten, über die neuerdings so viel in der Presse berichtet wird, hier Zuflucht gesucht hätten. Doch die struppige bärtige Fratze, die mit dem Erstrahlen des elektrischen Lichts aus den Lumpen auftaucht, zerstreut deine biologischen Ängste und Zweifel: Iwan Nowakowski, genannt Nowokain, oder auch Wanja Kain, verfolgter und abgefallener (also in Abfall verwandelter) Literat, Verleger, Kulturologe und Penner, übernachtet seit ungefähr fünfzehn Jahren illegal im Wohnheim, zu welchem Zwecke er in Marjina Roschtscha eine kirchliche Ehe mit der im Wohnheim eingeschriebenen, an Epilepsie leidenden Wassilissa einging (achtes Semester, Fakultät der Narren in Christo), aber sehr vieles deutet auf eine Scheinehe hin, denn Nowokain bereitet sich sein Nachtlager meist in den Duschen oder im Trockenraum. Es heißt, Wassilissa habe ihm mit der Tischlampe eins übergezogen. Andere sagen, es sei keine Tisch-, sondern eine Lötlampe gewesen, und die habe sie ihm in den Arsch gerammt. Jedenfalls bewegt er sich in postapoplektischem Gang wie belämmert über die Straße. Dabei brabbelt er vor sich hin, zitiert strophenweise seine eigenen Gedichte und gebiert immer neue verlegerische Projekte.
     "He, willste vielleicht Gedichte kaufen?" Er schiebt seine alte Onanisten-Hand unter dem Lumpenhaufen hervor, sie hält ein Exemplar grauer Fotokopien umklammert. "Exzellente Gedichte, Nikolaj Palkin, ein Rubel, 90 Kopeken für den Autor ..."
     Du betrachtest den speckigen dünnen Umschlag: Reihe "Die Russische Idee". Gegründet 1991. Nikolaj PALKIN. Es löst den Zopf die Birke. Neue Gedichte. Verlag "Drittes Rom". Der Umschlag zeigt eine Birke, einen durchgestrichenen Davidstern und einen kraftstrotzenden doppelköpfigen Adler, der aussieht, als würde er gleich abheben und durch sein monströs-unnatürliches Aussehen die gesamte Himmelsfauna aufscheuchen, einschließlich der Engel. Während Wanja unablässig redet, d. h. zitiert und Witze reißt, überfliegst du die erste Strophe:

Im Blute liegt das Land der Russen,
Warum nur gottloses Gelichter
Wird Rußlands Adler angeschossen,
Von Juden, Luden, Arschgesichtern


Und weiter, noch cooler:

Warum nur Baltikum, laß wissen
Du hassest uns so ohne Not?
Solln Letten, Esten sich verpissen!
Sonst fickt euch Rußland einfach tot!


Das Wort "fickt" war von Hand durchgestrichen, darüber das Wort "sticht" geschrieben, auch dieses durchgestrichen und durch "schießt" ersetzt. Schweigend gibst du Nowokain die Gedichte zurück. Und gehst dich waschen, stakst vorsichtig über die kalten, schmutzigen Pfützen auf dem schartigen Boden des Duschraums. Worauf Nowakowski sich wieder unter seine Lumpen verkriecht und schläft vielleicht auch onaniert.
     Was für ein Segen, daß es hier unten, im schmutzigen, von Auswurf, Seifenresten und alten Haarbüscheln versifften Keller, wenigstens warmes Wasser gibt, was für ein geiles Gefühl, ein Gefühl, das vielen Arbeiter-und-Bauern- Schriftstellern völlig fremd ist: sich mit Seife waschen, Zähne putzen! Ach, ewig hierzubleiben! Alles vergessen, sich mit geschlossenen Augen dem Wasser hingeben wie einer Geliebten. Die meisten deiner Gedichte sind dir im warmen Wasser eingefallen. Denn warmes Wasser befähigt dich dazu, groß, gut, genial und gleichzeitig du selbst zu sein. Die können dich alle mal.
     Hinter der Wand - in der Frauendusche - permanentes Lachen und Kichern. Als wären sie dort vieltausendmal tausend. Verdammte Lesben, warum müssen sie immer kichern, wenn sie sich waschen? Du verstehst kein Wort von ihrem vogelartigen Gezwitscher; als sprächen Mädchen beim Baden eine fremde, nur ihnen verständliche Sprache. Eine geheimnisvolle Sprache aus matriarchalischer Urzeit. Voll Herablassung und Überheblichkeit dem männlichen Geschlecht gegenüber, seinen viehischen Bedürfnissen und Neigungen. Deshalb können sie es auch nicht ausstehen, wenn ein Vertreter dieses Sklavenhaltergezüchts sie bei ihren sakralen Waschungen beobachtet oder - schlimmer noch - sich zu ihnen gesellen will. Das wird aufs strengste bestraft, wie schnöder Diebstahl okkulten Wissens. Der Susdaler Dichter Kostja Lochow, dein Kommilitone, hat beschrieben, wie rasende Jungfrauen ihm, dem jungen Grünschnabel, siedendes Wasser über den Pimmel gossen, weil er sie beim Planschen in der Dorfbanja beobachtet hatte. Kein schlechtes Gedicht, vielleicht sein bestes. Ein Gedicht der Erinnerung an vergangene Zeiten. Furchtbar weh hat es getan.
     Aber die Stimmen hinter der Wand verstummen, eine nach der anderen, und mit ihnen vergeht das Rauschen des Wassers. Vielleicht ist das Ritual beendet, die magische Seance abgeschlossen - Zeit, eine andere Sprache zu sprechen. Aber jemand ist noch da, denn du hörst doch, wie aus mindestens einer Dusche Wasser fließt.
     Dann setzt der Gesang ein. Eine einsame weibliche Stimme. Ein wunderbares Lied, aber nicht von der Art, wie es Mädchen im Überschwang jugendlicher Gefühle oder frühlingshafter Träume singen. Nein, es ist anders, nicht Lied, sondern einfach unglaubliche Lust an der Stimme, diesem vollkommensten musikalischen Instrument (schön gesagt, von F., aber leider von Lorca). All das - warmes Wasser, Musik, die eigene Größe - versetzt dich in überirdische Verzückung, die Stimme hinter der Wand quält dich süß wie eine philippinische Massage, erreicht auch deine letzte, kleinste Zelle, längst ist es Zeit zu gehen, aber du kannst nicht, kannst nicht! Was für eine Sirene ist das nur? Ja, soll ich mir denn die Ohren mit Seife verstopfen? Du spürst deine Erregung immer deutlicher. Diese aufwühlende, lockende Stimme läßt dich nicht los. Du hast keine Wahl.
     Am Lumpenhaufen vorbei, unter dem der vom "Scheißleben" gebeutelte Wanja Kain verstummt ist, schlüpfst du aus der Umkleide, das Wasser läuft in Strömen an dir herab, und das Herz will dir aus dem Munde springen. Du hüllst dich in das große, flauschige, von daheim mitgebrachte Tropenhandtuch. O Lambada, Madonna, Quetzalcoatl, Popocatepetl! Einem anderen würdest du so eine Geschichte gar nicht abnehmen ...
     Du öffnest so vorsichtig wie möglich die Tür zum Kellerflur (die Stimme dringt sogar bis hierher, fatale Fata Morgana!). Dämmriges Licht, niemand in der Nähe. Rechts um! kommandiert dein persönlicher Feldmarschall im Schädel, vielmehr irgendwo in der Leistengegend. Rechtsum und den Korridor entlang geeilt, nicht mehr als zehn Schritt. Zurück bleiben die Abdrücke deiner nassen Füße. Das Kabuff der Putzbrigade ist verschlossen - klar, Samstag, da hockt nicht mal der billigste Blödel hier rum.
     Hinter der nächsten Tür befindet sich die Höhle, in der, von einem Drachen bewacht, die Stimme wohnt. Du trittst entschlossen ein, als ginge es zur Hinrichtung. Nimmst fast nichts mehr wahr, wunderst dich höchstens, daß die Frauendusche innen genauso eingerichtet ist wie die der Männer - als gehörten Frauen zur gleichen biologischen Spezies. Drinnen in der Umkleide zerrst du am Handtuch und kriegst es kaum ab. Denn es hängt an deinem Pfahl fest, verheddert sich am Haken zwischen deinen Beinen, schließlich befreist du dich und steigst über den gestreiften Amazonasurwald, der auf dem Betonboden ausgebreitet liegt.
     Sie steht mit dem Rücken zu dir unter der Dusche, das seifige Wasser fließt in duftenden Strömen an ihr herab, ihre Haut ist gold-schokoladen-seidig, die Beine wie junge Tropenbäume. Du trittst, so nah es geht, an sie heran und legst ihr die Hände auf die Schultern. Der Gesang bricht ab.

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages

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